Samstag , 19. September 2020
Zwei, die sich verstehen: Bettina von Stockfleth und ihr Kater Tharuk. Foto: t&w

Die Sprache der Katzen

Buchholz. Ist die Luft wieder rein? Rodrigo linst vorsichtig durch die geöffnete Terrassentür, durch die der fremde Mann in sein Reich vorgedrungen ist. Das liegt inzwischen eine Stunde zurück. So lange hat Rodrigo im Obergeschoss ausgeharrt, in der letzten Ecke des Hauses, und keinen Laut von sich gegeben. Man weiß ja nie… Noch vor ein paar Jahren hat er sich nach solchen Begegnungen tagelang in der Einbauküche verkrochen. Männer kann er einfach nicht leiden – egal, wie groß, wie alt oder wie nett sie sind. Männer sind sein Trauma.

Rodrigo kommt von der spanischen Straße. Was genau der graue Kater dort erlebt hat, weiß bis heute niemand genau. „Vermutlich wurde er von Männern misshandelt“, sagt Bettina von Stockfleth, während sie mit einem Auge beobachtet, wie Rodrigo vorsichtig durch den Garten tapst – nach nur einer Stunde wohlgemerkt. Fragt man Bettina von Stockfleth, ist das das Ergebnis jahrelanger therapeutischer Arbeit. Sie ist mehr als nur Rodrigos Dosenöffnerin und Freundin, sie ist auch seine Psychologin.

Oft der letzte Versuch vor dem Tierheim

Seit 2010 wird die 57-Jährige immer wieder von verzweifelten Katzenbesitzern in der Region um Hilfe gebeten – oft erst dann, wenn das geliebte Haustier schon mit einem Bein im Tierheim steht: depressiv, aggressiv, traumatisiert. Wenn die Wohnung demoliert oder der Halter krankenhausreif gebissen wurde, sei der Anruf bei ihr oft der letzte Versuch, einen Ausweg aus der Misere zu finden, erzählt Bettina von Stockfleth.

Katzenpsychologe – das ist kein geschützter Beruf, aber durchaus einer, den man lernen kann. Bettina von Stockfleth hat an der Akademie für Tiernaturheilkunde eine mehrjährige Ausbildung absolviert und zahlreiche Fortbildungen besucht. Aus Liebe zum Tier – und auch aus Überzeugung.

Auch der Besitzer muss sich öffnen

„Meine Kunden sind primär Menschen, die ihre Tiere sehr lieben“, erzählt sie. Aber in vielen Fällen sei eben nicht die Katze problematisch, sondern die Haltung. „Manche melden sich, wenn die Katze seit fünf oder sechs Jahren überall hin uriniert – ein Tabu-Thema. Ich wünschte, die Menschen würden sich früher melden. Es ist schwieriger, solange bestehende Verhaltensmuster wieder aufzubrechen.“ Viele Kunden staunten dann nicht schlecht, wenn sich die Katzenpsychologin beim ersten Hausbesuch auf den Fußboden setzt und schläfrig blinzelt: „Katzenlächeln“ nennt sie das. „Ich spreche ja ein Stück weit auch die Sprache der Tiere.“

Die können ihr dann zwar nicht ihre Geschichte erzählen, wohl aber die Halter. Bettina von Stockfleth arbeitet sich durch die Biografien der Katzen. „Manchmal tragen die Tiere als Sozialpartner auch eine Last. Da wird die Katze depressiv, weil der Halter depressiv ist.“ Um dem Tier helfen zu können, müsse sich auch der Besitzer öffnen.

„Ich haben in den vergangenen Jahren viel gesehen“, sagt Bettina von Stockfleth – viele Fälle, in denen Mensch und Tier wieder zusammengefunden haben. Das gibt ihr Kraft. „Aber es gibt eben auch Situationen, in denen ich nicht helfen kann. Wenn dem Halter zum Beispiel der Standort seiner Designer-Couch wichtiger ist als das Wohl des Tieres.“

Katzen kann man doch erziehen

Dabei reichten oft schon kleine Veränderungen in der Wohnungsgestaltung, um den Samtpfoten zu helfen, das unerwünschte Verhalten abzulegen: abgeklebte Scheiben zum Beispiel, damit die Wohnungskatze die unliebsamen Eindringlinge im Garten nicht mehr sehen muss. Oder auch Spielzeug und Kratzbäume, um für Beschäftigung zu sorgen.

Die Katze werde oft missverstanden, sagt Bettina von Stockfleth. Eine, die mit dem Rücken auf dem Boden liegt, zeige keine Unterwürfigkeit, sondern eine Abwehrgeste – ob im Spiel oder im Kampf. Eine Katze, die faucht, sei nicht automatisch bösartig, sondern wolle lediglich Distanz schaffen. Und eine, die die Möbel zerkratzt, habe womöglich im Sinn, ihr Revier zu markieren – und nicht bloß die Krallen zu schärfen.

Unwissenheit und Vorurteile – das sind zwei Baustellen, denen die Katzenpsychologin immer wieder begegnen. „Oft heißt es zum Beispiel, Katzen könne man nicht erziehen. Aber mit Liebe und Konsequenz kann man jedem Tier etwas beibringen.“ Kater Quentin zum Beispiel hat mit dem Klickertraining ein ganzes Showprogramm erlernt. Diese Art der akustischen Konditionierung ist vor allem aus der Hundeerziehung bekannt, aber auch Quentin akzeptiert das Signal des Klickers, einer Art Knackfrosch, als Bestätigung für seine Leistung. Männchen – Klick! Rolle – Klick! Sprung durch den Reifen – Klick!

Ganz anders als Hunde

Vor der Kamera des Fotografen, der Rodrigo so ein Dorn im Auge ist, spult der selbstbewusste Quentin sein Können ab. Auch bei 30 Grad Außentemperatur lässt sich der rote Kater davon überzeugen, seine Paradedisziplin „Beifuß“ zu demonstrieren – keine Selbstverständlichkeit, sagt Bettina von Stockfleth. Wenn der Kater nicht will, dann will er nicht. Katzenlogik.

„Die Tiere sind genauso intelligent wie Hunde. Sie funktionieren nur einfach anders“, sagt Bettina von Stockfleth. „Eine Katze verlässt sich in letzter Instanz nur auf sich selbst.“ Wer einen Partner sucht, der bedingungslos zum Menschen aufschaut, sei mit einer Katze vermutlich falsch beraten.

Von Anna Petersen