Samstag , 19. September 2020
Bislang wurde die entlaufene Kuh nur von einer Wildtierkamera erwischt. (Foto: privat)

Das Phantom der Ostheide

Reinstorf/Volkstorf. Ganz plötzlich taucht sie auf. Und ist genauso schnell wieder verschwunden. Im Waldgebiet in der Samtgemeinde Ostheide streunt seit Wochen eine entlaufene Kuh zwischen Reinstorf und Volkstorf hin und her. Bisherige Versuche, sie einzufangen, schlugen fehl. Jetzt hat sie der Eigentümer schweren Herzens zum Abschuss freigegeben. Das ist aber auch nicht so einfach.

Barendorfs Revierförster Holger Kapell wurden von Waldnutzern bereits mehrere Sichtungen der Kuh gemeldet, das bestätigt er auf LZ-Nachfrage. Zumindest aus forstlicher Sicht sei die mittlerweile verwilderte Kuh kein großes Problem. Kapell: „Im Gegensatz zu Rehen frisst sie ja mehr Gras.“ Für den Baumaufwuchs an der einen oder anderen Stelle könnte das sogar förderlich sein. Allerdings ist das Tier eine potenzielle Gefahr für den Straßenverkehr, insbesondere im Bereich des Reinstorfer Kreuzes. Aber wie kam die Kuh eigentlich in den Wald?

„Wir hatten unsere Kühe auf die Weide getrieben, da ist sie einfach durch die Zäune gerannt und war total verbiestert“, sagt Landwirt Hans-Günter Meyer. Und dann war die zwei Jahre alte Rot-Bunte plötzlich über alle Berge. Eine direkte Suche blieb erfolglos, von der Kuh keine Spur. Zunächst habe Meyer mehr als eine Woche lang kein Lebenszeichen von dem entflohenen Wiederkäuer wahrgenommen. Bis sie anfing, regelmäßig bei Reinstorf über die Straße zu wechseln. Laut Polizei habe es schon fast einen Unfall gegeben, aber der Autofahrer habe gerade noch rechtzeitig bremsen können.

Mittlerweile erhält Meyer nach eigener Auskunft mehrere Anrufe pro Tag von Anwohnern, die das flüchtige Tier gesichtet haben, zuweilen auch nachts. „Aber leider wartet die ja nicht, bis wir kommen“, sagt Meyer. „Die ist wie ein Phantom.“

Auch eine größer angelegte Suchaktion mit zwölf Mann unter Beteiligung der Polizei blieb vor Kurzem ohne Erfolg. Ein Helfer sagt: „Wir waren schon bis auf 50 Meter an ihr dran und dann war sie wie vom Erdboden verschluckt. Wie Rambo, der sich im Unterholz versteckt.“

Gesonderte Schießerlaubnis ist jetzt beantragt

Landwirt Meyer hat sich nun „schweren Herzens“ dazu durchgerungen, das Tier zum Abschuss freizugeben. Er sagt: „Es geht mir nicht gut dabei, ich habe ein ganz schlechtes Gefühl“. Andererseits besteht eine konkrete Gefahr für den Straßenverkehr, sollte sie erneut einem Autofahrer unvermittelt vor den Kühler laufen.

Es ist aber gar nicht so einfach, eine Kuh schießen zu dürfen. Dafür muss laut Lüneburgs Kreissprecherin Katrin Holzmann eine gesonderte Schießerlaubnis bei der Unteren Waffenbehörde beim Landkreis Lüneburg beantragt werden. Dazu müssen unter anderem Stellungnahmen der Polizei, der Gemeinde bis hin zum Veterinäramt eingeholt werden. Und die benannten Schützen müssen sich gegebenenfalls zusatzversichern, da das Schießen einer Kuh nunmal „nicht zur normalen Jagdausübung“ gehört, heißt es.

Und überhaupt ist es mit der Sondergenehmigung zum Schießen alleine nicht getan, sagt auch Meyer. „Ich kann ja nicht einfach mit der Flinte in den Wald gehen und fertig. Zuerst muss ich die Kuh auch finden.“ Auch das Nachstellen mit einem Betäubungsgewehr sei nach Rücksprache mit einem Tierarzt nicht allzu erfolgversprechend. Meyer: „Erstmal müsste man nah genug rankommen, und wenn die Spritze treffen sollte, dann geht das Tier erstmal hoch und rennt weg.“ Damit sei dann auch nichts gewonnen, wenn die Narkose zwar wirkt, die betäubte Kuh dann aber unauffindbar im Wald pennt.

Landwirt Meyer hat andererseits aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es vielleicht doch noch ein Happyend gibt. Zwischenzeitlich hatte sich die Kuh wiederholt auf gut 500 Meter dem heimischen Hof genähert – bevor sie erneut im Wald verschwand.

Von Dennis Thomas