Samstag , 24. Oktober 2020
Foto t&w Pfeifenbauer Henrik Kroll aus Beverbeck

Der Klischeeraucher ist Geschichte

Beverbeck. Wenn Henrik Kroll abends rauchend in der Kneipe sitzt, bleibt er selten unentdeckt. Ein Mann mit Pfeife, noch dazu erst 29 Jahre alt: Das sorgt für irritierte Blicke. Und wenn er dann erzählt, dass er das hölzerne Utensil auch noch selbst gefertigt hat – gehobelt, geschliffen und poliert –, dann ist ihm die Aufmerksamkeit sicher. Kroll ist einer der jüngsten Pfeifenbauer Deutschlands, wenn nicht sogar der jüngste. „Es gibt kaum Menschen, die das vor dem Rentenalter hauptberuflich machen“, erzählt der leidenschaftliche Pfeifenraucher. Dass er selbst mal Pfeifen verkaufen würde, daran war bis vor sechs Jahren nicht zu denken. Damals war die Pfeife noch ein Hobby und die Physiotherapie sein Job.

Doch inzwischen ist alles anders. Inzwischen kommt er kaum noch raus aus seiner 20-Quadratmeter-Werkstatt in Beverbeck, die Auftragsbücher sind voll. Hinter Sprossenfenstern und Orchideensammlung hockt der 29-Jährige seit letzten Sommer Tag für Tag zwischen Schleifbock und Drechselbank, um aus feinstem Plateauholz Pfeifen zu fertigen: Klassiker, wie sie schon Albert Einstein geraucht hat, und kleine Kunstwerke in Eier- oder Schneckenform, rund oder eckig, braun oder Ferrarirot. Ein bunter Mix aus Handwerk und Fantasie. Kroll hält es mit seinem Gewerbe, wie es im Handbuch des modernen Pfeifenrauchers geschrieben steht: „Nicht zuletzt die Fähigkeit, immer wieder neu zu sein, verleiht der Pfeife eine so dauerhafte Existenz.“

Lieber in privater Atmosphäre

Wer also meint, die Pfeife hätte den Sprung ins 21. Jahrhundert nicht geschafft, der irrt sich. Zwischen 150 und 200 Stück verkauft Kroll im Jahr. An Azubis und Studenten, Automechaniker und Ärzte, die dem jungen „full-time pipemaker from Germany“ bei Instagram folgen oder über Facebook schreiben. „Den Klischeeraucher gibt es nicht mehr“, stellt Kroll klar. Nur würden die meisten Pfeifenfans nicht rauchend durch die Fußgängerzone rennen, sondern dem Tabakkonsum lieber in privater Atmosphäre frönen. Letztlich handele es sich nun einmal um ein Genussmittel – das aber unumstritten gesundheitsschädlich ist. Trotzdem ist es noch immer weit verbreitet.

Kroll selbst hat mit 18 das erste Mal an der Pfeife seines Vaters gezogen – und es dann auch gleich wieder gelassen. Zu sehr brannte der Rauch auf seiner Zunge. Mit 20 startete er dann einen zweiten, geübteren Versuch – und die Leidenschaft war entbrannt. Schon damals wusste er um sein handwerkliches Geschick. Aus Interesse bestellte er eine Art Modellsatz für den Pfeifenbau: vorgebohrte Teile, die bloß noch geschliffen und zusammengebastelt werden mussten. Ein nettes Projekt, aber Kroll noch zu wenig. Also zog kurz nach dem Schleifbock eine Drechselbank bei ihm ein – und er, der damals noch mitten in der Ausbildung steckte, begann sich das Handwerk autodidaktisch anzueignen – mit Internet, Fachliteratur und dem einen oder anderen Tipp vom Profi.

Dann die eigene Homepage und 2015 schließlich die ersten Aufträge. Ein paar Jahre lang versuchte er das Hobby mit einer Halbtagsstelle unter einen Hut zu bekommen – bis letzten Sommer. Da gab er seinen sicheren Job auf und wagte den letzten Schritt in die Selbstständigkeit. Keine Kompromisse mehr, keine halben Sachen.

Die Poliermaschine rattert

Seitdem hat Henrik Kroll ordentlich zu tun, und eigentlich auch keine Zeit für die Presse. Immerhin arbeitet er gerade an einem Großauftrag: die Jahrespfeife für das „Pipe-Dreams-Forum“ – in 16-facher Ausführung. Heißt: 16-mal Holzkanteln zu Pfeifenköpfen schleifen und 16 Mundstücke aus schwarzem Acryl formen. Dabei sind Serien eigentlich gar nicht sein Ding. Viel lieber entwickelt Kroll ständig neue Ideen für die Optik seiner Pfeifen. Dabei orientiert sich der Beverbecker meistens an bekannten Formen seiner Kollegen aus aller Welt und interpretiert diese neu – so, wie es das Holzstück in seinen Händen zulässt. Das stammt in der Regel vom knollenartigen Wurzelholz der Baumheide und muss erst gekocht und dann zwei bis drei Jahre getrocknet werden, bevor Kroll Säge und Schleifmaschine ansetzen kann. Sonst gibt es Risse.

Dieses Jahr wollte Henrik Kroll eigentlich für ein paar Tage Overall gegen Hemd und Hose tauschen, um seine Ware erstmals auch dem chinesischen Markt zu präsentieren. Doch die Fachmesse fiel coronabedingt aus, Aufträge aus China kamen trotzdem. Der Beverbecker hat sich in der Szene inzwischen einen Namen gemacht. Darum muss er sich jetzt auch ranhalten. Die Uhr tickt, die Poliermaschine rattert, da bleibt nicht mal mehr Zeit, in Ruhe eine Pfeife zu stopfen.

Von Anna Petersen