Donnerstag , 22. Oktober 2020
Der Schmiedeverein Südergellersen will etwas für den Erhalt der alten Steinmauern im Dorf tun. Dr. Frank Andraschko sitzt hier auf einem nicht ganz so alten Exemplar, für dessen Bau schon Zement verwendet wurde. Foto: uk

„Das ist Geschichte, die uns anguckt“

Südergellersen. Sie stehen stumm entlang der Wege und Grundstücke, trotzen seit Ewigkeiten Wind und Wetter – und werden doch kaum wahrgenommen: Hofmauern aus Granitsteinen gehören in den meisten Dörfern der Heide-Region zum typischen Ortsbild. Auch in Südergellersen wird der Dorfkern rund um den Schmiedeberg nicht nur von alten Häusern, Scheunen und Bäumen geprägt, sondern eben auch von den typischen Steinmauern.

„Andernorts stehen alte Trockenmauern als Weltkultur-Denkmale unter besonderem Schutz“, sagt Dr. Frank Andraschko, „aber hier haben wir uns an den Anblick so gewöhnt, dass wir sie überhaupt nicht mehr bemerken.“ Einige Exemplare sähen entsprechend vernachlässigt aus. Der Archäologe und Vorsitzende des Südergellerser Schmiedevereins möchte das ändern. Im Gemeinderat Südergellersen stellte er jetzt ein Projekt vor, das die alte Technik des Mauerns und Pflasterns mit Natursteinen wieder ins Bewusstsein rücken will.

Material auf den Feldern gesammelt

Die Vorfahren der Südergellerser Bauern hätten das Material für die Mauern von den Feldern gesammelt oder aus alten Hügelgräbern mitgenommen, erläutert Andraschko. „Der Granit ist ein paar Millionen Jahre alt und so eine Mauer kann dann auch 5000 Jahre halten. Das ist also Geschichte, die uns anguckt.“ Dabei hätten neue Materialien die Technik und Optik der Mauern verändert. Ab etwa 1870 wurde Zement eingesetzt, sodass auch aus unförmigen Steinen eine gerade Mauer entstehen konnte und der Bau vereinfacht wurde. Die Folge: Die alte Handwerkstechnik des Mauerns und Pflasterns mit Natursteinen gehe zunehmend verloren, sagt Andraschko.

Der Schmiedeverein verfolgt somit ein doppeltes Ziel: „Es geht uns nicht nur um den Erhalt von Baudenkmälern, sondern auch um den Erhalt eines immateriellen Kulturerbes durch Einsatz traditioneller Handwerkstechnik und Weitergabe der Fertigkeiten an Jüngere.“

Mit einem Antrag auf Fördermittel aus dem Leader-Programm für Projekte im Naturpark Lüneburger Heide kommt der Schmiedeverein der Umsetzung einen ersten Schritt näher. Im Rahmen des Wettbewerbs für Regionale Baukultur sollen zwei Projekte umgesetzt werden: Der Bereich um den Naturpark-Info-Punkt an der alten Schmiede soll mit altem Kopfsteinpflaster neu gepflastert werden.

Gesamtkosten von rund 19.000 Euro

Und: Eine alte Trockenmauer soll entweder saniert oder neu aufgebaut werden. Unter Anleitung eines Profis können hier Interessierte mitmachen – ganz so, wie es auch in der alten Schmiede bei Schmiedekursen geschieht. Für die Gesamtkosten von 19.000 Euro stehen Fördermittel von 40 Prozent in Aussicht, auch der Schmiedeverein und die Samtgemeinde Gellersen beteiligen sich. Der Gemeinderat bewilligte 500 Euro, um eine Finanzlücke zu schließen.

Andraschko hat über das Museum Kiekeberg bereits Kontakt zu einem versierten Handwerker aufgenommen und weiß: „Für den Bau einer Trockenmauer braucht man Erfahrung. Man muss Hand und Auge dafür entwickeln.“ Umso wichtiger sei es, ein Projekt zum Anpacken anzubieten: „Wir können eine alte Handwerkstechnik nur erhalten, wenn wir es praktisch machen.“

Von Ute Klingberg-Strunk