Montag , 28. September 2020
In einer Männerdomäne hat Constanze Schmidt ihren Traumberuf gefunden. (Foto: privat)

Ein Herz für das Herz

Lüneburg/Heidelberg. Schon dass Constanze Schmidt mit nur 36 Jahren sowohl einen Facharzt in Kardiologie als auch in Innerer Medizin vorweisen kann, ist beeindruckend. Doch diese Leistung vermag sie noch zu toppen: Seit Anfang des Jahres ist die junge Medizinerin auch Professorin an der Universität Heidelberg, die jüngste in ihrem Fachbereich Kardiologie, der Lehre vom Herzen. Ihr Herz für Naturwissenschaften hatte die gebürtige Lüneburgerin früh entdeckt: „Mathematik und Physik, das waren die Fächer, die mich schon in meiner Zeit am Johanneum am meisten gefesselt haben“, erzählt sie.

„Mathematik und Physik, das waren die Fächer, die mich schon in meiner Zeit am Johanneum am meisten gefesselt haben.“
Constanze Schmidt

Ihr großes Talent in diesem Bereich trat damals schnell zutage. Bereits als 16-Jährige gewann sie mit ihrem Projekt „Das Geheimnis von Tesafilm“ den ersten Preis des Jugend-forscht-Landeswettbewerbs im Fachgebiet Physik. Der Wettbewerb ebnete nicht nur den Weg für ihre berufliche Laufbahn, bei dem niedersächsischen Landeswettbewerb lernte sie auch den Stader Nachwuchsforscher Stefan Kallenberger kennen. Die beiden verband nicht nur ihre Liebe zur Physik, sie wurden ein Paar und sind es noch heute. Constanze Schmidts Lebensgefährte forscht inzwischen auf demselben Campus wie sie.

Für Physik fehlte die Zeit

Kallenberger und Schmidt entschieden damals, fürs Folgejahr ein gemeinsames Projekt für „Jugend forscht“ vorzubereiten. Und siehe da, auch wissenschaftlich harmonierte das junge Paar gut, mit dem Projekt „Sehen will gelernt sein“, für das sie ein Verfahren samt Apparatur für eine programmierbare Schieltherapie entwickelten, gewannen die beiden beim Bundeswettbewerb Jugend forscht 2001 den ersten Preis sowie den Sonderpreis des Bundespräsidenten für ihre außergewöhnliche Arbeit – ein bemerkenswerter Erfolg.

Im LZ-Gespräch beschreibt sie ihren weiteren Weg seit damals. Nach ihrem Abitur am Johanneum 2003 begann Constanze Schmidt ein Studium der Humanmedizin und der Physik an der Georg-August-Universität Göttingen, hängte die Physik jedoch nach dem Vordiplom an den Nagel. „Beides war einfach nicht mehr möglich vom Zeitaufwand her, vieles lief parallel“, erinnert sie sich.

Im Herzen blieb sie der Physik treu, bis heute: Ihr Spezialgebiet ist die Elektrophysiologie, bei der Kardiologen durch Ableitung von Strom über die Körperoberfläche und im Rahmen einer speziellen Herzkatheteruntersuchung, der Elektrophysiologischen Untersuchung, die elektrischen Ströme am Herzmuskel untersuchen. Außerdem setzt sie Herzschrittmacher ein. „Einer meiner Kommilitonen hatte eine reanimationspflichtige Herzrhythmusstörung, dadurch begann ich mich verstärkt für die Kardiologie zu interessieren.“

„In meinem Fach gibt es nur wenige Frauen“

2010 ging sie dann als junge Ärztin an die Uniklinik in Heidelberg. „Die Kardiologie hier ist die größte Deutschlands. Ich wusste damals schon, dass ich sowohl klinisch als auch wissenschaftlich arbeiten wollte, das war mir hier möglich.“ Zehn Jahre lang forschte sie in Heidelberg zum Vorhofflimmern, der häufigsten Herzrhythmusstörung, konnte gemeinsam mit ihren Kollegen ein neues Medikament mit auf den Weg bringen. 2017 erfolgte Constanze Schmidts Habilitation zur Privatdozentin, Anfang 2020 wurde sie zur Professorin ernannt – in einer Männerdomäne.

„In meinem Fach gibt es nur wenige Frauen“, berichtet Constanze Schmidt. „Woran das liegt, lässt sich sicherlich kontrovers diskutieren, aber die Kardiologie ist schon ein konservatives Fach. Vermutlich entscheiden sich weniger Frauen dafür, weil die Arbeit nicht leicht mit einer Familie vereinbar ist. Die Arbeitszeiten sind durch viele akute Operationen maximal unkalkulierbar. Vor 20 Uhr verlasse ich die Klinik selten. Außerdem können Frauen, wenn sie schwanger sind, wegen der Röntgenstrahlung sofort nicht mehr arbeiten.“

Für Constanze Schmidt aber steht fest: Sie hat ihren Traumberuf gefunden. Die Professur ist ein Meilenstein in ihrer Karriere, aber die ehemalige Lüneburgerin hat noch viel vor: „Gerade im Bereich Herzrhythmusstörungen gibt es etliche Ziele, die noch zu erreichen sind. Ich möchte gerne noch zur weiteren Verbesserung der Behandlung durch neue Medikamente beisteuern.“
In ihrer Wahlheimat Heidelberg fühlt sie sich wohl, schätzt vor allem die große naturwissenschaftliche Spielwiese, die ihr eine der größten Universitäten Deutschlands bietet. Sie sagt aber auch: „Ich bin Lüneburgerin durch und durch, liebe meine Heimat. Vor allem die norddeutsche Mentalität ist mir näher. Wir wirken zwar manchmal zurückhaltender, aber handeln dafür auch überlegter.“

Von Lea Schulze