Freitag , 25. September 2020
Die französischen Aubrac- und Limousin-Rinder verbeißen Pflanzen am Billerbeck-Biotop und schaffen so neuen Lebensraum für Falter und Schmetterlinge. Foto: t&w

Rinder schaffen wertvollen Lebensraum

Melbeck. Da steht das imposante Tier und scheuert sich sein mächtiges Hinterteil genüsslich an einem Baumstamm. Fleckvieh-Ochse „Moses“ ist sichtlich entspannt. Genauso wie die anderen urigen Rinder auf der Fläche am Melbecker Ortsausgang Richtung Kolkhagen. Seit drei Wochen weiden insgesamt neun zumeist junge Damen der französischen Rinderarten Aubrac sowie Limousin und eben „Moses“ auf dem kleinen Stück Land.

Ihre Aufgabe ist es, den Bewuchs an dem Gewässerbiotop des Bachs Billerbeck kauend klein zu halten und dabei hochwertiges Fleisch anzusetzen. „Es ist ein Experiment, das der Landkreis und der Hof Schlüter aus Wendisch Evern durchführen“, sagt Burkhard Jäkel von der Unteren Naturschutzbehörde. Ziel ist es, die Artenvielfalt mithilfe der Nutztiere, deren Fleisch der Demeter-Biobetrieb später vermarktet, zu fördern. Naturschutz und Landwirtschaft ziehen an einem Strang. Jäkel: „Wir beobachten, wie sich alles entwickelt. Was wir bislang sehen, das gefällt uns gut.“
Gleichzeitig soll das Projekt Menschen Pflege und Erhalt von Naturlandschaften sowie ursprüngliche Rinderhaltung nahebringen, denn einer üblichen Kuhweide ähnelt das unter anderem mit Schwarzerlen, Weiden, Kiefern, Disteln und Gräsern bewachsene Gelände gar nicht. „Seitdem unsere Tiere da sind, erkläre ich fast täglich Besuchern etwas über die Rinderrassen“, erzählt Jessica Laou von der Hof Schlüter GbR. Sie berichtet denen, die es wissen wollen, auch, dass die kleine Herde Kräuter findet und frisst, die auf einer Weide gewöhnlich nicht zum Nahrungsangebot gehören. „Außerdem können sie sich durch den Wald schlagen, das macht sie kräftiger, gibt ihnen eine bessere Kondition, sie bauen dadurch qualitativ hochwertige Muskeln auf.“ Darüber hinaus könnten sie sich zwischen den Bäumen zurückziehen, zählt sie weitere Vorteile der Haltungsform auf.

Noch vor einigen Jahren wuchs hier Mais

Bernd Wagner, der als Nachbar von seiner Terrasse auf die Fläche blicken kann, ergänzt: „Es hat sich schon im Ort herumgesprochen, dass diese wunderschönen Tiere jetzt hier stehen. Vor allem Familien mit Kindern kommen oft vorbei, auch Mädchen und Jungen aus dem Kindergarten waren mit ihren Erzieherinnen schon da.“ Aber auch Radtouristen legen gerne Stopps ein, um sich die Fleischrinder anzuschauen, hat er beobachtet.

Burkhard Jäkel sagt, dass die Rinder auch Schilf sehr gerne als Speise mögen, das sei besonders wichtig und gut. „Denn durch den üppigen Schilfbewuchs vorher lief das Gewässer Gefahr, zu verlanden.“ Dadurch, dass die Tiere die Pflanzen selektiert fressen, sie verbeißen, erschaffen sie eine Strukturvielfalt, die selten zu finden ist. „Es entsteht wertvoller Lebensraum für Spezialisten wie Falter und Schmetterlinge, aber auch andere Insekten“, erklärt der Mitarbeiter des Fachdienstes Umwelt beim Landkreis.

Seit immerhin schon 30 Jahren gibt es die Idee, dem Gelände am Ortsausgang seinen ursprünglichen, sumpfigen Charakter zurückzugeben. „Noch vor einigen Jahren war es Ackerland, auf dem ein Landwirt Mais und Raps angebaut hatte, allerdings mit enormem Aufwand“, sagt Jäkel. Der Bauer hatte Drainagen gelegt und zum Teil mit Moorraupen gearbeitet. „Über das Brachlandprogramm kam die Fläche aus der Ackernutzung heraus.“ Das war 2008.

Vor vier Jahren kamen der Landkreis und der Hof Schlüter in Kontakt. „Die Gespräche waren so gut, dass wir vor zwei Jahren mit der Beweidung durch Rinder beginnen wollten. Aber daraus wurde erst einmal nichts“, blickt Jäkel zurück. Es habe ein Zertifikat für die Fläche gefehlt, das die Nutzung für Ökolandwirtschaft ermöglicht.
Vergangenheit. Jetzt sind die Rinder da. „Sie kauen Weiden weg, genauso wie kleine Kiefern. Nur an die Schwarzerlen gehen sie leider noch nicht heran.“ Das könnten in einer Nachbeweidung vielleicht Ziegen erledigen, denkt er schon voraus.

Nutzungsrecht für zunächst 30 Jahre

Die ganze Arbeit könnte theoretisch auch der Landschaftspflegetrupp des Kreises erledigen. „Doch das wäre eine Jahresaufgabe. Der Kreis als Untere Naturschutzbehörde hat das Nutzungsrecht für die Fläche gekauft.“ Für zunächst 30 Jahre. „Mit dem Hof Schlüter haben wir anschließend einen Kooperationsvertrag geschlossen. Darin erkennt man, dass das keine Liebhaberei ist, sondern ein ernsthaftes Projekt für die Artenvielfalt.“

Noch bis etwa Ende August werden „Moses“ und die anderen Rinder am Biotop weiden. Danach zieht die Herde weiter, etwa zwei Kilometer in Richtung Kolkhagen, dem Bach Billerbeck aufwärts folgend. „Dort gibt es einen ähnlichen Bewuchs“, berichtet Jäkel.

Von Stefan Bohlmann