Samstag , 24. Oktober 2020
Martina Kettner am Lenker und Gaby Keck dahinter strampeln auf dem Tandem zur Abschiedsfeier für Kita-Leiterin Kettner. Das Heidkamp-Team sorgt für einen würdigen Rahmen. (Foto: t&w)

Vom Sterben zum Leben gesprungen

Lüneburg. An ihrem letzten Arbeitstag gab es ein besonderes Empfangskomitee: Mit Ballons, Seifenblasen und viel Applaus hieß das Team die Chefin an deren Arbeitsplatz willkommen. Martina Kettner hatte zuvor noch einmal kräftig in die Pedale getreten, mit einem Tandem war sie daheim abgeholt worden und mit Gaby Keck zu ihrer Kita Heidkamp geradelt. Nun gibt Martina Kettner zumindest rein dienstlich den Lenker aus der Hand, nach 45 Arbeitsjahren und 15 Jahren als Leiterin der Einrichtung geht sie in den Ruhestand. Gaby Keck, ihre bisherige Stellvertreterin, rückt einen Platz nach vorn.

Einrichtung hat ein eigenes Kinderparlament

„Ich gehe nicht gern, ich habe diese Arbeit hier so gerne gemacht, wir haben ein ganz tolles Team“, sagt die scheidende Kita-Leiterin. Schon bevor sie 2005 nach Lüneburg wechselte, hatte sie reichlich Erfahrung in verantwortlicher Position. Nach ihrem Studium der Sozialpädagogik hatte sie gleich die Leitung einer integrativen Kita in Hannover übernommen. Weitere Stationen waren in Hamburg und Westergellersen. „Eigentlich bin ich gelernte Intensivkrankenschwester“, erzählt die 63-Jährige. Doch schnell habe sie gemerkt: „Auf Dauer wollte ich das nicht. Ich bin dann sozusagen vom Sterben zum Leben gesprungen. Ich hatte damals in Hannover meine Diplomarbeit über Integration in Kitas geschrieben, so bin ich da reingerutscht.“

Die Integration war ihr auch in der Heidkamp-Zeit eines der wichtigsten Anliegen, die Kita hat seit 2018 auch eine integrative Gruppe. Eine Vorreiterrolle habe die Einrichtung beim Thema Mitbestimmung eingenommen, sagt Martina Kettner stolz. „Wir haben eine eigene Verfassung, die den Kindern altersgemäße Mitsprachemöglichkeiten einräumt. Das bedeutet, Macht abzugeben, das eigene Handeln immer wieder zu reflektieren. Und die Kinder lernen, schon früh Verantwortung zu übernehmen und wie wichtig eine eigene Meinung ist. Schon in der Krippe können die Kleinen zum Beispiel entscheiden, wer sie wickeln darf, manchmal auch, ob sie lieber singen oder spielen wollen.“

Die älteren Kinder wählen eigene Vertreter ins Kita-Parlament, das regelmäßig tagt und auch eigene Regeln festlegt. „Zum Beispiel haben die Kinder entschieden, dass auf bestimmten Bäumen nicht mehr geklettert werden darf, weil da immer Äste abgebrochen waren, dass Spielzeug nur noch von zu Hause mitgebracht werden darf, das von der Größe ins eigene Fach passt, oder auch, dass sie ein Rednerpult haben möchten.“ Als ein neues Spielhaus geplant wurde, waren es die Mädchen und Jungen, die dessen Gestaltung im Wesentlichen festgelegt haben. „Dadurch schätzen sie es auch mehr.“ Selbst das Beschwerdemanagement ist geregelt. Wenn zum Beispiel ein Spielzeug kaputt ist und nicht umgehend repariert wird, dürfen und sollen die Kinder durchaus meckern.

Beruf bietet „viel Schönes, Lebendigkeit und Freude“

Wichtige Anliegen waren für Martina Kettner auch die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, konkret zum Beispiel, die Kinder fürs Energiesparen zu sensibilisieren, und eine von Wertschätzung geprägte Atmosphäre. „Abgehoben aus dem Büro heraus bestimmen – das war nie mein Ding“, sagt sie. Teamarbeit ist für sie nicht bloß eine Floskel, das können die 38 pädagogischen Mitarbeiter, darunter fünf Männer, sowie das siebenköpfige Küchenteam bestätigen. Selbstverständlich hat sie auch immer wieder in den einzelnen Gruppen mitgearbeitet, die 140 Kinder kennt sie alle mit Namen, allenfalls bei denen, die in dieser Woche neu hinzugekommen sind, muss sie womöglich mal länger überlegen.

Ihr Beruf biete „so viel Schönes, Lebendigkeit und Freude“, das wird sie wohl vermissen. Schon in der kommenden Woche wird ihr Alltag ganz anders aussehen. Doch es warten neue Freuden: „Mein Mann und ich wollen einen Segelschein machen, und wir haben uns ein Wohnmobil gekauft, wollen viel reisen“, verrät die Mutter zweier erwachsener Söhne. Sport, Radfahren, Bergwandern – Pläne gibt es auch für den Ruhestand genug. „Ich habe fertig“ steht in Anlehnung an die berühmte Rede des früheren Bayern-Trainers Trappatoni auf ihrer Schärpe, die sie von den Mitarbeitern zum Abschied bekommen hat.

Mit Gaby Keck, die schon zuletzt zum Leitungsteam gehörte, übernimmt nun das „Urgestein der Kita“, wie die 54-Jährige sich selbst augenzwinkernd bezeichnet, die Regie, seit 1988 ist sie in der Kita Heidkamp tätig. Sie lobt ihre Vorgängerin in den höchsten Tönen: „Sie ist mein Vorbild. Ich möchte die Arbeit genau so weiterführen.“

Von Alexander Hempelmann