Alexander E. wurde mit Handschellen ins Gericht geführt. Im Vordergrund sein Anwalt Moritz Klay. (Foto: be)

Klaffender Schnitt am Hals

Lüneburg. Auf dem Grill brutzelte Lachs, die Mutter pellte dampfende Kartoffeln ab und in Alexander E. brodelte es. Davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Sie klagt den 29-Jährigen an, nur Augenblicke, nachdem seine Familienangehörigen den Tisch auf der Terrasse des Hauses in Kirchgellersen verlassen hatten, seinen Stiefvater (39) hinterrücks angegriffen und ihm mit dem Kartoffelmesser eine zehn Zentimeter lange und drei Zentimeter tiefe Halswunde zugefügt zu haben. Das wertet sie als versuchten Mord. Alexander E. bestreitet dies vor dem Landgericht, spricht von einem Unfall. Sein Stiefvater sei in die 6 Zentimeter lange, gebogene Klinge gefallen, als er bei einem harmlosen Gerangel auf ihn gestürzt sei.

Morddrohungen noch am Boden

„Es tut mir aufrichtig leid. Es war niemals meine Absicht, ihn zu verletzen oder gar zu töten“, las der Angeklagte gestern in Saal 21 aus seiner Erklärung vor. Am 28. März 2020 klang es unmittelbar nach dem Angriff – Bekannte und Verwandte hielten ihn inzwischen auf dem Boden fest – noch anders: „Du bist ein Hurensohn. Ich bringe dich um!“, habe sein Stiefsohn gerufen, sagte der Stiefvater aus. Amin S., ein befreundeter Handwerker, hatte gehört: „Ich komm sowieso in ein paar Monaten raus. Ich lasse dich nicht leben.“

Die Hamburger Rechtsmedizinerin Dr. Dragana Seifert konnte sich kein Sturzszenario vorstellen, bei dem eine derart kurze Klinge einen derart langen und klaffenden Schnitt verursachen könnte.

So rekonstruierte die 4. Große Strafkammer den Tattag: Die Atmosphäre in dem Haus in Kirchgellersen war gespannt. Alkohol und Drogen ließen Alexander E. vom Gymnasium auf die Hauptschule abrutschen, er bekam noch gerade so einen Abschluss. Lehren brach er ab oder nahm sie gar nicht erst auf. Er lebte von Hartz IV. Den nur zehn Jahre älteren Stiefvater konnte er nur schwer akzeptieren. „Alex hatte Angst, dass er seine Rolle als Mann im Hause verliert“, sagte der 39-Jährige aus.

Die Mutter des Angeklagten erkrankte an Krebs. Um sie zu schonen, forderte Marie E. ihren Bruder im März auf, die Finger vom Alkohol zu lassen. Alexander E. gab nach, wollte aber nicht in eine Entziehungsklinik. Am Tattag merkte Marie, dass ihr Bruder angetrunken war – später wurden bei ihm mehr als 2 Promille Blutalkohol festgestellt. „Ich war traurig und wütend.“ Sie untersagte ihm, sich an den Grill zu gesellen. Das Verbot ignorierte Alexander E. Als er direkt neben seinem Neffen, einem Kleinkind, rauchte, drängte Marie ihren Mann zum Aufbruch. Ihr Bruder blieb allein am Tisch zurück. „Vielleicht war das der Auslöser, vielleicht fühlte er sich zurückgestoßen.“ Der Stiefvater hockte derweil vor einer Tür, um sie zu reparieren.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft nahm Linkshänder Alexander E. seinen Stiefvater mit rechts in den Schwitzkasten, drückte seinen Kopf hoch, um mehr Angriffsfläche für den mit links geführten Schnitt zu haben. Wäre der Schnitt nur wenige Zentimeter seitlicher geführt worden, wo die Halschlagader verlaufen, wäre er lebensgefährlich gewesen, sagte Dr. Seifert.

Der Stiefvater wand sich aus dem Schwitzkasten, brachte den Angreifer aus dem Gleichgewicht, schlug ihn. Mutter, Bruder und Schwager des Täters sowie der Handwerker eilten herbei. Die Männer hielten Alexander E. fest, die Mutter drückte auf ihrem Handy die Video-Aufnahmetaste. So wurde aufgenommen, wie der 29-Jährige sagte: „Wenn ich ihn hätte umbringen wollen, hätte ich das auch gemacht.“ Und: „Mein Gott, das war ein Unfall.“

Sechs Jahre vor diesem Angriff hatte er allerdings seinen Stiefvater bereits mit einer Bierflasche attackiert. „Er hat ihm nicht vertraut“, berichtete Marie von ihrem Bruder, habe behauptet, er würde statt eines Netzwerks Kameras installieren, um die Kinder zu beobachten. „Mir gegenüber wollte er immer der Beschützer sein. Und außerdem auch so ein bisschen das Familienoberhaupt.“

Der Stiefvater behielt von dem Angriff eine lange Narbe am Hals und ein „ungutes Gefühl, wenn jemand hinter mir steht“. Die Mutter konnte am Tattag trotz Krebs noch lange spazieren gehen. Zwei Tage später sagte sie ihrem Mann: „Ich kann nicht mehr.“ Inzwischen ist sie tot.

Von Joachim Zießler