Samstag , 19. September 2020

Insel der Glückseligen in der Wasserkrise

Lüneburg ist eine der wenigen Inseln der Glückseligkeit, wenn es ums Trinkwasser geht. In der Region kommt es nahezu in Mineralwasserqualität aus der Leitung. In anderen Landesteilen wird Wasser aus Talsperren gesüffelt, das vorher mit Chlor versetzt wird. Die Lüneburger hingegen genießen fossiles, wahrscheinlich Tausend Jahre altes Tiefengrundwasser. Während in privaten Haushalten damit aber sogar das Klo gespült wird, hat zumindest der Coca-Cola-Konzern den wahren Wert des Wassers erkannt und macht mit der Ausbeutung eines Allgemeingutes richtig Reibach. Dabei steuern wir auf eine Wasserkrise zu. Es ist Zeit, umzudenken.

Zuletzt schlug der Wasserbeschaffungsverband Elbmarsch Alarm: Die aktuelle Wassernachfrage privater Haushalte war am vergangenen Wochenende um 30 bis 40 Prozent gestiegen. Auch die Pumpen des Wasserwerks Adendorf liefen an der Leistungsgrenze, um den Druck im Leitungssystem aufrechtzuerhalten. Doch nicht das Grundwasservorkommen schwächelte da, sondern die Infrastruktur. Damit zahlreiche Gartenbesitzer bei tropischen Temperaturen ihren englischen Rasen wässern können – mit Trinkwasser …

Der städtische Trinkwasserversorger Purena beeilte sich indes zu erklären, dass es in der Salzstadt keine Probleme gäbe. Die Balkone von Stadtwohnungen haben auch weniger Platz für Rollrasen, der gesprengt werden will. Dennoch ruft Purena seine Kunden auf, sparsam mit dem Wasser umzugehen. Zwar reichen die Grundwasserreserven im Lüneburger Untergrund mengenmäßig laut Experten noch für Generationen. Aber was ist mit der Qualität? Preisfrage: Wie lange dauert die Bildung von reinem, 1000-jährigem Grundwasser?

Klar, dass auch Getränkehersteller diesen Schatz heben wollen, bevor er im Garten oder im Klosett versickert. Coca-Cola betont, die beantragte Fördermenge in Reppenstedt betrage nur maximal 1,6 Prozent der gesamten genehmigten Entnahmemenge aller Nutzer. Die 350 Millionen Liter entsprechen aber auch dem durchschnittlichen Jahreswasserverbrauch von zusätzlichen 7610 Personen, also fast einmal Reppenstedt.

Einen hohen Preis zahlen übrigens schon heute die Lüneburger Konsumenten der Mineralwasser-Marke Vio: um die 77 Cent pro Liter im Supermarkt. Die Coca-Cola-Tochter Apollinaris Brands zahlt an das Land Niedersachsen eine Wasserentnahmegebühr von 0,009 Cent pro Liter. Der Supermarktpreis ist also um die 8555 Mal höher. Wie schön wäre es, wenn die Allgemeinheit stärker an dieser Wertschöpfung beteiligt wäre, um beispielsweise vor Ort Grundwasserschutz zu betreiben!

Eins noch: Wir freuen uns darüber, dass auch Coca-Cola den Wert unseres Mediums erkennt und Anzeigen schaltet. Von einer kritischen Berichterstattung wird uns das aber auch weiterhin nicht abhalten. Und darauf stoße ich jetzt an: Mit Leitungswasser!

Von Dennis Thomas