Mittwoch , 30. September 2020
Haben Freude am Lachen und an der Bewegung: Monika Budig (rechts) und ihre Lachyoga-Gäste im Kurpark von Bad Bevensen. Foto: phs

Die Kunst des Lachens

Bad Bevensen. Da watschle ich nun – mit seitlich abgespreizten Händen und Füßen – durch das grüne Herz meiner Heimat. Bad Bevensen. Kleinstadt. Jeder kennt jeden – und nun womöglich auch mich, gefangen im Körper eines unsichtbaren Pinguins. Das war nicht meine Idee, sondern die von Monika Budig. Laut lachend watschelt sie neben mir über die Kurhausterrasse – als wäre die Welt ein Zoo und ihr Lachen eine Botschaft: Leute, habt Spaß! Ich habe in diesem Augenblick vor allem eines: Fragen. Kann mich wer durchs Buschwerk beobachten? Kann ich das lernen: über mich selbst zu lachen – so richtig, aus tiefstem Herzen? Eine Stunde Lachyoga soll Antworten bringen.

Zieht man Immanuel Kant zu Rate, gibt es genau drei Dinge, die helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen. Ich habe ausgezeichnet geschlafen letzte Nacht. Außerdem bin ich guter Hoffnung auf einen spannenden Tag. Und ich habe… nein, habe ich nicht. Es ist 10.15 Uhr und ich muss mir eingestehen, dass meine Mundwinkel bislang kaum den Weg über die Horizontale geschafft haben. Warum auch? Kein platter Witz im Radio, keine Anekdote im Familienchat, kein Blumenstrauß vor der Tür. Ein ganz normaler Donnerstagmorgen eben.

Zeit für einen Selbstversuch

Weshalb sollte man da mal so eben in schallendes Gelächter ausbrechen? Weil es gesund ist, sagt Monika Budig. Und sie muss es schließlich wissen: Seit 15 Jahren lacht sie sich jeden Donnerstag scheckig – so laut, dass man es vermutlich durch den halben Kurpark hören kann. Manch einer mag da peinlich berührt das Weite suchen, andere lassen sich von ihrem Enthusiasmus anstecken. Auch ich will die Kunst des spontanen Lachens erlernen – nicht wegen Kant, sondern der Glückshormone, die dabei angeblich ausgeschüttet werden. So steht es zumindest auf dem Flyer zum Lachyoga mit Monika Budig. Zeit für einen Selbstversuch.

Regel Nummer eins: Wer zusammen lacht, der duzt sich. Regel Nummer zwei: Es wird viel gelacht, aber nicht über andere. Andere gibt es hier viele, ausschließlich Frauen – offenbar allesamt erfahren in diesem Metier, oder Naturtalente. Jedenfalls kennen sie alle den Begrüßungstanz: „Jede Zelle meines Körpers ist glücklich, jede Körperzelle fühlt sich wohl“, singen wir dabei. „Jede Zelle an jeder Stelle ist voll gut drauf“ – dreimal, mindestens. Ein Mantra zur Einstimmung von Körper und Geist.

Voll gut drauf starten wir schließlich einen Versuch, auch mir ein erstes Lachen ins Gesicht zu zaubern. Dazu greift Budig, wie so oft, in die tierische Trickkiste. Wir sollen lachen wie ein Bär. Ich entlocke meinem Körper ein tiefes „Ho, ho, ho!“ Das klingt weniger nach Bär als nach Weihnachtsmann. Bei diesem Gedanken muss ich unwillkürlich lachen – über mich selbst und vielleicht ein bisschen aus Scham. Aber immerhin ist es echt.

Meine Hemmungen verfliegen. Gemeinsam lachen schafft Vertrauen. Wenn es die anderen hinkriegen, mit Blick in einen imaginären Spiegel über ihre Frisur zu lachen, schaffe ich das auch. Wenn mir die anderen Fragen mit Fantasiesprache stellen, die ich nicht verstehe, bringt auch mich das natürlich zum Schmunzeln. „Wir machen diesen Quatsch, damit wir das Lachen immer parat haben“, erklärt Budig. Eine Art Hilfsmittel also. „Die Kunst ist es aber, irgendwann auch in Situationen zu lachen, über die du dich sonst geärgert hast – wenn zum Beispiel ein Trecker vor dir fährt.“

„Die sind hier eine Rarität“

Da hilft nur Üben! Das fördere ganz nebenbei auch das Selbstvertrauen und stärke das Immunsystem, sagt die Expertin aus Boitze. „Und gerade jetzt, in einer Zeit, in der viele depressiv sind und Existenzängste haben, ist das Lachen wichtig.“ Wer das donnerstags in Gemeinschaft tut, muss dabei allerdings viel Abstand halten. Ich muss Abstand von meinen Ängsten nehmen. Davon, immer wieder hinter die Büsche zu linsen, hinter denen ich neugierige Zaungäste vermute. Das sei am Anfang aber völlig normal, beruhigt mich Budig. Als sie vor rund 16 Jahren nach Hamburg fuhr, um dort das erste Mal an einem Lachyoga-Kurs teilzunehmen, habe sie beim Anblick der lachenden Gruppe sofort wieder nach Hause gewollt.

„Ich bin eigentlich ein sehr schüchterner Mensch.“ Das Lachen in der Öffentlichkeit habe sie viel Überwindung gekostet, erinnert sich Budig, sie aber auch selbstbewusster gemacht. Männer täten sich damit oft schwerer. „Die sind hier eine Rarität.“

Nach einer Stunde Lachen mit wachsender Intensität zieht es in der Bauchgegend. Als ich meiner Mitstreiterin Rita davon erzähle, lacht sie wieder: „Das ist nichts Ernstes. Morgen kommt der Muskelkater.“ Die 69-Jährige nimmt seit drei Jahren fast jede Woche am Lachyoga teil. Da spricht also die Erfahrung. Auch Gisela ist regelmäßig mit dabei. „Hinterher sind die Sorgen einfach weg und man ist ein anderer Mensch“, berichtet sie. Ein anderer Mensch bin ich seitdem nicht, aber immerhin: Auf dem Rückweg habe ich an einer roten Ampel gestanden und nicht etwa geflucht, sondern gelacht. Das hat das Licht nicht schneller grün gemacht, aber mich ein wenig glücklicher.

Von Anna Petersen