Der 1,30 Meter hohe, stromdurchflossene Zaun an der einstigen Sandkuhle in Breetze soll Schafe schützen. Dennoch wurde die Herde mutmaßlich von einem Wolf angegriffen. Foto: t&w

Zaun wird zur tödlichen Falle

Breetze. Ein Zaun erhitzt die Gemüter in Breetze. Diesen hatte der Landkreis Lüneburg als Untere Naturschutzbehörde Ende März in guter Absicht auf einer kleinen Teilfläche an der ehemaligen Sandkuhle errichtet. In dem Projekt „Atlantische Sandlandschaften“ soll sich auf dem rund fünf Hektar großen umzäunten Gelände unter anderem Trockenrasen ausbreiten und so Lebensraum sichern für das „Reptil des Jahres 2020“, die Zauneidechse. Doch nun wurde der Zaun zur tödlichen Falle: für ein Rehkitz, drei Mutterschafe und ein Lamm, die hinter der Umzäunung eingesperrt waren.

Diese sollte die Schafe eigentlich schützen, die für die Offenhaltung der Fläche seit Juli in einer extensiven Beweidung bis zum Angriff auf die Herde dort gehalten wurden. Das berichtet Kreissprecher William Laing.

DNA-Proben von den Bissstellen

Während die Todesursache für das Reh wohl nicht mehr nachweisbar ist, weil der Kadaver schon zu verwest für eine Untersuchung ist, sind die Schafe vermutlich Opfer einer Wolfsattacke geworden. Wolfsberaterin Ulrike Kruse hat DNA-Proben von den Bissstellen genommen, ein Ergebnis liegt noch nicht vor. Kruse berichtet, dass es in Breetze bereits Wolfssichtungen gegeben habe. Zudem seien im Bereich Bleckede Nutztierrisse von Wölfen nachgewiesen worden.

Der Jagdpächter für das Gebiet, der namentlich nicht genannt werden möchte, spricht indes von einer Serie von Versäumnissen, die dem Tod der Tiere vorangegangen sind. „In den 20 Jahren zuvor hat sich ein Lebensraum für Wildtiere entwickelt. Doch jetzt ist daraus ein Gatter für sie geworden“, kritisiert er den Zaunbau. Rehe und Schafe können die Fläche nicht verlassen. Zwar ist der Zugang zu dem Areal durch ein Tor möglich, doch dieses bleibt nach dem Auftrieb der Schafherde verschlossen. „Das erzeugt Stress bei Rehen, weil sie ständig am Zaun entlanglaufen, um einen Weg heraus zu finden“, erklärt der Jagdpächter. Genau das hatten Spaziergänger schon vor drei Wochen beobachtet und ihm gemeldet. Der darauf gestartete Versuch misslang, die scheuen Tiere herauszutreiben.

Rehwild geht nicht an Schaftränken

Das bestätigt Kreissprecher Laing. „Es wurden auch vor Beginn der Beweidung mehrfach Maßnahmen ergriffen. Diese haben offensichtlich keine ausreichende Wirkung gehabt.“ Das Tor sei erst mit Beginn der Beweidung Anfang Juli geschlossen worden. Nach Hinweisen sei mehrmals versucht worden, die Rehe aus der Umzäunung zu treiben. Für den Jagdpächter sei jedoch die erfolgversprechendste Methode die Öffnung des Zauns an mehreren Stellen. Aufgrund der Nahrungskonkurrenz mit den 56 Schafen wäre nach einiger Zeit zu befürchten, dass die Tiere verendeten, warnt er.

Das sieht auch Kreisjägermeister Hans-Christoph Cohrs so: „Im Gatter befinden sich keine Möglichkeiten zum Äsen mehr, da die Schafe sozusagen ganze Arbeit geleistet haben.“ Auch seien keine Schöpfstellen zum Trinken vorhanden. Denn Rehwild gehe nicht an Schaftränken. „Der Geruch der Schafe schreckt Rehe ab“, erklärt Cohrs.

"Natur Natur sein zu lassen"

Einen Tod durch Verhungern oder Verdursten hält der Kreis hingegen für unwahrscheinlich. Laing: „Nach einem Termin mit der Kreisveterinärin und der Jagdbehörde kann ausgeschlossen werden, dass die Rehe auf der Fläche nichts oder nicht genug zu fressen oder zu trinken finden.“

Hans-Christoph Cohrs sagt, seine Meinung als Privatmann und nicht als Kreisjägermeister sei, dass der Zaun abgebaut gehöre. „Dass Rehe eingezäunt werden, ist ein Fehler. Wildtiere dürfen nicht eingesperrt werden, sie müssen flüchten können“, sagt er. Der Breetzer Jagdpächter hofft, dass die Verantwortlichen die Naturschutzmaßnahme künftig anders strukturieren. Er ist überzeugt, dass diese große Fläche auf Dauer nicht wolfssicher eingezäunt werden könne. Außerdem sei sie weiterhin der Lebensraum für alle möglichen Wildtiere. „Mir ist das Prinzip wichtig, Natur Natur sein zu lassen. Die Zauneidechse war auch die vergangenen 20 Jahre schon hier“, betont er.

Abgebaut wird der Zaun nicht. Aber: „Es ist geplant, noch weitere Tore einzubauen, durch die Rehe dann hinausgetrieben werden können“, kündigt William Laing an. Unklar ist noch, wann die Beweidung nach der mutmaßlichen Wolfsattacke neu beginnen kann.

Von Stefan Bohlmann

Hintergrund

Wie kam der Wolf in das Gatter?

Wenn es ein Wolf war, der die Schafe gerissen hat, dann stellt sich die Frage, wie er den mit Strom gesicherten Zaun dennoch überwinden konnte. Der Breetzer Jagdpächter meint, es gebe zwei Stellen am Zaun, an denen ein Wolf zum Sprung in das Gatter ansetzen könne: an einem Erdhügel und einer alten Fasanenschütte. Eine weitere Schwachstelle sei das Tor, das nur mit einfachem Hühnerdraht zwischen den Streben abgesichert sei. Doch damit ist eine andere Frage nicht geklärt. Wie kann ein Wolf das Gatter bei geschlossenem Tor wieder verlassen? „Vielleicht lernen wir gerade, dass wir Wölfe unterschätzt haben und sie deutlich höher springen können, als bislang angenommen“, sagt er.

Der Zaun sei anhand der Richtlinie Wolf mit einer Höhe von 1,30 Meter aufgestellt und mit dem Wolfsbüro Hannover abgestimmt worden, berichtet Kreissprecher Laing.