Donnerstag , 24. September 2020
Stalker Carsten Witte greift zur Waffe und schießt. Foto: Michael Behns

Stirbt der Held den Serientod?

Lüneburg. Der Tatort stand fest, das Blut sollte in luftiger Höhe fließen: Auf dem Wasserturm wird Carsten Witte zum Messer greifen und auf Amelie losgehen. Die allzu einseitige Zuneigung hatte keine Zukunft, die hübsche Hotel-Chefin war des Stalkers überdrüssig. Der wiederum konnte die Abweisung nicht akzeptieren. Schon gar nicht, dass seine Auserwählte ständig mit Torben Lichtenhagen turtelt. Wenn er sie schon nicht bekommt, dann keiner. Carsten Witte geht auf Amelie los, Torben geht heldenhaft dazwischen und bekommt das Messer in den Bauch gerammt. Dann aber kam Corona – und die dramatische Szene musste umgeschrieben werden. Zu viel Nähe, zu viel Öffentlichkeit. Jetzt ist es der kleine Park am Studiogelände, ist es eine Pistole, mit der der Stalker auf Amelie zielt, ist es eine Kugel, die Torben trifft. Zu sehen war die Szene bei den Roten Rosen am Donnerstag. Nun stellt sich den TV-Zuschauern die Frage: Wird Torben überleben?

Rückblende zu den Dreharbeiten im Juni: Es ist auch für das Team der Rosen eine besondere Szene. Immer wieder drehen sie, wie Carsten Witte abdrückt. Immer wieder wird das aus einer anderen Perspektive gefilmt, mehrmals muss Joachim Kretzer, der die Figur des Rechtsanwaltes Torben Lichtenhagen spielt, zu Boden sinken. Eine Matratze federt seinen Aufprall ab, frisch angemischtes Kunstblut fließt, als die Fernbedienung gedrückt wird. Zur Sicherheit ist jeweils ein Ersatzoutfit für die Protagonisten in greifbarer Nähe. Peinlich genau achten alle am Set darauf, dass sich Lara-Isabelle Rentinck – sie spielt die Amelie, die eigentlich zum Opfer werden sollte, und Torben nicht zu nahe kommen – die Corona-Auflagen sind streng. Nach jedem Schuss ein lautes Geschrei, am Ende flieht der Stalker. Und Torben?

Nach dem Attentat schwer verletzt

Wer sich die Spannung erhalten will, sollte ab hier lieber nicht weiterlesen. Jene Fans aber, die es kaum abwarten können, wie es weitergeht und im Internet regelmäßig Wochen vor der Ausstrahlung die Kurzbeschreibung der jeweiligen Folgen lesen, wissen bereits: Torben überlebt das Attentat zwar schwer verletzt – in der am Freitag ausgestrahlten Folge wachte er im Krankenhaus wieder auf – erliegt seinen Verletzungen aber wenig später. Es ist das Serienaus für Darsteller Joachim Kretzer, der zehn Jahre lang mit zu den prägenden Gesichtern der Telenovela zählte und der so manche Liebe und manche Trennung durchlebte. Auch als dessen Halbbruder Toni war er zwischenzeitlich zu sehen.

Das Ende seines Engagements kam auch für ihn selbst überraschend. Zumal gerade in der vermeintlich heilen Welt der Rosen Serientode die absolute Ausnahme sind. Die Autoren aber sahen seine Rolle auserzählt, sie schrieben ihn einfach aus der Geschichte. In solchen Fällen haben die wichtigsten Abteilungen der Produktion jeweils ein Veto-Recht. Gebrauch machte in diesem Fall keine davon.

Im November hatten die Macher Kretzer das Aus mitgeteilt – und am Set sei danach deutlich zu spüren gewesen, wie wenig er mit dieser Entscheidung einverstanden war, berichten Mitarbeiter der Produktionsfirma.

Im LZ-Gespräch kommentiert er seinen Serientod zwar anfangs noch diplomatisch und scheinbar verständnisvoll: „Wir wissen alle, dass ein solches Engagement endlich ist, und zehn Jahre sind ja schon eine lange Zeit. So ist eben unser Job.“ Doch nach und nach klingt durch, dass er gern weitergemacht hätte bei den Rosen: „Die Figur und das Team sind mir ja ans Herz gewachsen. Vor allem die Beziehung zu Carla fand ich ganz besonders. Ich habe in Lüneburg auch ganz viele Freunde gefunden. Es ist schon ein komisches Gefühl, dass es hier jetzt für mich vorbei ist.“

Derart spektakulär geht es in der Serie selten zu

Auch über das Wie ist er nicht sonderlich glücklich: „Man hätte Torben ja auch wegziehen oder auswandern lassen können, dann hätte es zumindest die Option gegeben, dass er mal wiederkommt. Einen Serientod finde ich immer problematisch. Eine Figur auf eine derart spektakuläre Art sterben zu lassen, ist meines Erachtens nur ein Strohfeuer und hat keinen nachhaltigen Effekt für die Zuschauer, die Wirkung verpufft schnell.“

Zukunftsängste habe er dennoch nicht, sagt Kretzer. „Ich bin seit 30 Jahren in diesem Geschäft, da ergibt sich immer was. Ich habe auch vorher schon viel als Synchronsprecher gearbeitet, werde das auch künftig wieder verstärkt tun. Vielleicht spiele ich auch mal wieder Theater.“

Nach dem Attentat darf Torben noch ein wenig weiterleben. Nächste Woche ist zu sehen, wie Torben am Krankenbett von seinem Kumpel Ben Ringe erhält, schließlich hatte er seiner Amelie kurz vor dem Attentat einen Heiratsantrag gemacht. Doch aus der nächsten Serienehe wird dann nichts mehr, Torben schließt für immer seine Augen.

Von Alexander Hempelmann