Dienstag , 29. September 2020
Christoph Richter ist zufrieden mit dem Ernteertrag beim Dinkel in diesem Jahr. Ob auch die übrigen Werte stimmen? Das wird sich bald zeigen. Foto: phs

Immer mit der Ruhe

Edendorf. In der Ruhe liegt die Kraft: Selten ist Christoph Richter so langsam über den Getreideacker geschlichen wie in diesem Sommer, noch nie hat die Dreschtrommel mit so wenigen Umdrehungen das Korn von den Halmen geschlagen. Aber gut: Ein besonderes Korn braucht eben besondere Aufmerksamkeit: „Dinkel muss man fast schon pflücken“, weiß der Landwirt. 75 Tonnen des Getreides hat er in diesem Jahr von seinem Acker bei Edendorf geholt – ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass die Geschichte mit dem Dinkel eigentlich ein Scherz sein sollte.

Immer noch eine „Nischenfrucht“

Es muss gut drei Jahre her sein, da bat ihn seine Freundin, ein paar Meter für ihre heimische Küchenmühle anzubauen, zum selber mahlen. Die Antwort: schallendes Gelächter. Dinkel – das ist doch was für Bio-Bauern, dachte sich der Edendorfer. Tatsächlich spricht die Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen bei dem Getreide noch immer von einer „Nischenfrucht“. In den Statistiken wird dieses noch nicht einmal als eigener Posten aufgeführt. Im Gebiet der Bezirksstelle Uelzen, zu dem auch die Landkreise Lüneburg, Lüchow-Dannenberg, Celle, Heidekreis und Harburg zählen, werden aktuell lediglich rund 883 Hektar angebaut, mehr als 80 Prozent davon entfallen auf den Öko-Landbau.

Das wundert Richter nicht: „Für konventionellen Dinkel gibt es kaum Absatzwege.“ Trotzdem ließ ihn der Gedanke an das Korn vor drei Jahren nicht los, studierte er Internet und Fachliteratur, sprach er mit einem befreundeten Bio-Landwirt und schließlich mit der Bäckerei Oetzmann, die ihren Sitz direkt neben seinem Hof hat. „Der Chef war gleich Feuer und Flamme“, erinnert sich Richter. „Dinkel liegt im Trend!“ Und so wagte er vor zwei Jahren einen Feldversuch: konventionell angebauter Dinkel aus Edendorf – mit der benachbarten Bäckerei als Abnehmer.

„Das war mutig, schließlich trage ich das gesamte Risiko“, erzählt der Landwirt. Sind Mehldichte oder Proteingehalt zu niedrig, können aus dem Korn keine Brötchen gebacken werden. In diesem Fall, so Richter, bliebe ihm wohl nichts anderes übrig, als seine gesamt Ernte zu einem Spottpreis an einen Biogasanlagen-Betreiber zu verkaufen. Im vergangenen Jahr allerdings hat sich der Mut schon einmal bezahlt gemacht: Der Dinkel wuchs, die Werte stimmten.

„Reich werde ich davon nicht“

Doch dann die nächste Frage: Welche Mühle würde das Getreide mahlen? Richter fragte bei mehreren Betreibern in der Region an, erhielt aber ständig Absagen. „Bio-Mühlen wollen kein konventionelles Dinkel. Die müssten dann alles extra reinigen.“ Letztlich wurde der 44-Jährige in Oldendorf (Luhe) fündig. Dort werden die Körner nun nach insgesamt sechswöchiger Lagerzeit von den Spelzen, der Schale, getrennt und zu Mehl verarbeitet.

Diese Spelzen machen den gesamten Prozess komplizierter. Anders als bei Weizen und Roggen sitzt das Korn fest in der goldgelben Hülle. Die bis zu 35 Prozent höhere Masse bedeutet für Richter, dass er mehr Touren mit dem Hänger zur Scheune einplanen muss. Im Unterschied zu den etablierten Getreidearten hat er auch ein wesentlich kürzeres Zeitfenster für die Ernte: Zehn Tage – dann muss das reife Korn vom Acker runter. „Reich werde ich davon nicht“, sagt Richter. „Aber schön ist es trotzdem.“ Dass er jetzt Dinkelbrötchen aus eigener Ernte frühstückt. Und dass er den Skeptikern seiner Branche einen Erfolg vorweisen kann.

„Dinkel ist eine alte Getreideart, die seit vielen Jahren kaum züchterisch bearbeitet wurde“, erklärt Jürgen Grocholl, Leiter der LWK-Bezirksstelle Uelzen. „Sie wurde in der Vergangenheit vom modernen Weichweizen verdrängt, der höhere Erträge liefert und in Anbau und Verarbeitung unproblematischer ist.“ Unter diesen Bedingungen entscheide letztendlich der Preis, ob sich die Aussaat lohnt und durchgeführt wird.

Entwicklung noch ausbaufähig

Der Anbau findet nur auf Vertragsbasis statt, das heißt: Der Dinkel ist nicht frei verfügbar, sondern wird nur angebaut, wenn er praktisch schon verkauft ist. Das Interesse der Konsumenten an Dinkel habe – zumindest außerhalb des Biobereiches – erst in den letzten Jahren zugenommen, beobachtet Grocholl. Richter glaubt, dass die Entwicklung vor dem Hintergrund des allgemeinen Gesundheitstrends noch ausbaufähig ist. „Ich kann mir gut vorstellen, dass das hier in der Lüneburger Heide noch einmal verstärkt kommt.“

Immerhin habe der Anbau auch Vorteile: Die relativ robusten Pflanzen müssten weniger gespritzt werden, sagt der Landwirt. „Der Weizen zum Beispiel wird mindestens einmal mehr behandelt.“ Und auch die Erträge könnten sich in diesem Jahr sehen lassen. Ob auch die Werte stimmen? Das wird in wenigen Wochen getestet. Bis dahin heißt es für Richter wieder: Ruhe bewahren.

Von Anna Petersen

Besser als erwartet

„Durchschnittliche“ Getreideernte

Die Getreideernte in der Region ist fast beendet. „Nach unserem ersten Eindruck ist die Ernte vielfach besser ausgefallen als im Frühjahr erwartet“, sagt Jürgen Grocholl, Leiter der LWK-Bezirksstelle Uelzen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Schlägen seien zwar teilweise beachtlich, „aber im Mittel können wir nach derzeitigem Stand wohl von einer durchschnittlichen Ernte ausgehen“. Das bestätigt auch Boris Erb vom Kreisvorstand des Bauernverbandes Nordostniedersachsen (BVNON). „Aber die Proteingehalte sind tendenziell eher niedrig.“ Das führt der Landwirt nicht auf die Witterungsbedingungen zurück, sondern einen geringeren Düngemitteleinsatz infolge strengerer Verordnungen. Er habe schon von einigen Kollegen gehört, deren Ernte in diesem Jahr nicht für Backwaren, sondern lediglich für den Futterhandel ausreichte. „Alles in allem sind wir aber durchaus zufrieden.“