Donnerstag , 24. September 2020
Der Nachbarschaftsstreit zwischen Dennis A. und dessen Frau Miriam sowie Manfred H. (nicht im Bild) hatte es im Mai sogar ins Fernsehen geschafft. Foto: a/t&w

Neugieriger Blick ist erlaubt

Lüneburg. Dass Grundstücksnachbarn sich auch mal sehen können, wenn beide sich im Garten aufhalten, „entspricht den Grundsätzen des nachbarlichen Gemeinschaftsverhältnisses“. Was Amtsrichter Christoph Blumenthal da in schönster Juristensprache niedergeschrieben hat, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit – niemand kann verbieten, dass der Nachbar auch mal einen Blick in den Garten nebenan wirft. Doch beim Nachbarschaftsverhältnis von Sefadin A. und Manfred H. an der Bleckeder Landstraße ist gar nichts selbstverständlich. Und so hat das Amtsgericht Lüneburg seit vielen Monaten die undankbare Aufgabe, den zerstrittenen Parteien die Umgangsformen eines zivilisierten Miteinander zu erklären.

So auch im jüngsten Urteil. Der 80-jährige Manfred H. war der Meinung, dass A. die gelben Säcke und Sperrmüll nicht so zur Abfuhr herausstellt, wie es sein sollte. Außerdem würde der Nachbar ihn vom Klettergerüst der Kinder aus beobachten. Und nicht zuletzt: H. und seine Ehefrau beschweren sich über Schimpfkanonaden von bis zu einer Stunde, die vom Nachbargrundstück gegen sie ausgestoßen würden. Auch das sollte durch eine vom Gericht ausgesproche Unterlassungserklärung verboten werden.

Doch für Manfred H. und seine Ehefrau Sabiene (52) wurde es eine Abfuhr auf gesamter Front. Denn der Amtsrichter wies die Klage in Gänze zurück. Und er ließ keinen Zweifel daran, für wie wenig glaubwürdig er die Ausführungen der erbosten Eheleute hält.

„Das erscheint schlechthin nicht glaubhaft“

Da ist zum einen die Behauptung des Seniors, er sei am 24. September 2019 eine Stunde lang von Sefadin A. beschimpft worden, als Zeuge hat er seine Ehefrau angeführt. Diese hatte behauptet, dass sie mit ihrem Ehemann sofort den Garten verlassen und nicht darauf reagiert habe, als der Wutausbruch des Nachbarn begonnen hatte. Dass, so der Richter, „erscheint schlechthin nicht glaubhaft“.

Denn schon während der Verhandlung war Manfred H. mehrfach aus der Haut gefahren und hatte seine Ehefrau erbost aufgefordert, sie solle die Ereignisse doch anders schildern. Der 80-Jährige, so formuliert es Blumenthal im Urteil, sei „durchaus als hitzig zu bezeichnen“. Und auch über die Glaubwürdigkeit der Ehefrau im Zeugenstand hat sich der Richter im Verlauf der Verhandlung eine Meinung gebildet: Es sei offensichtlich, dass sie „zu einer neutralen, sachlichen Schilderung (…) nicht in der Lage war“.

Und die „Nachstellungen“ vom Klettergerüst des Nachbarjungen aus? Auch da bekam Manfred H. nicht die erhoffte Unterlassungserklärung vom Amtsgericht. Vielmehr heißt es in dem Urteil, dass es grundsätzlich das Recht von Sefadin A. sei, das im Garten aufgestellte Spielgerüst „gemeinsam mit seinem Sohn oder auch alleine zu betreten“.

Und die gelben Säcke? Die stehen vor dem Grundstück von Manfred H. Und wenn er sich dadurch in seinem Ordnungssinn gestört sehe, dann reiche das nicht für eine erfolgreiche Klage.

Ein Etappensieg also für Sefadin A., und als einen weiteren dürfte er empfinden, dass die Eheleute H. wohl auch auf Druck des Vermieters mittlerweile ausgezogen sind. Vor Gericht wird man sich womöglich aber noch ein paar Mal sehen. So ist unter anderem noch ein Verfahren anhängig, weil Sabiene H. mit der Schreckschusspistole ihres Mannes auf den Nachbarn geschossen haben soll. Die Waffe hatte die Polizei bei einer anschließenden Hausdurchsuchung beschlagnahmt. Sie gehört Manfred H. Die nehme er immer für die eigene Sicherheit bei seinen Spaziergängen am Elbe-Seitenkanal mit, erklärte der stark sehbehinderte Mann dem Richter.

Von Thomas Mitzlaff