Sonntag , 20. September 2020
Planschen im eigenen Pool wurde in Corona-Zeiten für viele sehr verlockend. Foto: A/t&w

Bahnen statt Bohnen ziehen

Lüneburg. Kartoffeln, Bohnen und Erdbeeren in Reih und Glied, sorgsam gestutzte Obstbäume und ein Blumenbeet, das nur deshalb dem Nutzwert-Diktat entging, weil es Bienen anlockt – Schreber-Parzellen dieser Art werden zu Relikten der Vergangenheit. Seit 2015 ging fast die Hälfte aller frei werdenden Kleingärten in Deutschland an junge Familien mit Kindern. Also wandelt sich das Bild: Trampolin statt Tomaten, Pools statt Paprika. In Dortmund stemmt man sich gegen den Trend. Der Stadtverband will Pools in Kleingärten nun verbieten. Wie sieht es in Lüneburgs Kleingärten aus?

Ein vormittäglicher Streifzug durch die Anlage des Kleingärtnervereins Ilmenau bestätigt den Trend. Zwischen dem Goldregen- und dem Dahlienweg finden sich einige Kleingärten mit Trampolin und/oder Swimmingpool. Das Bundeskleingartengesetz erlaubt nur mobile, nicht ins Erdreich eingelassene Pools. Dazu muss die Entsorgung des Wassers gesichert sein, und es darf nicht gechlort werden.

Weiter geht‘s zum Kleingärtnerverein Kirchsteig. Dem ersten Anschein nach dominieren dort die Beete die Badestellen noch eindeutig. Dafür lässt man es auch schon mal krachen. Kinder planschen in einem Pool mit stattlichen Seitenwänden von über 50 Zentimeter Höhe.

Vermittlung löst das Problem in der Regel

Offensichtlich schwappt die Welle des Badespaßes aus den Gärten hinüber in die Kleingärten. Das Preisvergleichsportal billiger.de hat ermittelt, dass die Nachfrage nach Pools in Deutschland im Zeichen der Seuche enorm angestiegen ist – im Mai und Juni um mehr als 2900 Prozent!

Aber wird der Trend auch hierzulande – wie im Ruhrgebiet – zum Problem? Stören sich Nachbar-Kleingärtner an Kindergeschrei statt Kürbis-Smalltalk? Leider traf der Reporter vor Ort niemanden an, der Auskunft geben konnte oder wollte.

Also Anruf bei Sascha Rhein, dem Vorsitzenden des hiesigen Bezirksverbandes der Kleingärtner: „Tatsächlich haben wir noch keinerlei Beschwerden über Pools in den Parzellen bekommen. Anders sieht es bei Trampolinen aus.“

Anrufe, ob die denn erlaubt seien, kämen hauptsächlich von Anwohnern benachbarter Wohnblocks. „Wenn viele Kinder bis spätnachts herumtoben, kommen auch kinderfreundliche Nachbarn an Grenzen“, weiß Rhein. „Wir vermitteln dann Gespräche zwischen Pächter und Anwohner, das löst in der Regel das Problem.“

Gespräche seien bisweilen aber auch intern notwendig. „Manche junge Familie pachtet den Kleingarten nur, um Pool und Trampolin aufstellen zu können. Dann muss man schon mal auf den eigentlichen Zweck der Parzellen hinweisen.“ Doch offenbar ist den meisten das Anlegen eines Hochbeets kein zu hoher Preis für das Hochgefühl des Planschens im eigenen Pool.

Zur Sache

2100 Mitglieder im Verband

Der Kleingärtner-Bezirksverband Lüneburg hat allein in der Hansestadt Lüneburg 2100 Mitglieder. Parzellen in den Kleingärten sind sehr beliebt. „Fast alle Vereine in der Stadt haben lange Wartelisten“, sagt Sascha Rhein. Er ist Vorsitzender des Kleingärtner-Bezirksverbandes.

Der Verband betreut 21 Vereine in Lüneburg, Buchholz in der Nordheide, Reppenstedt, Soltau, Tostedt und Winsen (Luhe) und hat insgesamt 2300 Mitglieder.

Von Joachim Zießler