Montag , 26. Oktober 2020
Alexander E. (r.) zum Auftakt des Prozesses neben seinem Verteidiger Moritz Klay. Foto: be

Tat als Machtdemonstration

Lüneburg. Nur Augenblicke, nachdem Alexander E. seinem Stiefvater mit einem Kartoffelmesser eine klaffende Halswunde zugefügt hatte, verhöhnte er seine Angehörigen: „Ich bin in sechs Monaten wieder raus.“ Und seinem Stiefvater, der ein Handtuch auf seine blutende Wunde presste, drohte er: „Ich lasse dich nicht leben!“ Doch der 29-Jährige irrte. Statt in Kürze erneut einen Angriff starten zu können, muss er lange in Haft. Das Landgericht Lüneburg verurteilte ihn am Montag unter anderem wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Haft.

Stiefvater Jefgenij K. (39) verzieh seinem Stiefsohn zwar zum Prozessende, meinte, dieser sei durch den zwischenzeitlichen Krebs-Tod der Mutter schon genug bestraft. Doch das sah die 4. Große Strafkammer anders.

Das Opfer vergibt dem Täter

Was Alexander E. durchgehend bis zu seinem Schlusswort als „Unfall“ schilderte, werteten die Juristen als „gezielten Angriff, um Frust abzubauen“. Dass am 28. März Jefgenij K. das Opfer wurde, obwohl der an diesem Grill-Nachmittag der Familie in Kirchgellersen mit Alexander E. keinerlei Konflikt hatte, war nach den Worten des Vorsitzenden Richters Franz Kompisch kein Zufall. „Das war eine Machtdemonstration. Die Botschaft lautete: ‚So geht man mit mir nicht um!‘“

Die Bluttat hat eine 16-jährige Vorgeschichte, wie die Kammer rekonstruierte. Alexander E., ältestes von drei Geschwistern, reihte Fehlschläge aneinander. Wechselte vom Gymnasium auf die Realschule, von dort auf die Hauptschule, wo er nur mit Mühe einen Abschluss schaffte. Während Schwester und Bruder studierten, schmiss er Lehrstellen nach kurzer Zeit oder trat sie gar nicht erst an. Anfang des Jahrtausends verließ sein leiblicher Vater die Familie. Den 2004 an dessen Stelle tretenden Jefgenij E. akzeptierte er nicht – auch, weil der nur zehn Jahre älter war. Alexander E. griff zu Alkohol und Drogen, beschimpfte im Rausch seinen Stiefvater als „Hurensohn“ und die Mutter als „Schlampe“.

2013 attackierte er betrunken seinen Stiefvater, danach war an dieser Front trügerische Ruhe. Gleichwohl kassierte er in diesen Jahren vier Vorstrafen, auch eine einschlägige wegen Körperverletzung.

Er stank nach Alkohol

Seine Schwester Marie drängte ihn im Frühjahr 2020, die Finger von der Flasche zu lassen, um der an Krebs erkrankten Mutter nicht noch zusätzlichen Kummer zu bereiten. Doch auch hier scheiterte Alexander. Er stank nach Alkohol und sprach verwaschen, als unten auf der Terrasse der Grill angeworfen wurde. Die Schwester untersagte ihm, sich zur Familie zu gesellen. „Bemutternd und zurücksetzend. So etwas frustriert“, meinte Kompisch. Alexander E. ignorierte das Verbot, rauchte sogar provozierend direkt neben seinem Neffen, einem Kleinkind.

Daraufhin verließen die Schwester samt Mann und Kind die Feier. Alexander E. blieb kurzfristig allein am Tisch zurück, auf dem das Kartoffelschälmesser mit schwarzem Griff und gebogener, sechs Zentimeter langer Klinge lag. Kompisch: „In ihm kocht es jetzt. Er sucht eine Person, an der seinen ganzen Frust auslassen kann.“

Er fand seinen Stiefvater, der ihm den Rücken zuwandte und ein Türschloss reparierte. Linkshänder E. legte den rechten Arm um dessen Hals, riss den Kopf nach oben. „Das konnte nur ein einziges Ziel haben: Raum für den Schnitt zu haben – den er vermutlich sogar schon in diesem Augenblick gesetzt hat.“

Um Zentimeter am Tod vorbei

Das Leben von Jefgenij E. hing laut Oberstaatsanwalt „an einem seidenen Faden“. Wäre der zehn Zentimeter lange und drei Zentimeter tiefe Schnitt etwas seitlicher angesetzt worden, wären die Halsschlagadern in Gefahr gewesen.

Als die Polizei alarmiert war, schlug der zunächst großspurige Täter weinerliche Töne an: „Das war nur ein Unfall, mein Gott, das war nur ein Unfall.“

Zusätzlich zur Haft wies die Kammer Alexander E. auch noch in eine Entzugsklinik ein. Erst wenn er ein Jahr und neun Monate Haft sowie den zweijährigen Entzug erfolgreich bewältigt hat, kann sich Alexander E. Hoffnung auf Bewährung machen.

Von Joachim Zießler

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