Montag , 28. September 2020
Haben in den letzten Monaten viele neue Ideen für die Verbandsarbeit entwickelt: Marion Lochowicz (v.l.), Beate Lockemann, Hiltrud Lotze und Susanne Jochum. Foto: t&w

Zwischen Angst und Tatendrang

Lüneburg. Wie hat die Corona-Krise die Arbeit in den Verbänden verändert? Die LZ hat mit Marion Lochowicz vom DRK-Ortsverein Lüneburg-Stadt, Beate Lockemann vom SoVD-Kreisverband Lüneburg-Lüchow sowie Hiltrud Lotze und Susanne Jochum vom Awo-Regionalverband Lüneburg/Uelzen/Lüchow-Dannenberg über die vergangene und aktuelle Situation gesprochen.

LZ: Die Corona-Krise hat das soziale Leben auf den Kopf gestellt. Welche Verantwortung kommt den Verbänden in dieser Situation zu?

Hiltrud Lotze (Awo): Die ehrenamtliche Arbeit musste völlig unvorbereitet komplett eingestellt werden. Für viele Menschen, deren Alltagsstruktur von unseren Angeboten getragen wird, hat das tiefe Einschnitte bedeutet. Ältere Menschen, die allein leben: Was passiert, wenn sich dort keiner mehr meldet? Wir haben unsere Verantwortung in der Zeit des Lockdowns darin gesehen, unsere Mitglieder nicht alleinzulassen, auf anderen Wegen Kontakt zu ihnen zu pflegen.

Marion Lochowicz (DRK): Das kann ich eins zu eins so bestätigen. Der Dienstleistungsbereich in der Altenpflege musste unter Corona-Bedingungen natürlich weiterlaufen, aber alle ehrenamtlichen Angebote wurden gestrichen – verständlicherweise, man muss ja auch bedenken, dass die Leute, die zu uns kommen, fast alle zur Risikogruppe gehören.

Beate Lockemann (SoVD): Das betrifft ja auch die Ehrenamtlichen selbst. Aus einer anfänglichen Schockstarre heraus haben wir überlegt: Was können wir überhaupt anbieten? Oh Gott, es geht nichts! Vom Landesverband kam dann auch sofort die Anweisung, bis zum 30. Juni keine Angebote über die Beratungsleistungen hinaus mehr zu machen. Das konnten wir uns zunächst gar nicht vorstellen.

Susanne Jochum (Awo): Die Situation hat ja nicht nur unsere Mitglieder hart getroffen, sondern auch die ehrenamtlichen Helfer. Sie haben eine Aufgabe verloren und standen vor der Frage: Was mache ich jetzt Sinnvolles mit meiner Zeit? Das, was mir wichtig war, ist plötzlich weg.

Wie haben Sie die Menschen in dieser Zeit erreicht?

Lockemann: In unseren Ortsverbänden wurden Masken genäht und an Mitglieder verteilt, Blumengrüße vorbeigebracht – zwischen Tür und Gartenpforte wurde sich zugewunken. Ein Ortsverband hat auch Ostergrüße mit Dankesschreiben für die Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen organisiert. Die Leute sollten wissen: Wir sind noch da, ihr könnt euch an uns wenden.

Lochowicz: Aus genau diesem Gedanken heraus ist bei uns auch das Projekt „Poesiealbum“ entstanden. Alle Mitglieder haben einen Brief erhalten, in dem wir sie dazu aufgefordert haben, kreativ zu werden. Gedichte, Geschichten, Bilder, Lieblingsrezepte: Dabei sind so schöne Sachen herausgekommen. Die wollen wir in einem Buch oder bei einer Ausstellung zeigen. Zwischen 30 und 40 Beiträge haben uns bereits erreicht, aber es dürften noch weitere folgen.

Lotze: Wir haben ein Begegnungstelefon eingerichtet und an alle Mitglieder eine Karte geschickt – mit einer Telefonnummer und der Einladung, dass sie sich bei uns melden können, wenn sie hin und wieder von einem ehrenamtlichen Helfer angerufen werden möchten. Daraus haben sich zum Teil tolle Kontakte ergeben, weil ja plötzlich auch Leute miteinander telefonierten, die sich unter Umständen gar nicht kannten.

Gibt es denn Ansätze, auch mehr digitale Angebote an die älteren Mitglieder heranzutragen?

Lotze: Unbedingt! Wir haben uns als Haupt- und Ehrenamtliche in diesen Bereich eingearbeitet und wollen nun auch die Menschen, die unsere Angebote nutzen, an die Technik heranführen und zeigen: Das ist kein Hexenwerk, das kann jeder lernen! Dann könnten wir zum Beispiel auch bei Glatteis mal sagen: Liebe Awo-Freunde, ihr müsst nicht rausgehen, wir treffen uns online.

Wie darf man sich das vorstellen? Kaffeetrinken vor dem Bildschirm?

Lotze: Genau. Ich habe mir online viele Beispiele in der Bundesrepublik angeschaut. Ältere Menschen spielen Stadt-Land-Fluss, feiern Partys. Sie können sich zur Videokonferenz anmelden, sich hübsch machen und dann wird Wunschmusik gespielt und ein Sektchen getrunken. Das wirkt auch gegen Einsamkeit und ich glaube, darin liegt großes Potenzial. Das Problem: Viele, die zu uns kommen, beziehen eine kleine Rente. Sie haben kein Tablet zu Hause, vielleicht auch keinen Internetanschluss. Wir basteln gerade an einem Programm, um das zu ändern und auch Ängste vor dem Umgang mit der Technik zu nehmen. Letztlich muss aber klar sein: Diese digitalen Angebote können keinen direkten Kontakt ersetzen.

Frau Lockemann, Sie fühlen sich beim SoVD unter anderem für die Beratungsleistungen verantwortlich. Da geht es ja auch um Themen wie Rente, Arbeitslosengeld und Pflegegrad. Wie spiegelt sich die aktuelle Situation in diesen Gesprächen wider?

Lockemann: Gerade beim Jobcenter und in der Pflege sind die Leistungen nur in abgespeckter Form fortgesetzt worden, etwa die Vermögensprüfungen oder die Besuche des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung. Es kommt niemand mehr raus, um die Pflegestufe zu ermitteln, das läuft momentan alles telefonisch. So fallen womöglich einige Sachen gar nicht auf. Ich bin gespannt, was passiert, wenn das irgendwann alles überprüft und nachgerechnet wird. Ob es dann eine Welle an Rückstufungen und Rückforderungen geben wird? Da herrscht Unsicherheit.

Jochum: Die Besuche von der Pflegeberatung waren ja auch auf anderer Ebene wichtig – für den einen oder anderen praktischen Tipp und als Beitrag gegen die Verwahrlosung. Die Haushalte vieler Menschen müllen leider Gottes zu. Diese Fälle haben stark zugenommen unter Corona – einfach, weil keiner zu Besuch kommt. Da ist jetzt zum Teil ein ganz anderer Hilfebedarf zu erkennen als früher. Das betrifft auch die Seniorenassistenz. In diesem Bereich haben sich zu Anfang der Krise nur rund 30 Prozent der Kunden abgemeldet, meistens auf Wunsch der Kinder. Seit Mai habe ich alle wieder – und sogar noch mehr.

Woran mag das liegen?

Jochum: Einige Pflegedienste haben ihren Betrieb entweder ganz oder in verschiedenen Leistungsbereichen eingestellt. Die Operationszahlen des Krankenhauses sind wieder gestiegen und die Krankenkassen baten für ihre Versicherten um Unterstützung im Haushalt.

Was findet denn inzwischen wieder statt im Bereich Ihrer ehrenamtlichen Arbeit?

Lotze: Es ist ein Zustand zwischen Angst und Tatendrang. Viele würden gerne wieder etwas machen, anderen ist es zu riskant. Einige Ortsvereine haben bis Ende August alles abgesagt, andere haben angefangen, wieder Angebote an der frischen Luft zu betreuen. Aber das 29klassische Programm – Spiele, Kaffeenachmittag, Tanzen, Gymnastik, Handarbeit – findet noch nicht wieder statt. Noch ist 29Sommerpause, da werden sich viele Gedanken gemacht. Eine Frage dabei: Wie holen wir die Menschen zurück? Einige haben sich ja auch in ihrer häuslichen Zurückgezogenheit eingerichtet. Ich habe jetzt zum ersten digitalen Mitgliedertreff eingeladen. Mittels Zugangscode treffen wir uns zur Online-Konferenz. Das ist für uns ein Lern-Experiment, wir wollen in Zukunft Analoges und Digitales sinnvoll miteinander kombinieren.

Lochowicz: Wir haben unsere Aktivitäten Anfang August wieder aufgenommen. Dabei haben wir das Glück, dass wir einen Veranstaltungsraum von rund 100 Quadratmetern Größe haben. Handarbeitskreis, Gymnastik, Seniorenkreis, Gedächtnistraining – alles geht wieder los, natürlich nach den bekannten Spielregeln.

Lockemann: Im Hauptamt sind natürlich fast alle Angebote wieder angelaufen. Im Bereich des Ehrenamts finden bei uns aber noch keine Veranstaltungen statt, soweit ich das aus den 20 Ortsverbänden weiß. Das Problem ist, dass wir keine geeigneten Räume haben.

Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?

Lotze: Ich habe gelernt, wie wertvoll menschliche Begegnungen sind, dass diese durch nichts zu ersetzen sind – und dass man trotzdem Wege finden kann, die Arbeit fortzusetzen, zum Beispiel digital.

Lockemann: Eine Vorstellung davon, was geht und was nicht geht. Und ich höre immer wieder, dass sich in dieser Zeit Leute zusammengetan haben, die vorher gar keine beruflichen oder privaten Überschneidungen hatten. So sind auch neue Kontakte entstanden.

Lochowicz: Nach der ersten Schockstarre hat sich bei uns eine ganz neue Kreativität entwickelt. Es gab Projekte, die man vielleicht unter normalen Umständen nie in Erwägung gezogen hätte. Einiges davon wird sicher auch erhalten bleiben. Wir sind alle näher zusammengerückt.

Von Anna Petersen