Sonntag , 20. September 2020
Seit 2007 fördert die Coca-Cola-Tochter Apollinaris Wasser aus dem Lüneburger Untergrund für die Vio-Produktion. Foto: be

Was wir über die Wasserpläne von Coca-Cola wissen

Lüneburg. Das Thema Wasser treibt nicht nur, aber vor allem auch die Bürger der Region Lüneburg um. Der Coca-Cola-Konzern will einen dritten Brunnen bauen und die Entnahmemenge des hervorragenden Wassers aus den Tiefen der Region verdoppeln. Schon die Probebohrung sorgt für eine Welle der Kritik – auch weil 118.000 Kubikmeter des kostbaren Gutes zu Probezwecken gefördert werden sollen, um dann zu versickern. Befürworter des dritten Brunnens argumentieren mit der Sicherung von Arbeitsplätzen in Lüneburg. Die LZ hat nachgehakt und gibt einen Überblick zu dem Thema mit zahlreichen Fragen und Antworten:

Seit 2007 fördert der Konzern Wasser für die Vio-Produktion aus den Lüneburger Vio-Brunnen. Wie lange läuft der Entnahmevertrag noch?

„Bezüglich des Förderns von Wasser können keine Verträge geschlossen werden. Wasser darf nur auf der Grundlage einer wasserbehördlichen Erlaubnis entnommen werden. Die wasserrechtliche Erlaubnis für die Apollinaris Brands GmbH, Berlin, erteilt am 7. November 2016, beinhaltet das Fördern von Mineralwasser aus zwei Brunnen statt bis dahin nur aus einem. Die Wassermenge wurde dabei nicht erhöht. Die Frist wurde auf 2041 verlängert“, sagt Suzanne Moenck, Pressesprecherin der Stadt Lüneburg.

Gibt es eine Optionsregelung? Oder irgendeinen Passus, der eine automatische Verlängerung ermöglicht?

Die wasserbehördliche Erlaubnis ist im sogenannten Wasserbuch der Hansestadt Lüneburg eingetragen. Moenck: „Eine automatische Verlängerung von wasserrechtlichen Erlaubnissen ist nicht zulässig.“

Gab es bereits Anfragen des Konzerns bezüglich einer Verlängerung?

Die Erlaubnis gilt bis 2041, es gibt noch keine neue Anfrage, betont Moenck.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die Stadt einer Verlängerung zustimmt?

Hier hat die Stadt eine klare Position: „Das steht aktuell nicht zur Debatte.“

Wo soll der dritte Vio-Brunnen entstehen?

Die Planungen laufen seit Frühjahr 2016. Zunächst war ein Standort südlich von Vögelsen favorisiert, dann zwischen Vögelsen und Mechtersen. Der finale Standort des dritten Vio-Brunnens befindet sich in der Gemarkung Reppenstedt und liegt damit in der Zuständigkeit des Kreises Lüneburg als Untere Wasserbehörde. Die Brunnen-Baustelle befindet sich nördlich des Gutes Brockwinkel, am östlichen Rand der Landwehr an einem Feld beziehungsweise zirka 400 Meter Luftlinie südlich des Ortsrands von Vögelsen.

Wie ist der aktuelle Stand der 3. Brunnenbohrung?

„Die Brunnenbohrung ist inzwischen auf gut 190 Meter Tiefe niedergebracht“, sagt Coca-Cola-Sprecherin Marlen Knapp. „Der Brunnenausbau mit Filter und Rohren ist erfolgt, und derzeit wird der Raum zwischen Bohrung und Rohr mit natürlichem Füllmaterial verpresst und abgedichtet.“ Die Bohrung selbst ist übrigens nicht genehmigungspflichtig, Bescheid sagen reicht: Denn sie muss allenfalls bei der zuständigen Bergbaubehörde angezeigt werden.

Was kommt nach der Bohrung bei Gut Brockwinkel?

Voraussichtlich ab Oktober 2020 soll der vom Landkreis Lüneburg erlaubte Pumpversuch starten. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung war dafür nicht notwendig. Über einen Zeitraum von 70 Tagen dürfen maximal bis zu 118.000 Kubikmeter oder 118 Millionen Liter Tiefengrundwasser testweise zutage gefördert werden. Dabei soll überprüft werden, welche Einflüsse eine Förderung beispielsweise auf den Grundwasserspiegel hat und damit möglicherweise auf oberflächennahe Gewässer wie Teiche und Bäche.

Was passiert mit dem testweise geförderten Grundwasser während des Pumpversuchs?

Das Wasser soll zunächst durch eine sogenannte Enteisenungsanlage gefiltert werden. Dann wird es über eine rund einen Kilometer lange, provisorische Trinkwasserleitung oberirdisch bis an den nordöstlichen Ortsrand Reppenstedts gepumpt. Dort soll es mit wasserrechtlicher Genehmigung des Landkreises Lüneburg in den Reppenstedter Bach „Kranker Hinrich“ eingeleitet werden, mit einer maximalen Fließgeschwindigkeit von rund 85.000 Litern pro Stunde beziehungsweise 23,6 Litern pro Sekunde. Der Pumpversuch wird gezielt außerhalb der landwirtschaftlichen Beregnungszeit ausgeführt, um die Ergebnisse der Grundwassermessstellen nicht zu verfälschen, heißt es.

An welchen anderen Orten werden Vio-Produkte hergestellt und aus welchen Quellen stammt das Wasser dafür?

„Lüneburg ist der einzige Standort von Coca-Cola, an dem alle Vio-Getränke, darunter neben dem natürlichen Mineralwasser auch Biolimonaden und Direktsaftschorlen, abgefüllt werden“, sagt Firmensprecherin Marlen Knapp. „Die Vio-Getränke werden ausschließlich auf dem deutschen Markt angeboten. Mineralwasser – so regelt es die Mineral- und Tafelwasserverordnung – muss direkt am Quellort abgefüllt werden, sodass Vio aus der Lüner Quelle auch nur hier am Standort abgefüllt werden kann.“

Wie hat sich die Mitarbeiterzahl am Lüneburger Produktionsstandort von Coca-Cola entwickelt?

„Am Standort Lüneburg sind 190 Mitarbeitende beschäftigt“, sagt Sprecherin Marlen Knapp, „davon 150 in der Produktion, 35 in der Logistik und fünf in der Verwaltung. Im Jahr 2007 als wir mit der Füllung von Vio begonnen haben, waren es 65 Mitarbeitende.“

Wie groß ist die geplante Grundwasserentnahme durch die Coca-Cola-Tochter Apollinaris Brands im Verhältnis zu anderen Entnahmen?

An den bisherigen zwei Brunnen für die Vio-Produktion im Industriegebiet Goseburg an der Ilmenau und im Lüner Holz verfügt die Firma bereits über die Berechtigung, 350.000 Kubikmeter Tiefengrundwasser zu fördern. Der Grundwasserkörper nennt sich Ilmenau Lockergestein rechts. Der dritte Vio-Brunnen befindet sich hingegen im Bereich des Grundwasserkörpers Ilmenau Lockergestein links. Die Grenze der beiden Grundwasserkörper verläuft mitten durch die Stadt Lüneburg. Bei dem dritten Brunnen hat Apollinaris zusätzliche 350.000 Kubikmeter beim Landreis Lüneburg beantragt. Die Menge entspricht an der Stelle einem geringen Prozentteil der insgesamt vom Landkreis erlaubten Entnahmemengen von Trinkwasserversorgern bis hin zur Feldberegnung. Andererseits entspricht die Menge auch dem durchschnittlichen Wasserverbrauch von mehr als 7000 Menschen pro Jahr.

Welche Konsequenzen werden wegen der Förderung befürchtet?

Nach Einschätzung des von Coca-Cola beauftragten Hydrogeologen könnten sich Grundwasserabsenkungen nur an wenigen Stellen bis in die oberflächennäheren Bereiche „durchpausen“. Das geht aus den Erläuterungen zum Förderantrag hervor, der der LZ vorliegt. Es wird davon ausgegangen, dass der größte Teil von dicken, flächigen Tonschichten als Stockwerks­­­­trenner geschützt wird. Die Absenkungen könnten sich aber theoretisch im Bereich Mechtersen/Dachtmissen bemerkbar machen sowie in einem kleineren Bereich „südöstlich Wienebüttel, am Kreideberg“ und dort „oberhalb des Salzstockes Lüneburg“. Für diesen Bereich ist von „hydraulischen Fenstern“ die Rede, wo sich „theoretisch oberflächennahe Absenkungen ausbilden können“. Die Samtgemeinde Gellersen sowie die Gemeinde Reppenstedt befürchten zudem, dass die zusätzliche Grundwasserentnahme im Auftrag von Coca-Cola langfristig zu einer Verknappung der vorhandenen Ressourcen für die öffentliche Trinkwassergewinnung führen könnte. Dabei geht es vor allem um das fossile, rund 1000 Jahre alte Wasser in rund 200 Metern Tiefe. Ähnlich sieht das die Lüneburger Bürgerinitiative „Unser Wasser“.

Was kostet die Entnahme?

Die Wasserentnahme zur Herstellung von Getränken ist dem Verwendungszweck „zu sonstigen Zwecken“ zuzuordnen, der Gebührensatz des sogenannten Wasserpfennigs hierfür beträgt 0,09 Euro je Kubikmeter beziehungsweise 0,009 Cent pro Liter. Zum Vergleich: Die Gebühr für Wasserentnahmen für die öffentliche Trinkwasserversorgung beträgt 0,075 Euro je Kubikmeter beziehungsweise 0,0075 Cent pro Liter. Im Endverbraucherpreis für Trinkwasser sind auch Kosten für Infrastruktur für Leitungen enthalten. Für die landwirtschaftliche Beregnung wurden vom Land 0,007 Euro pro Kubik oder 0,0007 Cent pro Liter festgesetzt. Bei der Gebühr spielt weder die Tiefe des Brunnens noch die spätere Wertschöpfung eine Rolle.

Was passiert mit dem Geld aus dem Wasserpfennig?

Die Einnahmen aus der Wasser-entnahmegebühr sind gemäß Niedersächsischem Wassergesetz (NWG) zweckgebunden (vgl. Paragraf 28 NWG). Aus dem Gebührenaufkommen werden laut Umweltministerium in Hannover nach Abzug des Verwaltungsaufwands Maßnahmen zum Schutz der Gewässer und des Wasserhaushalts, sonstige Maßnahmen der Wasserwirtschaft und Maßnahmen des Naturschutzes gefördert. Die Verwendung der Einnahmen durch das Land richtet sich nach fachlichen Gesichtspunkten. Eine Bindung der Mittel an den Ort der Einnahme widerspräche aber dem Sinn und Zweck der gesetzlichen Regelungen und wäre nicht sachgerecht, hieß es bei einer früheren Stellungnahme.

Gibt es aktuell Probleme bei der öffentlichen Trinkwasserversorgung?

Ja, zum Teil. Zuletzt hatte der Wasserbeschaffungsverband Elbmarsch, der große Teile des Landkreises von Radbruch bis Bleckede versorgt, gewarnt, dass die Infrastruktur vor allem im ländlichen Bereich an die Grenzen stößt, vermutlich wegen der höheren Zahl der zu bewässernden Gartenanlagen und der wegen Corona zu Hause gebliebenen Urlauber. Beispielsweise war angesichts von Außentemperaturen von um die 30 Grad die tägliche Wassernachfrage von privaten Haushalten am zweiten Augustwochenende um 30 bis 40 Prozent gestiegen. So musste zeitweise im Wasserwerk Adendorf der Wasserdruck für das Leitungsnetz gesenkt werden. Der Engpass hing aber vor allem mit der Leistungsfähigkeit der Infrastruktur zusammen, die mit der erhöhten Nachfrage nicht mehr Schritt halten kann. Im städtischen Bereich hingegen vermeldete der Trinkwasserversorger Purena keine Probleme, rief aber dennoch die Nutzer zum sparsamen Umgang mit Wasser auf.

Wie haben sich seit dem Dürrejahr 2018 die Grundwasserstände entwickelt?

Im Raum Lüneburg werden „eher fallende Grundwasserstände“ verzeichnet, sagt Achim Stolz vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Nach dem extrem trockenen Jahr 2018 hatte es im Winterhalbjahr 2018/2019 nur eine unterdurchschnittliche Grundwasserneubildung gegeben, sodass zu Beginn des Jahres 2019 an vielen Messstellen vergleichsweise „sehr niedrige Grundwasserstände“ vorlagen, heißt es in einem Bericht.

Und nach einem ebenfalls sehr trockenen Sommer 2019 waren die meisten Monate im Winterhalbjahr 2019/2020 durch „unterdurchschnittliche Niederschläge“ geprägt. Ausnahme war der Februar 2020 mit kräftigen Niederschlägen, die lokal zum Teil deutlich über dem langjährigen Mittel lagen. Ab Mitte März setzte dann eine Trockenheit ein, die sich bis jetzt hingezogen hat. In der Tendenz sei zu dabei erkennen, dass die Niederungsgebiete (Elbmarsch, Jeetzelniederung) 2020 höhere Grundwasserstände aufweisen als 2019, während in den höheren Lagen (insbesondere Großraum Drawehn) im Geestbereich geringere Grundwasserstände gemessen werden.

Welche ethischen Belange spielen bei der Prüfung des Förderantrags von Coca-Cola für den Landkreis eine Rolle?

„Als Landkreis müssen wir uns an die geltenden Gesetze halten“, sagt Kreissprecherin Katrin Holzmann. „Demnach ist zu prüfen, ob mit dem Grundwasser sparsam umgegangen wird, ob das Wasser mengenmäßig im Grundwasserkörper zur Verfügung steht und ob die Entnahme Auswirkungen auf die Umwelt hat.“ Und: „Vorrangig ist der Bedarf der Trinkwasserversorgung sicherzustellen.“ Die weiteren Entnahmezwecke (Landwirtschaft, Industrie) sind gleichberechtigt bei der Vergabe von Erlaubnissen zur Entnahme von Grundwasser zu betrachten, heißt es.

Von Dennis Thomas und Werner Kolbe

Grundwasserbilanz

Feldberegnung braucht besonders viel

Der Landkreis Lüneburg hat Anteile an verschiedenen Grundwasserkörpern. Das sind „Ilmenau Lockergestein links“, „Ilmenau Lockergestein rechts“, „Jeetzel Lockergestein links“, „Jeetzel Lockergestein rechts“ (keine Entnahme)“, „Elbe Amt Neuhaus“ und „Örtze Lockergestein links“ (keine Entnahme). Im Landkreis Lüneburg wurden Erlaubnisse/Bewilligungen erteilt für die Trinkwasserversorgung, Feldberegnung, Kühlung und sonstige Zwecke. Kleinere Entnahmen für die Gartenbewässerung oder die Viehtränke sind in der Regel erlaubnisfrei, heißt es.

Die jüngste Grundwasserbilanz des Landkreises Lüneburg bezieht sich noch auf das Dürrejahr 2018. Demnach wurden im Grundwasserkörper „Ilmenau Lockergestein rechts“ (inklusive Stadt Lüneburg) 13,08 Millionen Kubikmeter Wasser für die Feldberegnung entnommen, 8,07 Millionen Kubik für die Trinkwasserversorgung, rund zwei Millionen Kubik Kühlwasser sowie 0,96 Millionen Kubik Brauchwasser. In „Ilmenau Lockergestein links“ waren es für die Feldberegnung 12,9 Millionen Kubik, Trinkwasser 5,12 sowie 0,11 Millionen Kubik Brauchwasser.

Petition gestartet

Bereits mehr als 56.000 Unterschriften

Der Erhalt und Schutz einer sicheren und kostengünstigen Trinkwasserversorgung ist ein wichtiges Anliegen der Lüneburgerin Karina Timmann. Sie möchte eine verstärkte kommerzielle Nutzung dieses Trinkwasservorkommens verhindern. Den von der Coca-Cola-Tochter geplanten dritten Vio-Brunnen lehnt sie ab und hat die Petition “Unser Trinkwasser gehört uns – nicht Coca-Cola” gestartet. In den ersten Tagen haben bereits mehr als 56.800 Menschen die Petition (change.org/unser-trinkwasser-gehört-uns) unterzeichnet. „Wir brauchen ein Wassermanagement, welches solche regionalen Entnahmen zukunftsfähig und generationengerecht reguliert und im Zweifel unterbindet”, betont Timmann, die mit ihrer Familie in Lüneburg wohnt.