Samstag , 24. Oktober 2020
Zu den Nachstellungen gesellten sich schon bald Hunderte SMS- und WhatsApp-Nachrichten. (Foto: Adobe Stock)

Prozessauftakt gegen Stalker: „Du wirst nicht mehr lange da sein“

Lüneburg. Als sie durch die hysterischen Schreie ihrer Mutter wach wird und die Flammen sieht, weiß Silvia A. (Name geändert): Es waren keine leeren Drohungen, jetzt hat er ernst gemacht. Ein Unterstand am Haus brennt, direkt angrenzend befindet sich das Schlafzimmer ihrer Eltern. Der Vater wird rechtzeitig wach, beginnt zu löschen. Es ist der Höhepunkt eines mehrmonatigen Psychoterrors, dem sich Silvia A. ausgesetzt sieht. Jetzt muss sich der mutmaßliche Stalker Tom M. dafür vor dem Landgericht Lüneburg verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen neben der Brandstiftung vor, seine Ex-Lebensgefährtin über Monate bedroht, verfolgt und belästigt zu haben. 30 Straftaten stehen in der Anklage, tatsächlich dürften es Hunderte SMS- und WhatsApp-Nachrichten, Anrufe und Nachstellungen gewesen sein, denen sich das Opfer ausgesetzt sah. In der Tiefgarage ihrer Wohnung lauerte er ihr offenbar auf, versteckte sich im Garten, fing sie beim Einkaufen ab. Er verfolgte sie mit dem Auto, obwohl er keinen Führerschein hat, rief nachts an.

Silvia A. war irgendwann nervlich am Ende, gab ihre Wohnung auf und zog zu ihren Eltern. Mutter, Vater und Tochter wechselten die Autos, um den Verfolger zu irritieren, Kollegen boten ihr an, sie bis vor die Haustür zu begleiten. Waren die Eltern am Wochenende verreist, bat sie eine Freundin bei ihr zu bleiben.

Wenn die Vorwürfe zutreffen sollten, solle Tom M. überlegen, ob er nicht ein Geständnis ablegen will, redet Richter Thomas Wolter ihm eindringlich ins Gewissen, „denn dann fahren Sie wesentlich besser“. Sollte dagegen eine aufwändige Hauptverhandlung ergeben, „dass das alles stimmt, dann ist das nicht mehr witzig“. Die Verteidiger des 28-Jährigen beantragen eine Sitzungsunterbrechung, überzeugen können sie ihren Mandanten aber nicht.

„Schlaf mal lieber bei Deinen Eltern“

Und so muss Silvia A. den gesamten Vormittag aussagen. Wie ihr Freund die Trennung im vergangenen Sommer nicht akzeptieren wollte, wie es losging mit den Drohnachrichten. „Du wirst nicht mehr lange da sein, verabschiede Dich schon mal“; „Pass schön auf Dein Auto auf, es bleibt nicht beim Brandschaden“; „Schlaf mal lieber bei Deinen Eltern, jetzt wird es noch schlimmer für Dich“ – die SMS werden massiver, immer wieder lauert Tom M. ihr auf.

Die junge Frau begann, ein Stalking-Tagebuch zu führen, wandte sich an die Polizei und die Opferhilfe, stellte beim Amtsgericht einen Gewaltschutzantrag, der vor Übergriffen, Nachstellungen und Telefonterror auch durch Nachrichten schützen soll. Doch das Gericht lehnte den Antrag ab, erst Wochen später hatte eine Beschwerde dagegen vor dem Oberlandesgericht Celle Erfolg – die zweite Instanz gewährte den gewünschten Schutz.

Doch bis dahin wurden die Drohungen und Nachstellungen immer massiver; bis zu dem Feuer am 3. November, bei dem offenbar nur deshalb niemand zu Schaden kam, weil die Eltern rechtzeitig aufwachten. Das Amtsgericht erließ zunächst Haftbefehl und bekleckerte sich anschließend erneut nicht mit Ruhm. Denn am 19. Dezember ließ es Tom M. wieder frei.

Silvia A. erfuhr das zufällig durch Bekannte, die den 28-Jährigen in der Stadt gesehen hatten. Prompt ging der Psychoterror wieder los – bis das Landgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Entscheidung des Amtsgerichtes einkassierte und wieder Haftbefehl erließ. Seitdem sitzt Tom M. in Untersuchungshaft.

Zum Prozessauftakt wirft er nur verstohlen Blicke in Richtung des Zeugenstuhls. Silvia A. schildert dort unter Tränen, wie sie noch heute unter dem Erlebten leidet. Sie hat wieder eine eigene Wohnung, doch wenn sie die Balkontür öffnet, bekommt sie Panikattacken, weil jemand im Garten lauern könnte. „Und ich gehe abends nicht mehr allein raus, weil ich immer wieder denke, er könnte da irgendwo sein.“

Von Thomas Mitzlaff