Montag , 26. Oktober 2020
Ein häufiges Bild der letzten Wochen: Mähdrescher, die in den Abendstunden über die Felder schlichen. (Foto: phs)

„Runtergefressen, plattgedrückt, vollgekackt“

Lüneburg. Man findet sie derzeit vielfach in den hiesigen Scheunen und Lagerhallen: goldgelbe Kornberge. Der Deutsche Bauernverband (DBV) rechnet in diesem Jahr mit einer Getreideernte von 42,4 Millionen Tonnen – und wertet das als verhältnismäßig schwaches Ergebnis. Immerhin liege die Getreideernte damit knapp fünf Prozent hinter dem Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019.

Doch während der DBV über schlechte Wetterbedingungen und Preisdruck klagt, werden aus der Lüneburger Heide durchaus auch andere Einschätzungen laut: Boris Erb vom Kreisvorstand des Bauernverbandes Nordostniedersachsen (BVNON) zeigte sich jüngst „durchaus zufrieden“ mit den diesjährigen Ergebnissen. Auch Jürgen Grocholl, Leiter der Bezirksstelle Uelzen der Landwirtschaftskammer (LWK), hatte erklärt, die Ernte sei nach seinem ersten Eindruck vielfach besser ausgefallen als im Frühjahr erwartet. Allerdings habe es beachtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Schlägen gegeben. Und da liegt der Hase im Pfeffer: „Das Ergebnis hängt davon ab, wie viel der Landwirt beregnen konnte und wo ein Schauer heruntergekommen ist“, sagt Grocholl.

Miserable Winterweizen-Situation

Bei Johanna Nunnemann in Neu Wendischthun haben die Äcker in diesem Frühjahr nur wenige Tropfen abbekommen. „Wir haben Risse im Boden, die sind bis zu einem halben Meter tief und fünf Zentimeter breit. Der Regen ist einfach nicht zu uns über die Elbe gekommen“, berichtet die 39-Jährige. Noch dazu hätten Gänse ihr Unwesen auf den Feldern getrieben: „Alles runtergefressen, plattgedrückt und vollgekackt.“ Neben durchschnittlichen Erträgen bei Raps und Gerste habe der Winterweizen „miserabel“ abgeschnitten. „Wo sonst drei bis vier Halme stehen, stand jetzt nur ein einziger.“

Der DBV fordert für solche Situationen eine Dürre-Versicherung, mit der sich die Landwirte gegen die Folgen des Klimawandels absichern können. „Das Jahr 2020 war vielerorts das dritte, durch Wetterextreme geprägte Jahr, was einige Betriebe in ihrer Existenz gefährdet“, sagt Präsident Joachim Rukwied. „Wir brauchen deshalb dringend eine Stärkung der einzelbetrieblichen Risikovorsorge durch staatlich unterstützte Mehrgefahrenversicherungen und die Einführung einer steuerlichen Gewinnrücklage.“ Das hält auch Nunnemann für sinnvoll. In früheren Jahren habe sie zwischen 70 und 80 Dezitonnen Weizen geerntet, 2020 aber nicht einmal die Hälfte des Ertrages erreicht. „Das ist noch schlimmer, als ich es erwartet hatte.“ Für die Landwirtin ein finanzieller Reinfall.

Von Anna Petersen