Freitag , 25. September 2020

Hausaufgaben gemacht? Schulen in Corona-Prüfungsangst

Keine Frage, der Lockdown im Frühjahr hatte die Schulen kalt erwischt. Sie agierten wie schlecht vorbereitete Schüler auf einen nicht angekündigten Vokabeltest. Übel nehmen konnte man ihnen das nicht. Bei so viel höherer Gewalt werden in Schulen auch schon mal die Resultate ganzer Klausuren gestrichen. Aber wie sieht die Bilanz jetzt aus, fünf Tage, bevor der Unterricht wieder beginnt? Haben Ministerium, Landesschulbehörde und Schulen ihre Corona-Hausaufgaben gemacht? Wenn ja, verstecken sie es gut. Wie der Schüler in der letzten Reihe, von dem alle annehmen, dass er es weiß – der sich aber nie meldet.

Sein Schweigen könnte aber auch auf Schockstarre aus Prüfungsangst hindeuten. Falls Schulleiter in den Ferien auf klarere Vorgaben aus der Politik gewartet haben, wurden sie enttäuscht. Das Landeskabinett ist mit dem Lüneburger Bernd Althusmann vorsichtig für eine Maskenpflicht auch im Unterricht und mit Kultusminister Grant Hendrik Tonne dagegen. Wo Althusmann den Schutzfaktor in stark befallenen Regionen betont, glaubt Tonne, dass die Maske das Lernen „schwierig bis unmöglich“ mache. Der AfD-Landtagsabgeordnete Stephan Bothe aus Amelinghausen klagt gar gegen die Maskenpflicht auf dem Schulhof, sieht eine „Gesundheitsgefährdung“. Ob die gemeinsamen Demonstrationen von AfD-Anhängern mit Aluhutträgern die Illusion genährt haben, dass Gesinnung gegen Coronaviren immunisiert?

Klarheit für die Schulen hat aber auch die Wissenschaft nicht geliefert. Beruhigend wirkte die bundesweit größte Studie nach Wiederhochfahren der Schulen. Dresdner Wissenschaftler testeten 2045 Schüler und Lehrer. Nur zwölf der Blutproben wiesen Antikörper auf, der Immunisierungsgrad war geringer als erwartet. Obwohl in 24 Familien von Untersuchten Coronafälle aufgetreten waren, wies nur ein Proband Antikörper auf. Heißt: Die Dynamik der Virusverbreitung in Familien wurde bisher überschätzt. Und in den Schulen, in denen es bestätigte Corona-Fälle gab, wurden nicht überdurchschnittlich mehr Antikörper nachgewiesen. Die Schulen wurden also nicht zu Hotspots.

Beunruhigend ist dagegen, dass das Durchschnittsalter der Neuinfizierten in Italien auf 30 Jahre sank – die Strand-Disco lässt grüßen. 17-Jährige ohne Vorerkrankungen, die nun künstlich beatmet werden müssen, und erste Erkenntnisse über herbe Spätfolgen selbst bei leichtem Krankheitsverlauf mahnen, den immer noch nahezu unbekannten Krankheitserreger nicht zu unterschätzen.

Eine Fleißnote für den Lösungsweg ist fällig dafür, dass die Schulen im eingeschränkten Regelbetrieb in voller Klassenstärke starten. Andernfalls würden Schüler aus bildungsfernen Familien noch weiter benachteiligt. Das Konzept fester Lerngruppen („Kohorten“) kann das Risiko vermindern.

Versetzung gefährdet lautet dagegen das Urteil bei der „mündlichen Beteiligung“. Vielerorts wissen Eltern fünf Tage vor Schulstart noch nicht, ob die Mensa offen ist oder nicht, ob es nachmittags AGs, Betreuung oder nichts gibt. Falls Szenarien und Konzepte entworfen wurden, würden sich die Eltern freuen, davon zu erfahren.

Angesichts nur grober Vorgaben wünscht man sich Eigeninitiative. Was spricht dagegen, dass sich Schulen mit maroden Toiletten ein Beispiel an dänischen Schulen nehmen, die – derzeit ohnehin nicht gebrauchte – mobile Sanitäranlagen für Festivals anmieteten? Was spricht dagegen, für die eigene Schule eine Maskenpflicht für zwei Wochen zu verhängen, um das Reiserückkehrerrisiko zu verringern? Schulbus-Fahrpläne ließen sich auch schon in den Ferien entzerren. Und nichts spräche dagegen, dass sich Lehrerkollegien nicht erst 2, 3 Tage vor Schulstart träfen, sondern eine Woche vorher. Dann wären die Hausaufgaben gemacht.

Joachim Zießler