Samstag , 26. September 2020
In der Kinderkrippe Meisennest müssen Kinder mit Schnupfen wieder nach Hause. (Foto: t&w)

Ein Mönch in der Heide

Eyendorf. Die Aussicht von Nils Glahns Terrasse ist idyllisch: Felder, Wiesen und Wälder, soweit das Auge reicht. Straßen und Gebäude sind nirgends zu sehen, kein Auto ist zu hören. Die einzige Geräuschkulisse sind das Plätschern eines kleinen Brunnens und ein Windspiel. Zwei kleine Katzen streunen durch den Garten, ein angenehmer Geruch liegt in der Luft, eine Mischung aus frisch gemähtem Gras und Räucherstäbchen. Das Stück Heimat, das sich der 31-jährige Nils Glahn mit seiner Frau und der kleinen Tochter in Eyendorf geschaffen hat, macht Lust auf Ruhe und Landleben.

Schon wenige Minuten hier geben ein Gefühl davon, wie entschleunigt das Leben sein könnte. Wie wenig Glahn zum Leben braucht, beziehungsweise dass es genau diese Stille ist, die es für ihn lebenswert macht – bis der Eyendorfer das erkannte, war es ein langer Weg.

Nach seiner Ausbildung zum Raumausstatter in der Nähe von Lüneburg zog es ihn mit 19 nach Berlin, erst nach Friedrichshain, dann nach Neukölln – „direkt mitten rein“. Eine bewegte Zeit sei das gewesen, viele Partys, interessante Jobs. „Ich habe bei Fernsehsendern wie Pro7 und RTL die Backstage-Einrichtung für VIPs gemacht, auch bei den MTV-Music-Awards. Ich habe viele Leute kennengelernt, war dauernd unterwegs. In den Zwanzigern in Berlin zu sein, das war schon cool.“

Doch nach einigen Jahren geriet er in eine Sinnkrise. „Beim Film, das ist schon eine eigene, oberflächliche und unmoralische Welt, die irgendwie mit einer Realitätsverschiebung einhergeht.“ 17 Stunden Arbeit am Set, mitten im August eine Weihnachtskulisse erstellen, da kam Glahn ins Straucheln, wusste Illusion und Realität nach Feierabend manchmal nicht mehr zu unterscheiden. „Diese künstliche Welt, überhaupt dieses typische Schaffen in der Leistungsgesellschaft, dieses immer Funktionieren müssen, ich wollte da nur noch raus.“ Doch was er ändern könnte, das wusste er nicht.

Auf einer Party habe ihm ein Kollege vom Filmset etwas von Meditation erzählt. „Ich habe ein bisschen angefangen zu recherchieren und wusste ganz schnell, dass das etwas für mich sein könnte. Ich war auf der Suche.“

Glahn traf sich mit buddhistischen Mönchen, stellte viele Fragen, war fasziniert. Schließlich kam er zur größten aller Fragen für sich selbst: Könnte er als Mönch leben?

Um das herauszufinden, verbrachte Nils Glahn zunächst zwei Wochen in buddhistischen Klöstern in Bayern, bevor er all sein Erspartes nahm und nach Asien reiste. „Ich habe mit buddhistischen und daoistischen Mönchen in Sri Lanka, Indien, Thailand, Myanmar, Laos, Kambodscha, China, Taiwan, auf den Philippinen gelebt und das gefunden, wonach ich gesucht habe“, sagt er und beschreibt es so: „Ein Leben im Einklang mit mir, in dem ich sehr in Kontakt mit mir selbst bin.“ Er habe sich von all seinem Ballast befreit, lebte in völliger Abgeschiedenheit.

Die Millionenstadt Berlin war ihm fremd geworden

Damals war er Mitte 20: „Ich hätte bleiben können, das wäre bequem gewesen. Aber ich habe gespürt, dass ein Leben als klassischer Mönch nicht mein Weg ist und dass es an der Zeit ist zurückzugehen und sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die der Alltag uns nun mal abverlangt.“ Zurück in das quirlige, volle und laute Berlin, von dem Nils Glahn heute sagt, dass seine Bewohner in einer Art Dauerpubertät stecken.

„Ein bisschen graute mir vor der Stadt, aber ich wusste, dass ich meinen Akku erstmal ordentlich aufgeladen hatte. Ein paar Wochen in einem Yoga-Retreat auf Bali oder so, das verpufft schnell, aber die Erfahrungen, die ich in den Klöstern gesammelt habe, die kann mir niemand nehmen, die trage ich für immer in meinem Herzen.“

Trotzdem sei der Neustart beschwerlich gewesen, der Lärm, die vollen U-Bahnen, die alten Freunde. „Das waren sie leider nicht mehr, ich hatte mich zu sehr verändert. Partys, Drogen, das ewige Streben nach mehr, damit konnte ich nichts mehr anfangen. Mir war das alles zu ungesund.“ Glahns Sehnsucht nach Reinheit und die Angst davor, wieder zurückzufallen, das war für ihn mit der Millionenstadt nicht mehr vereinbar.

Und so zog er mit seiner Frau, die er bei einem spirituellen Festival kennenlernte, zurück in sein Heimatdorf Eyendorf im Kreis Harburg. Tochter Aura-Luna machte das Glück vor zwei Jahren perfekt.

„Wir sind beide sehr viel herumgekommen und haben uns jetzt hier unseren eigenen kleinen Tempel geschaffen.“ Nils Glahn sieht sich inzwischen als „modern monk“, einen modernen Mönch. „Ich habe begriffen, dass ich überall in einem Tempel leben kann – unabhängig davon, wo ich mich befinde.“

Über sein „monk to go-Prinzip“ hat er ein Buch geschrieben, bietet Kurse dazu an, wie ein spirituelles Leben mit dem Alltag vereinbar ist. „Ich bin hauptsächlich Hausmann, habe maximal zwei Stunden am Tag Zeit für mich. Ich bin das lebende Beispiel dafür, dass Mönch sein auch zwischen Ehefrau, Steuererklärung und Kind geht.“

Von Lea Schulze