Freitag , 18. September 2020
Einmal kräftig schnupfen, da werden in manchen Kitas die Erzieherinnen und Erzieher gerade in Zeiten von Corona besonders hellhörig. (Foto: Adobe Stock)

Wehe, wenn die Nase läuft

Bardowick. Berufstätige Eltern waren in den vergangenen Monaten schwer gebeutelt: Homeoffice, Homeschooling, Kindererziehung und gleichzeitig in allen Bereichen den Anforderungen an sich selbst gerecht werden –das war für viele Mütter und Väter ein schmaler Grat. Als Schulen, Kitas und Krippen wieder öffneten, war die Erleichterung groß. Doch noch immer sind viele Einrichtungen vorsichtig. So vorsichtig, dass Eltern dafür nicht immer Verständnis haben.

So wie im Beispiel eine Mutter, die ihre kleine Tochter aus der Krippe Meisennest in Bardowick abholen musste, weil die einen leichten Schnupfen hatte. Drei Wochen vorher war ihre Tochter schon einmal erkältet gewesen, damals schwer, sodass sie zwei Wochen zu Hause bleiben musste, und ihre Mutter für die Betreuung ebenso.

„Kranke Kinder haben nichts in der Krippe verloren.“
Arndt Conrad, Stellvertretender Bürgermeister der Samtgemeinde Bardowick

„Zehn Tage stehen arbeitsrechtlich pro Elternteil zur Verfügung, die man mit einem kranken Kind zu Hause bleiben darf, meine sind inzwischen verbraucht. Ein Kind ist statistisch gesehen zwölf Mal im Jahr erkältet. Ich kann doch jetzt nicht jedes Mal der Arbeit fern bleiben, wenn mein Kind einmal niest“, sagt die Mutter verärgert. Sie macht sich Sorgen um ihren Job, vor allem, weil sie sich noch in der Probezeit befindet. Von der Krippe aber hieß es: Das ein Jahr alte Mädchen dürfe erst wiederkommen, wenn es 48 Stunden symptomfrei zu Hause war.

Gerade berufstätige Eltern stoßen da schnell an Grenzen

Dabei sagt die Mutter: „Meine Tochter hatte gar keine Symptome, sie war an diesem Tag nicht erkältet. Auf meine E-Mail, ob sie wieder in die Krippe kommen darf, erhielt ich keine Antwort.“ Als sie am nächsten Tag mit ihrem Kind zur Krippe kam, wurde sie weggeschickt. Die Erzieherin berief sich auf Anweisungen aus dem Rathaus, wo die Mutter direkt vorstellig wurde. „Die Dame dort hat dann versucht, mir das Hygienekonzept zu erklären. Schön und gut, aber das war für uns in diesem Fall nicht relevant.“ Auch die Mitarbeiterin der Samtgemeinde Bardowick habe ihre Tochter nicht für ernsthaft krank gehalten, „sie sagte aber, die bei der Krippe würden schon wissen, was sie tun.“

Die Mutter fühlt sich ungerecht behandelt. Tatsächlich sagt der Leitfaden des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts: „Für Kinder, die einen banalen Infekt ohne deutliche Beeinträchtigung des Wohlbefindens beziehungsweise ohne deutlichen Krankheitswert haben, ist ein Ausschluss von der Betreuung nicht erforderlich.“

An diesem Leitfaden hat sich beispielsweise die Kita Hansekids in Lüneburg orientiert. In einem Schreiben an die Eltern heißt es, dass viele Kinder in den vergangenen Wochen Erkältungsanzeichen gezeigt haben und Kinder mit nur leichter Symptomatik wie Schnupfen ohne weitere Symptome die Einrichtung auch ohne ärztliche Abklärung besuchen dürfen. Eine Handhabe, die sich auch die Mutter aus Bardowick wünscht: „Wir sind beide berufstätig. Wie lange soll das so weitergehen, die Welle ist doch noch lange nicht vorbei. Und die Dauerrotznasen-Erkältungszeit hat ja noch nicht mal angefangen.“ Noch sei ihr Arbeitgeber loyal, aber verlassen könne sie sich darauf nicht.

Die Samtgemeinde Bardowick sieht hingegen keinen Grund, von der bisherigen Regelung abzuweichen. Arndt Conrad, stellvertretender Bürgermeister, betont auf Nachfrage der LZ: „Kranke Kinder haben nichts in der Krippe verloren, das hat gar nichts mit Corona zu tun. Wer sein Kind bei uns in der Krippe angemeldet hat, hat diese Regelung im Übrigen auch verbindlich anerkannt.“ Conrad beruft sich auf Paragraf 2, Absatz 2a der Benutzungs- und Gebührensatzung der Samtgemeinde Bardowick für die Kinderkrippen, wonach Kinder mit einer ansteckenden Krankheit für die Dauer der Krankheit vom Besuch der Kinderkrippe auszuschließen sind.

Doch ist ein Schnupfen oder eine leichte Erkältung als ansteckende Krankheit in diesem Sinne einzuordnen? Conrad räumt ein, dass die Einrichtungen in der Samtgemeinde momentan strenger auf diese Regelung pochten als sonst. Er hat Verständnis für die Situation der Eltern, bittet aber auch um Nachsehen: „Wir müssen so handeln, um den Schutz unserer Mitarbeiterinnen zu gewährleisten, die Erzieherinnen sind ja ständig in unmittelbarem Kontakt mit den Kindern. Ob wirklich nur ein banaler Infekt vorliegt, das können weder ich, noch die Eltern oder Erzieher beurteilen.“

Samtgemeinde pocht auf Schutz der Mitarbeiterinnen

Er fände es gut, wenn schnell getestet werden könnte, ob es sich in solch einem Fall um das Coronavirus handelt. „Dass das Testzentrum in Lüneburg geschlossen wurde, ist für mich unverständlich.“ Mit seinen lockeren Hygieneplänen mache es sich das Land sehr einfach. „Das Land kann so kulant sein, weil es nicht die eigenen Mitarbeiter trifft. In den Schulen ist es ja möglich, Abstände zu wahren, in Kitas und Krippen nicht.“ Er wisse, dass die aktuelle Situation Härten mit sich bringe, doch vorerst werde sich nichts ändern. „Jetzt gerade steigen die Zahlen ja wieder. Wir werden das Ende August wieder neu bewerten.“

Und was sagt der Landkreis, wo das für Corona zuständige Gesundheitsamt ansässig ist? Kreispressesprecherin Urte Modlich meint: „Grundsätzlich spricht nichts dagegen, ein Kind mit laufender Nase in die Kita oder in die Krippe zu bringen. Nichtsdestotrotz trifft die Leitung der Einrichtung die Entscheidung. Sie muss aufgrund der Nähe jeden Fall individuell bewerten.“

Von Lea Schulze