Dienstag , 29. September 2020
Warmer Sand und blaues Wasser wie an der Ostsee: hier an einem windstillen Tag in Walmsburg, wo ein Rundweg von der Dorfmitte zum Fluss führt und zurück. Foto: geo

Urlaub in 30 Minuten

Radegast. Als Matthias Meyer am Wochenende in der Kneipe auf seine Freunde traf, traute er erst seinen Augen nicht. Das ist bei Zufallsbegegnungen zwar schnell gesagt. Aber der Bardowicker und seine Partnerin trafen ihre Freunde nicht in Lüneburg, sondern in Radegast in der Gaststätte eines Campingplatzes. „Da haben wir wirklich gelacht“, sagt Matthias Meyer. „Auf einmal machen wir alle Kurzurlaub eine halbe Stunde von zu Hause entfernt.“

Matthias Meyer aus Bardowick war gerade zum ersten Mal hier und will auf jeden Fall wiederkommen.

Eigentlich sind Matthias Meyer (50) und Britta Düring (54) gern an Nord- und Ostsee unterwegs. „Aber dazu hatten wir unter den derzeitigen Umständen keine Lust“, erzählt Meyer. „Wir wollten gern ans Wasser und haben geguckt, wo es einen Campingplatz an der Elbe gibt. Wir fanden den in Radegast und sind übers Wochenende hergefahren. Und wir kommen bestimmt wieder.“

Das Paar aus Bardowick ist nicht allein. So viele Autokennzeichen mit LG am Anfang wie in dieser Saison haben die Betreiber des Radegaster Campingplatzes „Elbeling“ noch nie bei sich gesehen. „Als wir hier 2012 anfingen, kamen zu 70 Prozent Holländer“, erinnert sich Erik Kaspers (51). Gemeinsam mit Frau Aliena (45), Sohn Ilja (21) und Tochter Esra (17) ist Kaspers im Herbst 2011 von den Niederlanden nach Radegast gezogen, um den zum Verkauf stehenden Platz zu übernehmen, und in der Saison packt die ganze Familie mit an.

Einfach im Sand sitzen und den Booten zusehen: Das geht in Radegast, wo einige Buchten zum Erholungsgebiet des Biosphärenreservats zählen und daher frei zu betreten sind.

Noch immer kommen viele Landsleute her, aber im Corona-Sommer 2020 hat sich das Verhältnis von damals mehr als umgedreht. Vor allem an Himmelfahrt und Pfingsten, kurz nach der Öffnung der Campingplätze im Norden, habe es doppelt so viele Anfragen gegeben als Plätze belegt werden durften.

Viele Gäste seien zu Saisonbeginn zum ersten Mal überhaupt auf dem Platz mit den vielen alten Bäumen gewesen und seither drei- bis viermal für ein Wochenende wiedergekommen. „Sie wollen ans Wasser, aber nicht an die Nord- und Ostsee“, sagt Erik Kaspers. „Viele kommen aus der direkten Umgebung. Die Leute sagen, sie wussten gar nicht, dass es hier so ein Paradies gibt.“

Ähnlich ging es Stefanie Pink (52) aus Lüneburg. Die Elbe liebt sie zwar seit jeher, aber den Campingplatz kennt sie erst seit diesem Sommer. Gleich zwei Wochenenden hintereinander fuhr sie mit Mann und Tochter nach Radegast, so gut hat es der Familie dort gefallen. „Man muss gar nicht weit fahren, um in Holland Urlaub zu machen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Kein Stau, einsamer Strand, holländisches Essen. Mir gefällt, dass es hier nicht so typisch deutsch ist. Das Flair ist toll. Und wenn man an den Strand geht, hat man das Gefühl, an der Ostsee an den Strand zu gehen. Der Urlaub setzt nach 30 Minuten ein.“

Campingplatz Elbeling in Radegast. Die Betreiberfamilie kommt aus Holland: (v.l.) Esra (17), Aliena (45), Erik (51) und Ilja (21).

An ihren Urlaubsort quasi umgezogen sind Susanne und Jan Beers aus Lüneburg. Sie haben sich einen Stellplatz gleich für ein ganzes Jahr gebucht. „Wir wollten jederzeit hier hinfahren können, wenn wir aus der Stadt raus möchten“, sagt Jan Beers (46), und seine Frau ergänzt: „Es ist unglaublich, wie anders man sich fühlen kann, obwohl man nicht weit weg ist.“ Die beiden kennen den Platz seit vielen Jahren. „So viele Zelte von Radfahrern und Kanuten haben wir noch nie gesehen“, sagt Susanne Beers (65). „Es sind mehr Familien hier und mehr Kinder, insgesamt ist das Publikum bunter und jünger in diesem Jahr.“

Den Eindruck der Lüneburger bestätigt Manja Gückel von der Flusslandschaft Elbe GmbH. „Unsere Gäste sind sonst 55+, in diesem Jahr geht es runter bis Mitte 30. Es beginnt ein Wandel, es tummeln sich andere Altersklassen bei uns.“ Die Marketinggesellschaft richte ihre Werbung für die Region entsprechend aus, stellt auf den Kanälen der sozialen Medien die kleinen Städte an der Elbe vor. „Wir merken an den Reaktionen der Leute, dass sie dankbar sind für diese Tipps.“ Und viele kommen nicht nur für einen Tagesausflug in die Elbtalaue: Zeitweise seien die Unterkünfte in Bleckede und Neuhaus ausgebucht gewesen.

Standesgemäß trägt Chef Erik nur Klompen mit Wollsocken. Fotos: geo

Und so ist nicht nur Familie Kaspers froh, dass aus Angst und Ungewissheit während des ausgefallenen Saisonstarts ein gut gebuchter Sommer wurde, der nun langsam auf die Nachsaison hinsteuert. „Damit haben wir wirklich nicht gerechnet“, sagt Aliena Kaspers. „Wir sind total froh. Nach der Sorge am Anfang der Saison haben wir viele neue Gäste in diesem Sommer gewonnen.“

Von Carolin George