Sonntag , 25. Oktober 2020
Bernd Althusmann, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, lebt mit seiner Familie in Heiligenthal. Foto: be

„Signale, die Mut machen“

Lüneburg/Hannover. Restaurants und Geschäfte blieben geschlossen, Schausteller versuchen, durch das Aufstellen ihrer Buden in der Lüneburger Innenstadt überhaupt wieder Einnahmen zu generieren. Bernd Althusmann, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, der mit seiner Familie in Heiligenthal lebt, schildert im LZ-Interview, wie er der Lüneburger Wirtschaft wieder auf die Beine helfen will und was ihn selbst in der Krise am meisten berührte.

Herr Althusmann, was kommt Ihnen heute als Erstes in den Sinn, wenn das Stichwort Corona fällt?

Das Corona-Virus ist hoch infektiös, diese Lungenkrankheit ist gefährlich, sie ist kein Fake. Corona hat uns vor Augen geführt, wie verletzlich unsere Gesellschaft ist. Mit dieser größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg hatten wir alle nicht ernsthaft gerechnet. Das schnelle Handeln der Politik auf Bundes- und Landesebene war dann aber konsequent und richtig. Die Bürger unseres Landes haben sich vorbildlich und diszipliniert verhalten, sodass wir gemeinsam bisher zumindest glimpflich durch diese Pandemie gekommen sind. So ab Februar hatte ich erste Zweifel, ob sich die Pandemie auf Asien begrenzen lassen würde. Als Wirtschaftsministerium hatten wir für Mitte März eine Delegationsreise nach Thailand und Vietnam geplant, die wurde von mir Ende Februar abgesagt. Wenig später wurde Corona zur weltweiten Pandemie.

Ist Ihre Arbeit seitdem eine völlig andere?

Ja, quasi seit Monaten arbeiten wir im Krisenmodus. Die Zahl an Video- und Telefonkonferenzen hat enorm zugenommen. Die ersten Wochen zu Beginn der Corona-Pandemie haben aber letztlich auch gezeigt, dass wir in Deutschland Krisen managen können. Auch mein Ministerium hat sehr schnell mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze in den Krisenmodus gesetzt, auf Homeoffice umgestellt oder Telefon-Hotlines besetzt, um für die Unternehmen sofort erreichbar zu sein. Bei unseren beiden schulpflichtigen Kindern hat Homeschooling ebenfalls gut geklappt, die Schule hat schnell auf die digitale Lernplattform „IServ“ umgestellt. Ich fand es sehr gut, wie die Schulen das organisiert haben.

Was war für Sie persönlich das prägendste Ereignis in dieser Krise?

Das waren die ersten Wochen des Lockdowns, dieses völlige Herunterfahren des öffentlichen Lebens. Und wenn man der Krise überhaupt etwas Positives abgewinnen will, dann war es der Umstand, dass wir als Gesellschaft, als Menschen, als Nachbarn viel mehr aufeinander geschaut oder gegenseitig Hilfe angeboten haben. Wir sind im übertragenen Sinne trotz Abstandsgebot als Gesellschaft ein Stück zusammengerückt. Das war nach den Monaten und Jahren zuvor, als man den Eindruck hatte, vieles dreht sich nur noch um persönliche Eitelkeiten und Egoismen, eine wirklich wertvolle Erfahrung. Und ohne diese Gemeinschaft und dieses Zusammenhalten hätten wir diese Pandemie bislang so nicht bewältigt.

Und in Ihrem privaten Umfeld?

Ich selbst habe die Besuche meiner 81-jährigen Mutter, die in Lüneburg wohnt, eingeschränkt. Zum Teil habe ich in den ersten Wochen nur über den Balkon mit ihr kommuniziert, weil ich sie nicht gefährden wollte. Das ist uns allen schwergefallen und meiner Mutter am allermeisten. Viele ältere Menschen haben unter dem Eindruck der Vereinsamung diese Wochen verbracht, das hat mich sehr bewegt.

Wann wurde Ihnen klar, dass diese Krise nicht in einigen Monaten vorbei sein würde?

Wie viele andere, hatte ich anfangs noch geglaubt, dass wir im Mai oder Juni vielleicht das Gröbste hinter uns haben würden. Aber angesichts des drastischen Anstiegs der Infektionszahlen im März und April war mir da schnell klar, dass Covid 19 uns noch Jahre beschäftigen wird. In über 80 000 niedersächsischen Betrieben befinden sich rund eine Million Menschen in Kurzarbeit. Die Situation ist ernst und wir müssen alles dafür tun, damit die Betroffenen nicht in die Langzeitarbeitslosigkeit rutschen.

Bekommen Sie in diesen Wochen viele Rückmeldungen von der Lüneburger Wirtschaft?

Ich habe in jüngster Zeit mehrfach mit Lüneburger Schaustellern und Vertretern der Gastronomie gesprochen. Sie wenden sich zum Teil mit Hilferufen direkt an das Wirtschaftsministerium. Ihre Umsatzausfälle waren so gewaltig, dass noch immer zahlreiche Betriebe im Landkreis Lüneburg in existenzielle Krisen rutschen können. Und auch im wichtigen Wirtschaftsbereich Tourismus gab es ja gravierende Einbußen.

Wie können Sie helfen?

Wir werden alles dafür tun, um abgestimmt mit den Interessenverbänden – das sind zum Beispiel Claudia Klamp vom Café Zeitgeist für die Lüneburger Gastronomie, Martin Zackariat von der Heiligenthaler Wassermühle für die Dehoga, Benno Fabricius für den Schaustellerverband und Heiko Meyer für das Lüneburger Citymanagement – gezielt zu unterstützen, wo immer das möglich ist. Das Land Niedersachsen wird Anfang September ein 120 Millionen Euro schweres Programm auf den Weg bringen, um Gastronomie, Hotellerie und Tourismus ergänzend zu den Überbrückungshilfen des Bundes zu unterstützen. Insgesamt haben wir zwölf Milliarden Euro, also fast ein Drittel des Landeshaushaltes, an Geldern zusätzlich im Haushalt des Landes, um die Corona-Krise zu bekämpfen. Dies setzte aber eine deutliche Aufnahme von Kreditschulden voraus.

Wo sehen Sie positive Tendenzen in dieser Krise, die ja nunmehr auch eine Wirtschaftskrise ist?

Es gibt erste Anzeichen für vorsichtigen Optimismus in Teilen des Tourismus, der Automobilbranche und in Teilen der Industrie, auch im Kreuzfahrtschiffsbau gibt es Signale, die Mut machen. Besonders im Schaustellerbereich oder der Veranstaltungsbranche ist die Situation nach wie vor dramatisch. Hier werden wir über unseren Notfallfonds von 100 Millionen Euro helfen müssen.

Die Urlauber kehren zurück, droht uns ein zweiter Shutdown als worst case?

Wir sollten wirklich alles dafür tun, um einen zweiten Lockdown zu verhindern. Das wäre wirtschafts- und gesellschaftspolitisch ein schwerer Rückschlag. Jetzt geht es vor allem darum, das Corona-Management weiter zu verbessern, etwa die Gesundheitsämter zu stärken und darauf zu achten, dass die entscheidenden Faktoren, Abstand, Hygiene und Maskentragen, weiter umgesetzt werden. Ich hoffe, dass wir mit etwas zeitlichem Abstand zu den Sommerferien in allen Bundesländern wieder zu einem Rückgang der Infektionszahlen kommen. Wir werden aber noch auf längere Sicht mit einem Infektionsrisiko leben müssen und sollten nicht leichtsinnig werden.

Mit Bernd Althusmann sprach Thomas Mitzlaff.