Baumfällungen wie diese werden in der Landwehr immer wieder vorkommen, aber mit besonderer Sensibilität, sagt Lüneburgs Stadtförster Per-Ole Wittenburg. Foto: t&w

Die Alte Landwehr: Ein Wald als Kulturdenkmal

Lüneburg/Vögelsen. Für viele Menschen ist die Alte Landwehr im Nordwesten Lüneburgs ein beliebtes Naherholungsgebiet. In der Vergangenheit sorgte der Holzeinschlag in dem besonderen Waldgebiet immer wieder für empörte Anwohnerreaktionen. Dass die forstlichen Eingriffe mitunter hart wirken, davon zeugt derzeit noch immer eine riesige Buche, deren Stamm seit Monaten prominent an einem Wanderweg bei Vögelsen liegt. Die Landwehr gehört zum Bewirtschaftungsgebiet der Lüneburger Stadtforst. Die LZ wollte von Stadtförster Per-Ole Wittenburg wissen, welche Bedeutung die Alte Landwehr heute hat.

Welche Bedeutung hat die Alte Landwehr für die Stadt Lüneburg als Naherholungsgebiet und inwiefern wird diese Funktion bei der Forstbewirtschaftung und der Pflege des historischen Baumbestands berücksichtigt?

Per-Ole Wittenburg: Die Landwehr hat als Kulturdenkmal und Naherholungsgebiet für die Stadt eine große Bedeutung. Forstwirtschaft wird hier extensiv betrieben und fokussiert sich auf Pflege und Förderung des Eichenbestandes und der Verkehrssicherung. Starkholzentnahmen finden unter Erhalt des Landwehrcharakters und nur einzelstammweise statt. Die Waldwege werden nach Holzentnahmen kostenintensiv wieder hergerichtet.

Wie hat sich in den vergangenen Jahren die Holzernte im Bereich der Alten Landwehr entlang der Gemarkungsgrenzen von Bardowick, Vögelsen und Reppenstedt entwickelt?

Der im Mittel jährliche Einschlag in der Landwehr ist deutlich unter dem dortigen Zuwachs. Ausnahme: Windwurfschäden im Sommer 2017 bei Bardowick. Auch unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit dürfte der Einschlag an einigen Stellen tatsächlich auch stärker ausfallen. Zur Förderung des ganzen Landwehr-Baumbestandes müsste an einigen Stellen dringend eine Lichtregulierung zugunsten der vitalsten Bäume stattfinden, da langsam Absterbeprozesse durch Konkurrenz einsetzen. Aus Rücksicht auf die Bevölkerung wird hier aber sehr sensitiv vorgegangen.

Handelt es sich bei der Alten Landwehr aus Sicht der Stadt Lüneburg eher um einen Landschaftspark oder einen Wirtschaftswald und warum?

Beide Begriffe hätten bei der Alten Landwehr eine gewisse Berechtigung, da diese künstlich geschaffen wurde. Allerdings ist der Wald durch Sukzession, also natürliche Verjüngungsfähigkeit beziehungsweise Unterlassen des Rückschnittes entstanden und wurde nicht künstlich angelegt. Die Landwehr selber ist ein Kulturdenkmal mit aufstockendem Bestand, der rechtlich als Wald gilt. Da in diesem nach dem vorrataufbauenden Prinzip auch Holz eingeschlagen wird, trifft am ehesten die Definition Wirtschaftswald zu

Welche besonderen Erfordernisse gelten bei der Bewirtschaftung der Alten Landwehr?

Oberstes Gebot der Stadt ist es, den Charakter der Alten Landwehr langfristig zu erhalten. Mit diesem Gebot sind aber auch forstwirtschaftliche Verpflichtungen verbunden. Die Charakterbaumart der Landwehr ist die Eiche. Diese steht in Konkurrenz zur Buche und wird von dieser in den Kronen geschädigt (peitschen). Deshalb ist eine regelmäßige Durchforstung und Lichtsteuerung zugunsten der Eiche notwendig. Da erfahrungsgemäß Eichen in Lüneburgs Wäldern ab einem Brusthöhendurchmesser von 80 Zentimetern vielfach mit Fäulebildung beginnen, wird, von einigen dauerhaften Habitatbäumen abgesehen, eine gewisse Anzahl Eichen vor der vollständigen Entwertung geerntet. Der so entstandene Platz kommt der nächststehenden jüngeren Eiche zugute, damit diese sich als Lichtbaumart prächtig entwickeln kann.

Welche Herausforderungen gibt es außerdem?

Um die Alte Landwehr unter Berücksichtigung der prioritären Erholungsfunktion nachhaltig bewirtschaften zu können, muss für einen Einschlag oder eine Verkehrssicherung das Wetter optimal sein, da sonst an Wegen Kollateralschäden auftreten können. Durch fehlenden Frost und Dauerregen im Winter wird diese Herausforderung und Unwägbarkeit immer größer. Auch sind wir aus sicherheitstechnischen Gründen auf das Verständnis der Waldbesucher angewiesen. Vielfach werden Absperrungen durchbrochen, und es entstehen unnötige Gefahrensituationen für alle Beteiligten.

In der Landwehr bei Vögelsen, in der Nähe des Übergangs an der Lüneburger Straße, liegen noch die Reste einer riesigen Buche am Wegesrand. Worin ist diese Fällung begründet?

Bei dieser Fällung handelt es sich um eine Verkehrssicherungsmaßnahme. Die Buche drohte, trotz in der Vergangenheit eingebauten Kronensicherungen auseinanderzubrechen. Da sie zum einen an ein Grundstück, zum anderen an den Wanderweg angrenzte, war das Risiko nicht zu tragen. Da die Maßnahme nach der eigentlichen Einschlagsaison durchgeführt werden musste, blieb das Holz vorerst liegen, um in der Brut- und Setzzeit nicht zu stören. Da aktuell viele Buchen unter Trockenstress leiden und absterben, werden auch in der Zukunft solche Fällungen nötig sein.

Von Dennis Thomas

Zur Sache

Mittelalterliche Sperr- und Grenzanlage

Die Stadt Lüneburg war im Mittelalter teilweise von Landwehren umgeben. Die bestanden aus drei bis fünf parallel verlaufenden Wällen mit dazwischenliegenden Gräben und gelten heute als Baudenkmäler. Die Alte Landwehr im Nordwesten der Stadt ist besonders gut erhalten, sie wurde von 1397 bis 1406 erbaut und verläuft im Norden von der Goseburg über Bardowick, Vögelsen und Reppenstedt bis zum Hasenburger Bach mit der „Hasenburg“ als Kontrollturm. Die Landwehren sollten fahrende Kaufleute daran hindern, die Stadt zu umfahren. Andernorts sorgten schon natürliche Hindernisse wie Flüsse, Bäche und Sumpfgebiete dafür. Die Stadt konnte so das ihr im Jahr 1392 verliehene Stapelrecht besser durchsetzen. So waren fahrende Kaufleute gezwungen, ihre Waren zunächst in Lüneburg zu stapeln beziehungsweise zum Verkauf anzubieten, bevor sie weiterziehen durften