Freitag , 30. Oktober 2020
Ziehen beim Thema Handynutzung im Straßenverkehr an einem Strang: Jens Eggersglüß (l.) und Andreas Dobslaw (r.) von der Polizeiinspektion Lüneburg und Peter Pez von der Lüneburger Verkehrswacht. Foto: t&w

Kampagne gegen Handynutzung am Steuer

Lüneburg. Mal kurz auf eine WhatsApp-Nachricht zu antworten, kann am Steuer schnell zu einem gefährlichen Blindflug werden. Allein 14 Meter legt ein Autofahrer quasi „blind“ zurück, wenn er bei Tempo 50 nur eine Sekunde lang in sein Smartphone tippt – mitunter mit tödlichem Ausgang. Ein Grund für die Landesverkehrswacht Niedersachsen, ihre Kampagne „Tippen tötet“ erneut aufleben zu lassen, um auf die Gefahren der Handynutzung im Straßenverkehr aufmerksam zu machen. Gestern war Aktionstag in Lüneburg.

Ein großes Banner prangt neben dem Museum an der Scholze-Kreuzung, drei für die Aktion gewonnene Studenten haben sich gut sichtbar im Kreuzungsbereich platziert. Auf ihrem Rücken tragen sie Schilder, zusammen ergeben sie die Botschaft „Tippen tötet – Bleib wachsam!“.

Wissenschaftliche Untersuchung erwünscht

„Wir wollen damit die Autofahrer ansprechen, aber nicht nur“, sagt Roman Mölling, Pressesprecher der Landesverkehrswacht. Denn auch Radfahrer und Fußgänger sind verstärkt ins Visier der Verkehrswächter geraten, auch sie sollen mit der bereits 2014 gestarteten Kampagne sensibilisiert werden.

Konkrete Zahlen über Unfälle durch Smartphone- oder Handynutzung sind allerdings Mangelware. Zwar spricht die Verkehrswacht von 30 000 Verstößen gegen die verbotene Nutzung von Handys im Straßenverkehr im Jahr 2018 allein in Niedersachsen, auch einen Todesfall habe es bereits gegeben, als ein Fußgänger unachtsam mit Blick auf sein Handy von der Straßenbahn erfasst wurde.

Doch die Dunkelziffer sei „sehr hoch“, wie Jens Eggersglüß, Direktor der Polizeiinspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen, berichtet. Lediglich 2 bis 4 Prozent betrage die Nachweisquote für die Handynutzung als Mitverursacher für einen Unfall, denn es sei „sehr schwer, diesen Nachweis zu führen“.

Jeder zweite hat schon mal das Handy am Steuer genutzt

Allerdings ließen Unfallanalysen vermuten, dass insbesondere plötzliches Abkommen von der Fahrbahn, mitunter auf gerader Strecke und Anprall an einen Straßenbaum, neben Ermüdung auch auf gefährliches Handy-Tippen zurückzuführen sein kann. Verstärkt sollen nun auch die jüngeren Autofahrer in den Blick genommen werden. Denn von den 120 bei Baumunfällen im vergangenen Jahr verstorbenen Fahrern waren 43 zwischen 18 und 24 Jahre alt.

Die Dimension der Gefahr durch Handynutzung im Straßenverkehr zeigt auch das Ergebnis einer Erhebung, der zufolge jeder zweite Autofahrer zugibt, sein Handy beim Fahren schon mal genutzt zu haben. „Jeder Sechste räumt sogar ein, während der Fahrt Mitteilungen zu tippen“, weiß Andreas Dobslaw, Sachgebietsleiter Verkehr bei der Polizeiinspektion Lüneburg, zu berichten.

Die Polizei begrüßt daher die Aktion der Landesverkehrswacht, wünscht sich aber künftig mehr Möglichkeiten, auch bei leichteren Unfällen das Handy des Fahrers sicherstellen zu können. „Das muss aus Datenschutzgründen aber gerechtfertigt sein“, sagt Polizeidirektor Eggersglüß – ein Thema, das auch auf dem Verkehrsgerichtstag bereits diskutiert werde. Und: „Hierzu brauchen wir vorab unabhängige, wissenschaftliche Untersuchungen.“

Zu großes Vertrauen in die Fahrzeuge

Peter Pez, erster Vorsitzender der Verkehrswacht Lüneburg, schließt sich den Forderungen der Polizei an. Als Wissenschaftler und Verkehrsexperte der Universität Lüneburg befielen ihn bisweilen sogar „Zweifel, ob wir mit dem Auto sicher umgehen“. Viele Fahrer hätten ein „zu großes Vertrauen“ in die Technik ihres Fahrzeugs. Auch würden immer mehr Geräte die Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich ziehen und so vom Verkehrsgeschehen ablenken.

Auf die erforderlichen wissenschaftlichen Untersuchungen angesprochen, sagt Pez: „Ich bin bereit, sofort damit zu starten, wenn sich Studenten finden, die daran arbeiten wollen.“ Und Roman Mölling nimmt von seinem Besuch in Lüneburg mit, Niedersachsens Verkehrsminister Bernd Althusmann auf erforderliche Fördermittel anzusprechen. Schließlich hat auch er erkannt: „Nach wie vor wird im Straßenverkehr viel zu oft auf dem Handy getippt.“

Von Ulf Stüwe