Montag , 28. September 2020
Foto: Adobe Stock

Lüneburgerin mit Corona-Symptomen: „Kein Arzt wollte den Test machen“

Lüneburg. Am Tag nach der großen Feier kam der gesundheitliche Kater. Kopf- und Halsschmerzen, Fieber, Geschmacksverlust. Die junge Lüneburgerin bekam es mit der Angst, schließlich hatte sie bei einer Hochzeits­party mit 50 anderen Gästen mehr oder weniger engen Kontakt gehabt. Hat sie sich mit mit dem Corona-Virus infiziert? Und womöglich bei der Feier noch andere angesteckt? Ein Corona-Test musste her. Den aber in Lüneburg zu bekommen, wurde für die 19-Jährige zu einer Odyssee.

Vergangenen Freitag hatte die Lüneburgerin an der Hochzeitsfeier in Mecklenburg-Vorpommern teilgenommen. Zuvor hatte sie ein paar Tage Urlaub in Amsterdam gemacht. Am Sonnabend dann kamen die Beschwerden. „Vor allem der Geschmacksverlust hat uns aufhorchen lassen, das gilt ja als typisches Corona-Symptom“, schildert ihr Onkel.

Das Fieber stieg an, nach der Rückkehr rief die Familie daher am Sonntag den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) an. Der Arzt kam auch umgehend zum Hausbesuch, „er bestätigte, dass die Symptome verdächtig seien“, schildert der Onkel. Einen Test habe der Mediziner aber nicht machen können, da er keine Röhrchen dabei gehabt hätte. „Stattdessen empfahl er uns, Montagmorgen den Hausarzt zu kontaktieren und unbedingt die anderen Partygäste zu informieren.“

Erleichterung währt nur kurz

Das Fieber sei dann am Montag noch gestiegen, vom Hausarzt aber habe es eine Absage gegeben: „Er teilte uns mit, dass er keine Corona-Tests mache und hat uns die Rufnummer einer Schwerpunktpraxis gegeben, bei der wir uns melden sollten.“ Der Anruf dort aber sei ins Leere gelaufen: „Die hatten Urlaub.“

Während die Erkrankte schlapp im Bett liegt, versuchen die Angehörigen, eine andere Praxis für einen Covid-19-Test zu finden. Ein Anruf beim Gesundheitsamt läuft ins Leere, „da hat man uns lediglich wieder an den Hausarzt verwiesen“. Nach unzähligen Telefonaten habe man dann Montagmittag eine weitere Schwerpunktpraxis in Lüneburg ausfindig machen können. „Da sollten wir am Abend hinkommen, wenn die mit den anderen Patienten durch sind, sie wollten sich dann kurzfristig melden“, schildert der Angehörige.

Doch die Erleichterung währt nur kurz, das „Pingpong-Spiel“ geht vielmehr weiter: Am Nachmittag meldete sich die Praxis, teilte aber lediglich mit, dass es nicht klappen würde mit einem Abstrich am selben Abend. „Stattdessen sollten wir jetzt am Dienstagnachmittag kommen. Man sagte aber gleich, dass ein Ergebnis wohl erst drei Tage später vorliegen würde und wir uns gut überlegen sollten, ob wir nicht vielleicht einen anderen Arzt aufsuchen.“

Der Abstrich erst am Dienstag, das Ergebnis dann erst eine Woche, nachdem die junge Frau womöglich mehrere Gäste auf der Hochzeitsparty angesteckt hatte? Wie passt das zusammen mit der Aussage des Lüneburger Gesundheitsamtes, dass es „absolut wichtig und notwendig“ sei, sich schnell testen zu lassen, „damit die Infektionskette unmittelbar unterbrochen wird“? Zuständig in dieser Situation sei die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN), betont der Landkreis Lüneburg, unter dessen Verantwortung das Gesundheitsamt fällt. Erst wenn ein positives Testergebnis vorliege, beginne das Amt mit der Rückverfolgung des Falls.

Wenn Test positiv droht viel Arbeit

Die Familie der fieberkranken Frau versteht derweil die Welt nicht mehr. Ein weiterer Anruf beim Gesundheitsamt lief ebenso ins Leere wie Anrufe in weiteren Praxen. „Die Behörden hat das nicht interessiert, und kein Arzt wollte den Test machen.“ Sie überlegen, die 19-Jährige ins Krankenhaus zu fahren. Erst als die LZ bei der KVN nachhakt, geht plötzlich alles ganz schnell: „Innerhalb von 30 Minuten haben wir einen Termin zum Abstrich in einer Praxis bekommen“, schildert der Onkel.

Dass der Fall nicht glücklich gelaufen sei, räumt KVN-Geschäftsführer Oliver Chris­toffers unumwunden ein. Grundsätzlich dürfe auch der Arzt des Bereitschaftsdienstes einen Test machen. Unklar bleibt, warum dieser nicht die entsprechende Ausstattung dabei hatte, obwohl zuvor telefonisch die Symptome mitgeteilt wurden. Und zur langen Suche nach einer Praxis für den Abstrich erklärt Christoffers, die Hausärzte hätten über das interne Mitgliederportal der KVN die Kontaktdaten aller fünf Schwerpunktpraxen.

Die 19-jährige Lüneburgerin liegt derweil schlapp im Bett und wartet auf das Testergebnis. Sollte es positiv sein, beginnt die Suche nach dem aktuellen Aufenthaltsort von 50 Hochzeitsgästen.

Von Thomas Mitzlaff