Samstag , 24. Oktober 2020
In den Produktionsräumen – und auch den Büros – von DE-VAU-GE gilt Maskenpflicht. Foto: t&w

Maskierter Cowboy im Müsli-Land

Lüneburg. Was seit Montag an Schleswig-Holsteins Schulen gilt, sollte nach der Überzeugung mancher Politiker auch an Deutschlands Arbeitsplätzen Schule machen: die Maskenpflicht. Die Angst vor der zweiten Corona-Welle angesichts steigender Infektionszahlen ließ CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer im Interview eine bundesweite Maskenpflicht am Arbeitsplatz anregen. Der Lüneburger Lebensmittelproduzent DE-VAU-GE hat längst umgesetzt, was die Seuchenbekämpfer erwägen. „Seit Anfang August gilt in unserem Lüneburger Werk die Maskenpflicht – vom Betreten des Gebäudes bis zu dessen Verlassen“, sagt Rüdiger Kühl aus der Geschäftsleitung.

Die öffentliche Diskussion um „das steigende Risiko durch die Urlaubsrückkehrer“ habe das Lüneburger Unternehmen zu dem Schritt bewogen. Die LZ erwischte Kühl telefonisch in Tangermünde, wo er den Mitarbeitern des dortigen DE-VAU-GE-Werkes die Maskenpflicht im Büro und den Produktionsstraßen erläuterte. „Die Reaktion der Mitarbeiter war durchwachsen, schon wegen der Hitze“, räumt er ein, „ein Grund mehr, viel zu kommunizieren. So haben wir unseren Schritt den Mitarbeitern jeder einzelnen Schicht erklärt.“

Kontra kam von der IG Metal

Der Hersteller von Früh­stücks­cerealien hat eigens ein Schild kreiert, das Mitarbeitern und Besuchern klar macht, dass nun neue Gesetze gelten. Ein schießwütiger Cowboy signalisiert nun an der Lüner Rennbahn, ab wo die Maskenpflicht gilt. „Und das ist eigentlich überall im Werk – mit wenigen Ausnahmen.“ Mitarbeiter, die keine Maske vertrügen, könnten etwa auf ein Face­shield ausweichen, zählt Kühl auf, auch diejenigen, die alleine im Büro sitzen oder an der Produktionsstraße genug Abstand zum Nebenmann haben, könnten die Maske absetzen. Die DE-VAU-GE ist in Sachen Maskenpflicht am Arbeitsplatz Vorreiterin im Raum Lüneburg. Weder bei der Industrie- und Handelskammer noch bei der Handwerkskammer weiß man von weiteren Firmen mit der Pflicht zum Vermummen. Dabei gibt es prominente Befürworter, etwa Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann. „Bei weiter steigenden Zahlen müssen wir darüber nachdenken, die Maskenpflicht gegebenenfalls auch auf den Arbeitsplatz auszuweiten, wenn wir damit Schließungen und einen Lockdown verhindern können“, sagte der Lüneburger der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

Ein Kontra kam dagegen von der IG Metall. Wichtiger sei, dass die Arbeitgeber für ausreichend Abstand zwischen den Beschäftigten sorgten und dass auch in der anstehenden kälteren Jahreszeit für ausreichende Belüftung gesorgt werde, sagte Bezirksleiter Thorsten Gröger dem NDR.

In der Verwaltung sitzen fast alle in Einzelbüros

Die AFP-Antiseptika liegt in der Corona-Krise wie kaum eine andere Lüneburger Firma im Trend, stellt das Chemiewerk doch unter anderem Hand-Desinfektionsmittel her. Doch die Umsetzung einer Maskenpflicht für den gesamten Arbeitstag findet Dieter Herrmann, der Kaufmännische Geschäftsführer, schwierig. Im Lager und im Abfüllbereich müssten auch schwere körperliche Arbeit geleistet werden. „In der Verwaltung sitzen fast alle in Einzelbüros, da ist es leicht, das Abstandsgebot einzuhalten.“ Und die Produktion der Desinfektionsmittel findet ohnehin im „Reinraum“ statt, also der Königsklasse der Klima- und Lüftungstechnik. Dort sorgt die Technik dafür, dass die Konzentration von Aerosolen sehr gering gehalten wird.

Bedingungen, wie sie nicht durchzuhalten sind, je näher man am Kunden arbeitet. So gilt für Friseure schon seit Wochen die Maskenpflicht am Arbeitsplatz. Und das ist „echt schwierig“, wie Marion Peter vom Friseursalon Haarchitektur betont. „Während der Hitzewelle war es unter der Maske unerträglich. Zudem gibt es auch vereinzelt Kunden, die nicht einsehen, selbst eine Maske zu tragen.“ Eine Maskenpflicht am Arbeitsplatz für alle würde sie durchaus begrüßen. „Zumindest aber für die, die anderen ähnlich nah kommen wie wir. Dass Verkäufer oder Kellner keine Maske tragen müssen, ist schwer einzusehen, wenn man im Friseursalon Stunden darunter arbeitet.“

Von Joachim Zießler