Samstag , 19. September 2020
Regisseur Jakob Arnold. Foto: t&w

„Die Jungfrau von Orleans“: Neue Spielzeit am Theater Lüneburg startet

Lüneburg. Es treten auf: König Karl der Siebte von Frankreich, seine Mutter, seine Geliebte. Dazu Bischöfe, Herzöge, Ritter, Feldherrn, Soldaten, Hofstaat, Mönche, Marschälle, allerhand Volk – und dann sie: Johanna, Jeanne d‘Arc, eine glühende Patriotin. Friedrich Schillers Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“, 1801 uraufgeführt, ist ganz großes Kino beziehungsweise Theater. Das Schauspiel läutet am Freitag, 4. September, die neue Spielzeit am Theater Lüneburg ein. Hier die vollständige Besetzung in alphabetischer Reihenfolge: Stefanie Schwab als Johanna.

Ein Bauernmädchen aus der Provinz

Corona hat alle Chorkonzerte unmöglich gemacht, auch auf der Theaterbühne dürfen sich die Darsteller nicht zu nahe kommen. So hat Jakob Arnold aus dem wuchtigen Drama ein Solo geformt, eine Collage, die zu verschiedenen Stationen eines wahrhaft außergewöhnlichen Lebens führt. „Es war leichter als erwartet“, sagt der Regisseur, „denn Johanna hat auch im Original sehr viel Text zu sprechen.“ Natürlich ist dennoch ein ganz neues Stücke entstanden, die zentralen Themen bleiben: Populismus, Demagogie, Außenseiter, der Mensch, der über sich hinauswächst und dann um so tiefer fällt.

Friedrich Schiller, obwohl Professor für Geschichte in Jena, hat sich um die historische Realität nicht allzusehr geschert: Der Hundertjährige Krieg wütet in Europa, die Engländer halten weite Teile Frankreichs besetzt. Mitten im Kriegsgetümmel taucht Johanna auf, ein Bauernmädchen aus der Provinz. Sie wird von göttlichen Stimmen geleitet. Ihr Auftrag ist es, dem französischen Thronfolger Karl zum Sieg zu verhelfen. Und tatsächlich: Nach vielen Niederlagen bringt das Erscheinen der Jungfrau bei der Schlacht um Orleans die Wende. Johanna eint das Volk unter ihrem Banner. Karl wird zum König gekrönt. Die heldenhafte Johanna aber bleibt die große Außenseiterin. Vielversprechende Heiratsanträge schlägt sie aus und erntet dafür von ihrem König wie von ihrer Familie Unverständnis. Die gefeierte Erlöserin wird plötzlich als Zumutung und als Gefahr wahrgenommen – eine fatale Entwicklung.

Abwegig ist die von Schiller erzeugte Vorstellung, ein König könne jemanden zur Schutzpatronin seines Landes ernennen. Die echte Jeanne d‘Arc starb auch nicht heroisch auf dem Schlachtfeld, sondern wurde – mit dem Segen der Kirche – auf Betreiben der Engländer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aber Schiller wollte ja auch kein Historiendrama schreiben.

Johanna, ein junges Mädchen, das zur Ikone wird und völlig irrationale Zuwendung genießt– da denken wohl viele an Greta Thunberg. Das ist ein Vergleich, den Jakob Arnold durchaus gelten lässt: „Analogien zu heute lassen sich da nicht übersehen.“ Unter welchen Umständen wird ein Mensch in der Öffentlichkeit zum Helden? Wie kann es sein, dass Entschlossenheit und absolute Selbstgewissheit inhaltliche Leere überdeckt? Und was macht Öffentlichkeit (auch ohne Massenmedien) mit dem Einzelnen?

Die Macht der Öffentlichkeit

Jakob Arnold, 1988 geboren in Oberfranken, studierte Geisteswissenschaften in München, absolvierte Assistenzen unter anderem am Residenztheater München, es folgten erste eigene Theaterarbeiten in der freien Szene. Regie-Studium an der Folkwang Universität der Künste. Seine Diplom-Inszenierung „Die Kontrakte des Kaufmanns“ von Elfriede Jelinek wurde zum Körber Studio für Junge Regie am Thalia Theater in Hamburg eingeladen und für den Folkwang-Preis nominiert. Seitdem arbeitet er als freischaffender Regisseur in ganz Deutschland und hat einen Lehrauftrag im Studiengang Physical Theatre inne. In Lüneburg hat er bereits „Die Opferung von Gorge Mastromas“ in Szene gesetzt.

Von Frank Füllgrabe