Das Aktionsbündnis gegen Atom rief 2012 zu einer Gedenkveranstaltung und Demonstration auf dem Marktplatz auf. Bald könnte der Landkreis Lüneburg auf die Lise der möglichen Endlager für Atommüll rutschen. Foto: A/t&w

Die Suche nach einem Endlager für Atommüll: Ist Lüneburg dabei?

Lüneburg. Als die Bundesrepublik den Ausstieg aus der Atomkraft beschloss, versank die Frage nach dem künftigen Atomklo für viele im wohligen Nebel der Illusion, dass erst die ferne Zukunft die Antwort bringen müsste. Im November 2011 bahnten letztmals Tausende Polizisten Castor-Behältern den Weg ins Zwischenlager Gorleben. Seitdem genoss die Region die Ruhe an der Atomfront. In vier Wochen prallt die Illusion auf die Realität, kann die Ruhe vorbei sein. Denn am 29. September könnte eine Schlagzeile lauten: Atom-Endlager im Landkreis Lüneburg möglich!

Es gibt Kreise, die den Kelch kommen sehen müssten

„Davon gehe ich aus“, sagt Dr. Bernd Redecker, Sprecher des Lüneburger Aktionsbündnisses gegen Atom (LAgAtom). Am 28. September soll der „Zwischenbericht Teilgebiete“ veröffentlicht werden. Darin listet die „Bundesgesellschaft für Endlagerung“ (BGE) in Peine die Landkreise auf, die aus rein geologischen Erwägungen heraus grundsätzlich als nukleares Endlager in Frage kommen. „Da werden einige Kreise dabei sein, die nicht damit rechnen“, erklärt der Lüneburger Atomkraftgegner Redecker. Und solche, die den Kelch kommen sehen müssten. Zu denen zählt Redecker, der seinen Doktor in Umweltwissenschaften gemacht hat, auch den Standort Gülze-Sumte in Amt Neuhaus.

Denn: 1995 hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe 41 Salzstöcke auf ihre Endlagertauglichkeit hin untersucht. Sie empfahl damals, Waddekath im Altmarkkreis, Wahn und Bad Zwischenahn „in die weitere Diskussion einzubeziehen“ – und eben Gülze-Sumte. An der Erdoberfläche das Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue, darunter ewig strahlender Atommüll – hier schlummert gesellschaftspolitischer Sprengstoff.

50 bis 80 Landkreise erwartet Redecker auf der Liste der Standortregionen; 300 gibt es bundesweit. Ob Gorleben noch darauf steht? Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg blickt gespannt auf die Vorentscheidung, hat schon mehrfach ihre Sicht dargelegt, wonach das „miese Deckgebirge, die vielen Bohrungen und eine aktive Störungszone“ eigentlich dafür sorgen müssten, dass Gorleben schon jetzt aussortiert wird.

Druck aus der Politik ist nicht ausgeschlossen

Zwar haben Bundestag und Bundesrat 2013 eine Endlagersuche ohne politische Vorabfestlegungen verabredet, doch das schließt Druck aus der Politik nicht aus. Im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern für Bayern heißt es etwa, dass die Granitformationen des Freistaates „kein geeigneter Standort für ein Atom­endlager“ sind.

Redecker: „Wir werden uns die Liste ganz genau daraufhin ansehen, ob solche Querschüsse eine Wirkung hatten und einen Standort rauskegelten, der dort eigentlich stehen müsste.“

Entscheidung soll dieses Mal transparent gefällt werden

Anders als 1977, als Ernst Albrecht das grenznahe Gorleben zum Endlagerstandort erklärte, soll die Entscheidung dieses Mal transparent gefällt werden. Doch Redecker befürchtet, dass der enge Zeitplan diese Transparenz aushebelt. „Die Sicherheitsanforderungen wurden bereits letztes Jahr beschlossen, als noch kein Kreis wusste, ob er betroffen ist.“ Und schon Mitte Oktober sollen Workshops für betroffene Bürger veranstaltet werden.

Es blieben nur zwei Wochen, um die Vorentscheidung überhaupt zu analysieren. „Die BGE will sogar in Videoclips für jeden einzelnen Kreis allgemeinverständlich erklären, warum er als Standort denkbar erscheint.“ Ein 29löbliches Vorhaben, findet der Lüneburger, der trotzdem den Eindruck hat: „Hier wird etwas durchgepeitscht. Man will das noch vor dem Bundestagswahlkampf 2021 erledigt haben.“

Zudem erschwere Corona die Bürgerbeteiligung. Geplante Präsenzveranstaltungen wurden abgespeckt oder in Online-Konferenzen umgewidmet. Redecker: „Eine Videokonferenz mit Hunderten Leuten? Das kann ich mir nicht vorstellen. Hier wäre es besser, nach Überwindung der Seuche echte Bürgerbeteiligung zuzulassen.“

Doch auch abseits des Termindrucks erkennt Redecker, der für den BUND im „Bundesarbeitskreis Atom“ sitzt, Webfehler in dem Verfahren. „Zwar werden die Experten im BGE ihre Vorschläge über die geeigneten Standorte machen, doch der Bundestag ist bei seiner Entscheidung, wo weiter erkundet werden soll, nicht daran gebunden. Von meinem Politikverständnis her ist es in Ordnung, dass der Souverän entscheidet, aber dies öffnet wieder das Fenster für politische Einflussnahme.“

Der am wenigsten gefährliche Standort

Auf die Frage, ob es nicht ein wenig vermessen sei, in Salz, Ton oder Granit ein Endlager zu 29suchen, das immerhin für eine Million Jahre sicher sei, wenn man sich vergegenwärtigt, dass vor einer Million Jahre der Homo erectus mit Speeren Jagd auf Wollmammuts machte, nickt Bernd Redecker. „Eines ist ganz klar: Wir suchen nicht den besten Standort, sondern den am wenigsten gefährlichen. Für die Akzeptanz und den Erfolg des Suchverfahrens ist es dabei unerlässlich, dass dabei nur geologische Kriterien eine Rolle spielen und nicht politische Ränkespiele. Hat ein Landkreis den Eindruck, hier sei eine politische Entscheidung gefällt worden, entsteht sofort Widerstand.“

Von Joachim Zießler