Freitag , 18. September 2020
Eleonore Tatge sagt: „Ich gehe erfüllt in den Ruhestand.“ Ihr Chef Jens Eggersglüß, Leiter der Polizeiinspektion, würdigt ihr Wirken. Foto: t&w

Das Thema Gewalt aus der Tabuzone geholt

Lüneburg. Sie ist eine zierliche Person, stets freundlich und zugewandt. Stark gemacht – und da kann sie sehr ernst werden – hat Eleonore Tatge sich in den vergangenen 26 Jahren für alles, was mit Gewaltprävention zu tun hat. Landesweit hat das der Kriminalhauptkommissarin und Beauftragten für Kriminalprävention von Stadt und Kreis Lüneburg viel Beachtung eingebracht. Nun geht sie in den Ruhestand. Im Gespräch mit Redakteurin Antje Schäfer blickt sie zurück.

Frau Tatge, was hat Sie 1994 bewogen, erstmals Kurse für Frauen anzubieten, um über Formen der Gewalt zu informieren und wie sich Frauen davor schützen können?

Eleonore Tatge: Damals hatte eine Wissenschaftlerin geäußert, dass herkömmliche Selbstverteidigungskurse nicht geeignet sind, damit Frauen Kompetenzen entwickeln können, um sich vor Übergriffen gut zu schützen. Studien belegten außerdem, dass es sich bei den Tätern in der Regel nicht um Fremde, sondern überwiegend um jemanden aus dem sozialen Umfeld handelt.

Dem Ganzen gehen im Vorfeld Belästigungen voraus. Mit dem Präventionskursus „Gewalt gegen Frauen“, den ich damals mit der Frauenbeauftragten Christa Holste gestartet habe, wollten wir diese Informationen transportieren und Frauen stärken: Es ging darum, zu informieren sowie zu schulen, wie komme ich ganz individuell aus der Situation heraus. Eine Frau kann entscheiden, ob sie wegläuft, verbal Grenzen aufzeigt oder mit körperlicher Gegenwehr reagiert.

Wichtig ist, sich aktiv zu wehren. Genau das belegte 1994 eine Auswertung von Überfällen, die ich mit drei Kriminalbeamtinnen aus Hamburg, Hannover und Bielefeld gemacht habe. In 90 Prozent der Fälle waren Frauen erfolgreich, wenn sie sich gewehrt haben.

Wurden Sie damals bei dem Präventionsprojekt von Ihren Vorgesetzten unterstützt?

Ja, es wurden mir Freiräume eingeräumt, damit ich Projekte umsetzen konnte. Zudem ermöglichte mir die Arbeit für die Prävention flexiblere Arbeitszeiten, sodass ich Beruf und Familie – ich habe drei Kinder – gut vereinbaren konnte.

2002 trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft. Es ermöglicht, dass Täter der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden können. Aber verändert es auch die Ursachen, die zu Gewalt gegenüber Frauen – oder Männern – führen?

Das Wichtigste an diesem Gesetz ist die Botschaft: Wer schlägt, geht! Nicht nur durch Studien, sondern auch aufgrund der Erfahrungen der Mitarbeiterinnen des Lüneburger Frauenhauses wissen wir: Töchter aus einer Gewaltbeziehung gehen häufig Partnerschaften ein, bei denen Schläge jeglicher Art, Abhängigkeit, Kontrolle, Verachtung und Erniedrigung dazu gehören. Und es ist eine Spirale, aus der manche Frauen schwer herauskommen. Um diese Struktur von Gewalt mit Blick auf die nächste Generation zu durchbrechen, ist diese Botschaft aus meiner Sicht besonders für Kinder, die in Gewaltfamilien aufwachsen, wichtig.

Gleichzeitig ist es wesentlich, dass das Gewaltschutzgesetz den Rahmen des Schutzes für die Opfer regelt. Das sind überwiegend Frauen und Kinder. Damit sich am Handeln und Reflektieren von schlagenden Partnern etwas ändert, bietet der Diakonieverband seit mehr als zehn Jahren ein Anti-Gewalt-Training an.

Gewalt äußert sich nicht nur in körperlichen Attacken. Belästigungen, Herabwürdigungen, Psycho-Druck in Form von Mobbing sind weitere „Methoden“ von Tätern – auch im beruflichen Bereich. Was können Frauen dagegensetzen und ist das überhaupt nur ein weibliches Problem?

Diese Methoden richten sich in der Tat nicht nur gegen Frauen. Es geht dem Täter grundsätzlich darum, Macht auszuüben. Wenn er einschüchtert zum Beispiel mittels Brüllen, Herabwürdigungen oder perfiden Drohungen, kommt er häufig schnell zum Ziel. Da gilt es klar und umgehend Grenzen zu setzen oder sich aktiv Beistand zu holen. Denn sonst wird der Täter in seinem Handeln nicht nachlassen.

In den vergangenen Jahren hat sich auch deutlich gezeigt, dass Mitarbeiter öffentlicher Einrichtungen dieser Form von Gewalt ausgesetzt sind, weil Bürger ihre Vorstellungen durchsetzen möchten. Zum Beispiel wenn einer mit seinem Steuerbescheid nicht einverstanden ist und deshalb den Sachbearbeiter des Finanzamtes bedroht. Hier gilt es ebenfalls ein Signal zu setzen und klare Grenzen aufzuzeigen, indem derjenige zum Beispiel ein Hausverbot bekommt.

Seit 1997 ist der Kriminalpräventionsrat von Stadt und Kreis aktiv. Ihm gehören Vertreter verschiedener Institutionen an, er setzt sich gegen jede Form von Gewalt und für die Sicherheit der Bürger ein. Sie haben federführend Projekte angeschoben wie zum Beispiel 29„Gegen Gewalt in der Familie“. Dabei geht es um…?

Von Gewalt betroffene Menschen über Hilfsangebote zu informieren. Seit 2011 steht die Homepage gegen Gewalt in der Familie Betroffene im Netz. Dieses Medium ist eine zeitgemäße Plattform für Informationen und Hilfsangebote und wird besonders von jüngeren Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen genutzt. Der Runde Tisch beteiligt seit einigen Jahren auch mit Aktionen am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, um das Thema breit publik zu machen. Unsere Erfahrung ist, dass dadurch das Thema Gewalt in der Familie aus der Tabuzone geholt wurde. Das wünschen wir uns auch für das Projekt „Sorgentelefon für Opfer von Gewalt in der Pflege“.

Das wurde vor zwei Jahren eingerichtet. Sehen Sie erste Erfolge?

Es braucht Zeit, Gewaltprävention in die Köpfe der Menschen zu bringen. Das gilt auch für das Sorgentelefon, an das sich Menschen, die gepflegt werden, sowie Pflegekräfte wenden können. Diejenigen, die gepflegt werden, trauen sich oft aus Scham nicht, über Übergriffe zu berichten. Aber auch Pflegekräfte oder Familienmitglieder, die Angehörige pflegen, sind manchmal Situationen ausgesetzt, in denen ihnen herabwürdigendes oder belästigendes Verhalten entgegen schlägt. Mit dem Sorgentelefon gibt es eine Anlaufstelle, die zuhört und Hilfsangebote aufzeigt.

Was macht es mit einem, wenn das Thema Gewalt zu einem Schwerpunkt des beruflichen Lebens wird?

Als ich 1977 bei der Polizei anfing, war das die Hochzeit der RAF. Da wurde ich viel mit Gewalt konfrontiert. Inzwischen sind es einzelne Opferschicksale, die bekommt man nicht so schnell aus dem Kopf raus. Es braucht Supervision, aber vor allem ein stabiles Privatleben.

Vor 20 Jahren haben Sie einmal in einem Interview mit der LZ gesagt: Bei der Polizei zu arbeiten, sei Ihr Traumjob. Was nehmen Sie in den Ruhestand mit?

Auch nach 43 Jahren bei der Polizei bin ich immer noch sehr glücklich mit dieser Wahl. In den ersten Jahren meines Berufslebens ging es darum, Täter zu ermitteln und einer gerechten Strafe zuzuführen. Seit mehr als 25 Jahren engagiere ich mich dafür, dass Menschen aus den Opferstrukturen rauskommen und andere gar nicht erst Täter werde. Ich gehe erfüllt in den Ruhestand. Ehrenamtlich tätig sein möchte ich im Bereich Kinderschutz.