Montag , 21. September 2020
Stephan Hillmer zeigt an einem Roggenfeld einen Trampelpfad, eigentlich sollte hier Getreide wachsen. Spaziergänger interessiert das nicht. Hillmer bewirtschaftet rund 170 Hektar Fläche. (Foto: t&w)

Corona-Flucht auf den Acker

Lüneburg. Stephan und Bettina Hillmer sind einiges gewohnt. Dass Mountainbiker über einen für Kartoffeln angelegten Acker fahren oder Spaziergänger die Kartoffeldämme platt trampeln und damit die Pflanzen schädigen, ist nichts Neues für sie. Das nervt und kostet Geld. Doch in Corona-Zeiten sei es noch schlimmer geworden, beklagt das Landwirtspaar aus Rettmer. „So geballt habe ich das noch nie gehabt“, sagt der 53-Jährige. „Da springen Leute für Selfies, die sie ins Netz stellen, mitten durch die Rapsfelder.“ In der Stimme klingt Fassungslosigkeit mit. Sie seien nicht allein, auch sein Kollege im Ort und Bauern aus der Region hätten ähnliche Erfahrungen gemacht. Weil er sich keinen Rat mehr weiß, hat Hillmer sich an die Polizei gewandt.

Am Feldrand auf Streife

Matthias Nürnberger ist als Kontaktbeamter für den Lüneburger Süden zuständig. Der Oberkommissar kann den Landwirt verstehen. Er teilt dessen Auffassung, dass nicht jeder die Wege verlassen und über Felder laufen darf. So freizügig sei das Betretungsrecht der Landschaft nicht definiert. Ganz eindeutig sei der in der Brut- und Setzzeit geltende Leinenzwang: Wer seinen Hund jetzt durch Wald und Flur stromern lässt, kann mit einem Bußgeld belangt werden. Eben das will Nürnberger kontrollieren.

Ansonsten mit dem Rad in seinen Stadtteilen unterwegs, will der Beamte jetzt überdies mit dem Streifenwagen zur Kontrollfahrt starten. Aber auch dem Beamten ist klar, dass es angesichts der großen Flächen vor allem bei einem Appell bleibt, die Felder nicht zu betreten. Allerdings macht er auf einen Punkt aufmerksam, der abschreckend wirken kann: Auf einigen Äckern haben die Bauern Pflanzenschutzmittel versprüht: „Da kann eine eigene Gesundheitsgefährdung vorliegen.“

Nürnberger hat das Ordnungsamt der Stadt eingeschaltet. Dessen Leiter, Joachim Bodendieck, kündigt an, den Außendienst außerhalb der Innenstadt einzusetzen. Ein Stichwort ist der Leinenzwang: „Das werden wir kontrollieren.“ Auch er appelliert: „Wir rufen die Leute auf, sich fair zu verhalten.“

Die Hillmers können manches verstehen, aber nicht alles. Dass Familien aus den angrenzenden Wohngebieten mit ihren Kindern an die frische Luft wollen, sei völlig in Ordnung. Wer sich mit einer Decke zum Picknick an einen Wirtschaftsweg setze, störe niemanden und mache auch nichts kaputt.

Doch Bettina Hillmer erlebt auch anderes. Ein Stück hinter ihrem Haus, hinter einem Hügel, liegt ein Hühnerstall des Hofes und ein Grillplatz. Es ist eindeutig, dass man sich auf einem privaten Grundstück befindet. Neulich hat sie drei Familien getroffen: „Ein Kind hat die Hühner mit Schokoladenkeksen gefüttert. Das vertragen die Tiere nicht. Die anderen saßen auf unseren Bänken. Als ich gesagt habe, dass das nicht geht, habe ich zur Antwort erhalten, ich solle mich nicht so anstellen. Was die wohl machen, wenn sich einer in ihren Garten setzt?“

Die 52-Jährige hat über Wochen auf einem Zettel notiert, wie oft Leute auf dem Grundstück und den Ländereien herumlaufen. Mal drei, mal vier. Aber an einem Sonntag waren es 19 „Verstöße“. Ihr Mann sagt: „Ich versuche, freundlich zu bleiben, die Leute machen das ja meistens nicht aus böser Absicht. Aber wenn ich zum siebten Mal erklären muss, dass es nicht geht, wenn jemand über den Acker läuft, geht mir langsam die Geduld verloren.“

Etwa wenn Jogger quer über ein Feld ins unter Naturschutz stehende Hasenburger Bachtal laufen oder mit ihren Hunden über Blühstreifen tapsen: „Die schrecken das Niederwild auf, machen die Pflanzen kaputt, die Insekten brauchen.“ Sein Hinweis: Nicht alles am Wegrand, was nach abgemähtem Grün aussieht, ist ein Trampelpfad. Denn Blühstreifen werden nach einem bestimmten System angelegt – was gerupft aussieht, muss es nicht unbedingt sein.

Die Hillmers machen auf etwas aufmerksam, was sich viele wünschen: Eine Landwirtschaft, die möglichst naturnah ist: „Wir produzieren Lebensmittel für euch, zerstört sie nicht.“

Von Carlo Eggeling