Mittwoch , 30. September 2020
Demo auf Abstand. Im Hof des Gewerkschaftshauses haben sich (v.l.) Urte Gräper (GEW), Lennart Aldag (IG Metall), Robert Kirchner (verdi), Steffen Lübbert (NGG), Dirk Garvels (DGB), Rainer Näbsch (IG Metall) und Dr. Matthias Richter-Steinke (DGB) versammelt. (Foto: ca)

Ein anderer 1. Mai

Lüneburg. Der Demo-Zug fällt aus, lautstark wollen die Gewerkschaften zum 1. Mai trotzdem sein. Grund genug gebe es – gerade in Corona-Zeiten. Da sind sich die Lüneburger Funktionäre einig. Kurzarbeit steht an und damit für viele auch massive Gehaltseinbußen. Wer nur 60 oder 67 Prozent seines Gehalts erhält, habe Schwierigkeiten, Miete, Lebensunterhalt und beispielsweise die Rate fürs Auto zu finanzieren. Zwar stocken einige Unternehmen den Satz auf, doch nach Ansicht der Gewerkschafter nicht ausreichend. Um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, wollen der DGB und seine Organisationen im Wortsinne beispielsweise für Beschäftigte in der Pflegebranche „Krach schlagen“. Um 10 Uhr sollen sich Lüneburger an ihre Fenster stellen und Lärm machen. Von 11 Uhr an ist im Netz ein Livestream zu sehen. Das Motto: „Solidarisch ist man nicht alleine!“

Das Gespräch mit der LZ hatte in diesem Jahr einen anderen Rahmen als sonst: Auf dem Hof des Gewerkschaftshauses an der Heiligengeiststraße bezogen die Arbeitnehmervertreter Stellung. Dabei waren DGB-Regionsgeschäftsführer Matthias Richter-Steinke und sein auch für Jugendarbeit zuständiger Kollege Dirk Garvels, für die IG Metall Rainer Näbsch und Lennart Aldag, für die NGG Steffen Lübbert, für die GEW Urte Gräper sowie Robert Kirchner für verdi unter anderem mit den Bereichen Pflege und Handel.

DGB

„Klatschen ist schön, aber reicht nicht aus“, sagt Matthias Richter-Steinke. „Die Menschen müssen von ihrem Lohn leben können.“ Der Ansatz der Regierung, das Kurzarbeitergeld vom vierten Monat an auf 70 beziehungsweise 77 und vom siebten Monat an auf 80/87 Prozent anzuheben sei ein Schritt in die richtige Richtung, greife aber zu kurz, zumal in anderen europäischen Ländern von Anfang an deutlich höhere Sätze gelten. Auch mache man die Erfahrung, dass manche Firmen das Instrument nutzten, um sich anders zu organisieren und zu sparen. Da werde die Arbeitszeit der Verwaltung reduziert und parallel der Außendienst verstärkt. „Kurzarbeit darf nicht missbraucht werden, sie darf nicht in Misskredit gebracht werden.“ In einem offenen Brief an die regionalen Bundes- und Landtagsabgeordneten fordern die Gewerkschafter, sich für Arbeitnehmerrechte und gute Bezahlung einzusetzen.

Sorgenvoll blicken der DGB-Chef und Sekretär Garvels auf die Ausbildung . Sie haben Zweifel, dass Betriebe im Sommer in gewohntem Umfang neue Lehrlinge einstellen. Studien zufolge würde ein Fünftel weniger Nachwuchs eingestellt. Und dies seien optimistische Annahmen. Es sei angesichts des Fachkräftemangels kurzsichtig, hier zu sparen. Neue Wege seien nötig, Stichworte seien überbetriebliche Ausbildung oder der Zusammenschluss von Firmen, die auf gemeinsame Ausbildung setzen.

IG Metall

Auch die IG Metall kritisiert die Praxis des Kurzarbeitergeldes. So behielten Betriebe rückerstattete Beträge für die soziale Absicherung ein, statt sie weiterzugeben. Da die Arbeitnehmer davon aber ebenfalls die Hälfte trügen, müssten sie ihren Anteil eben auch erhalten. So sei das Kurzarbeitergeld sehr einfach auf 80 Prozent aufzustocken. Völlig unverständlich sei, dass Konzerne, die in den vergangenen Jahren große Gewinne erzielt hätten, nun Hilfen des Staates fordern, um Dividenden ausschütten zu können.

Ein Umdenken der Politik sei nötig, der Abschied von der sogenannten schwarzen Null des Finanzministers erforderlich, sind sich Näbsch und Aldag einig. Da Deutschland in den vergangenen Jahren auch stark von der Binnenkonjunktur profitiert habe und nun die Kaufkraft schwinde, müsse etwas geschehen. Eine Erklärung: Wenn die Autobauer keine Autos verkaufen und diese massenhaft auf Halde stehen, schlage das auch auf Zulieferbetriebe und den Maschinenbau durch. Das treffe dann beispielsweise auch das Lüneburger Eisenwerk mit seinen rund 120 Beschäftigten.

Die Metaller vermuten, dass die Industrie künftig stärker Lieferketten prüfen werde und überdenke, was man etwa ins Ausland verlagere – im Zweifelsfall ist man abgeschnitten. Auswirkungen dürfte die Krise auch auf das Handwerk haben: Noch gut ausgelastet, könnten in der Folge Aufträge wegbrechen, weil Kollegen sich Handwerker nicht leisten könnten.

NGG

Während die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten in großen Betrieben einiges für ihre Leute rausholen kann, ist das in mittelständischen Gastro-Betrieben schwierig. Bei Firmen wie Coca Cola und Mc Donalds werde das Kurzarbeitergeld beispielsweise aufgestockt. Doch in Restaurants und Kneipen sehe es katastrophal für die Kollegen aus, bilanziert Lübbert: „Da bricht nicht nur das Gehalt ein, sondern auch noch das Trinkgeld weg. Und das fällt nicht unter Kurzarbeitergeld. Wir haben Leute, die stehen jetzt mit 800 Euro im Monat da.“ Die Gastronomie leide massiv, erst in einigen Monaten sei damit zu rechnen, dass der für die Branche wichtige Tourismus wieder Fahrt aufnehme.

Das Klima sei rauer geworden. So traue sich der Mitarbeiter einer Bäcker-Kette nicht, mangelnden Schutz für die Beschäftigten in der Backstube zu kritisieren: „Er hat Angst, dass der Chef ihn rauswirft.“ Zudem werde der Arbeitsschutz ausgehebelt, indem Arbeitszeit auf Zwölf-Stunden-Tage verlängert werden könnte. Sorgen macht sich Lübbert auch um Themen, die über die jetzige Lage hinausgehen, ein Stichwort ist die Grundrente, ein anderes die Verteilung der wirtschaftlichen Corona-Lasten. Die dürften nicht bei den Arbeitnehmern hängen bleiben.

Verdi

Robert Kirchner wundert sich, dass Pflege, Nahverkehr und Einzelhandel erst jetzt als systemrelevant erkannt werden. Das Lohnniveau in diesen Bereichen liege seit langem unterhalb des Durchschnittsverdienstes, da müsse nachgebessert werden. „Das kann doch nicht sein, wenn wir sonst die Lokomotive in Europa sind.“ Auch er sagt, wo die Gewerkschaft über einen hohen Organisationsgrad verfüge, könne sie mehr für die Kollegen rausholen, da gebe es eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes. In der Region arbeite Verdi mit dem Pflegebündnis zusammen, das hatte sich in der Debatte um die umstrittene Pflegekammer gebildet. Gemeinsam wolle man bessere Arbeitsbedingungen erreichen: „Auch nach Corona sind viele Hausaufgaben zu erledigen.“

GEW

Für ihre Kollegen zieht Urte Gräper eine durchwachsene Bilanz. Lehrer, ob Beamte oder angestellt, erhielten ihre Bezüge weiter: „Im Vergleich zu anderen geht es uns relativ gut.“ Doch bei allem Engagement sei es schwierig, Schüler zu erreichen . Aus eigenem Erleben, sie unterrichtet an der Christiani-Schule, wisse sie, dass die Mädchen und Jungen eben nicht so gut digital aufgestellt seien, wie es Politik und Verwaltung oftmals erklärten: „Manche kommen nicht ins Internet. Viele haben keinen Computer, sondern gerade mal ein Handy.“ Auch seien gar nicht alle Eltern in der Lage oder willens, ihre Kinder zu unterstützen.

Selbstkritisch sagt sie in Richtung der Lehrerschaft, für viele seien die Vorteile, beim Staat beschäftigt zu sein, völlig selbstverständlich. Das führe auch dazu, dass sie Schülern zu wenig über Gewerkschaften und deren Sinn erklären. Das sei misslich, wenn die junge Leute in die Arbeitswelt wechseln – da spielen Tarifverträge und Mitbestimmung eine große Rolle.

Unterstützung von der CDA

„Am 1. Mai demonstrieren wir in diesem Jahr wegen Corona nicht auf den Straßen, sondern digital im Netz. Trotzdem stehen wir am Tag der Arbeit 2020 zusammen – in den sozialen Netzwerken“, sagt der Kreisvorsitzende Alexander Schmidt der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Lüneburg. Der Sozialflügel der CDU erklärt sich mit dem Vorgehen der Gewerkschaften solidarisch. Wer ein geringes Einkommen habe, könne mit dem aktuellen Kurzarbeitergeld nicht auf 40 Prozent seines Lohnes verzichten:

4„Ein Mindest-Kurzarbeitergeld hätte vielen Menschen helfen können. Wer im Einzelhandel, der Gastronomie oder der Logistik arbeitet, hatte schon vor Corona kaum genug zum Leben. Für uns ist deshalb klar: Harte Arbeit und niedrige Löhne müssen ein Ende haben. Wir fordern einen besseren Mindestlohn und mehr allgemeinverbindliche Tarifverträge.“

Von Carlo Eggeling