Mittwoch , 30. September 2020
Vizepräsident Christian Brei sitzt in einer Video-Konferenz mit dem Krisenstab, in der Fragen zum Semester geklärt werden. (Foto: t&w)

Leuphana-Betrieb in Corona-Zeiten: Alles ist irgendwie anders

Lüneburg. An der Leuphana Universität ist derzeit nichts so, wie Sascha Spoun es aus seiner fast 14-jährigen Amtszeit als Präsident kennt: Der Campus ist leergefegt, die Gebäude verschlossen, die Sitze der Hörsäle bleiben noch auf unbestimmte Zeit unbesetzt. Und trotzdem ist das Sommersemester bereits seit gut zwei Wochen in vollem Gange. „Wir haben trotz der neuen Rahmenbedingungen die Funktionsfähigkeit der Universität sichergestellt“, zieht Spoun eine erste Bilanz. Daraus sind viele Herausforderungen entstanden, eine Bandbreite an Problemen – und neue Möglichkeiten.

„Die Universität läuft unter Volllast“, sagt Vize-Präsident Christian Brei, an Kurzarbeit im universitären Betrieb sei derzeit gar nicht zu denken. Mitarbeiter aus dem Veranstaltungsmanagement oder der Bücherei, die gerade weniger Arbeit haben, helfen nun an anderen Stellen aus. Überall, wo es möglich ist, werde auch an der Leuphana im Homeoffice gearbeitet.

Das digitale Angebot funktioniert nicht für jeden

Um die Selbstverwaltung der Universität dennoch sicherzustellen, finden sämtliche Sitzungen des Senats und der Fakultätsräte per Videokonferenz statt. Aus dem Senat heißt es, dass es zunächst Bedenken gab, persönliche Daten und personelle Entscheidungen per Videokonferenz zu besprechen. Auch habe es Unstimmigkeiten gegeben, ob die virtuelle Anwesenheit die tatsächliche ersetzen kann. Letztlich wurde jedoch eine Einigung erzielt, Spoun sagt: „Der Senat hat sich zu diesem Vorgehen entschieden, auch personelle Entscheidungen können über entsprechende Medien getroffen werden.“

Auch der Krisenstab tagt regelmäßig auf virtuellem Weg, um über Probleme in der digitalen Lehre zu sprechen. Denn damit das Semester überhaupt stattfinden kann, wurden über 90 Prozent des Lehrprogramms in digitale Formate umgewandelt (Landeszeitung berichtete). „Der Großteil davon läuft gut“, meint der Präsident, dennoch gebe es verschiedene Herausforderungen. Das größte Problem sei die Verunsicherung, sowohl auf Seiten der Studenten, als auch der Lehrenden. Viele würden sich zum ersten Mal mit der digitalen Lehre beschäftigen, seien teilweise überfordert mit den Programmen und vielfältigen Möglichkeiten.

Eine Lösung zeichnet sich ab

Dazu kämen die technischen Probleme. Das macht auch der Sprecher des Allgemeinen Studierendenausschusses (AstA) der Uni, Daryoush Danaii, deutlich: „Da nicht alle Studenten über ausreichende technische Geräte oder eine stabile Internetkapazität verfügen, funktioniert das aktuelle Online-Angebot nicht für jeden.“ Diesbezüglich sei der AstA jedoch in Gesprächen mit der Uni, eine Lösung würde sich bereits abzeichnen. So sollen unter anderem Restbestände aus der IT an Studenten verteilt werden.

„Nicht zu vergessen sind auch die individuellen Lebenssituationen der Studierenden“, betont der Chef der Leuphana und auch Danaii macht deutlich, dass Kinder, körperliche Beeinträchtigungen, oder ein Jobverlust durch Corona das Semester zusätzlich erschweren. Hier werde laut Spoun geschaut, welche Hilfen von der Universität kommen können, welche das Studentenwerk übernehmen kann und wo vielleicht auch Studenten unter sich aushelfen müssen.

Aufgrund dieser Hürden ist es dem AstA ein großes Anliegen, dass sich die Universität dafür einsetzt, dass kein Student Nachteile aus dem „Corona-Semester“ zieht.

Das sieht auch das Präsidium als wichtige Aufgabe und unterstützt deshalb die Forderung nach einem „Nichtsemester“. „Wir setzen uns auf Landesebene dafür ein, dass das Semester nicht als Teil der Regelstudienzeit gilt“, erklärt Brei. „Nichtsemester ist dafür jedoch das falsche Wort. Besser wäre Flexisemester: Jeder, der möchte und kann, soll die Möglichkeit haben, zu studieren. Aber die Regelungen müssen flexibler sein für alle, denen es nicht möglich ist.“

Prüfungssituation ohne Überwachung

So sollen auch die Prüfungen im Juli stattfinden. Dabei ist Sascha Spoun schon jetzt klar: „Wir werden keine überwachte Prüfungssituation haben.“ Die Lehrenden sollen die Wahl zwischen einer
29 Online-Klausur, einer mündlichen Prüfung über Videokonferenz oder einer schriftlichen Prüfung zuhause haben. Der AstA bevorzugt diese „Take-Home“-Klausuren, da technische Schwierigkeiten hierbei keine Rolle spielen.

Der Präsident betont: „Am Ende wird es, egal in welchem Prüfungsformat, auf die individuelle Ehrlichkeit ankommen.“

Forschung kann die Krise nutzen

Neben der Lehre ist auch die Forschung von der Corona-Krise betroffen, da viele Forschungsprojekte stagnieren. Jedoch gebe es auch Chancen. So seien neue Fragen entstanden, die ohne das Coronavirus niemand gestellt hätte. „In der Politikwissenschaft wird derzeit eine empirische Erhebung durchgeführt. Dabei geht es um die Einstellungen der Bürger zum Sonderregime in Zeiten von Corona“, erklärt Uni-Präsident Sascha Spoun.

Auch wurden bereits Artikel über das Krisenmanagement in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Im Lehramt sei die Krise ebenfalls eine große Chance, um neue digitale Formate für den Unterricht zu entwickeln. Ein Problem gebe es jedoch in diesen Bereichen: „Forschung braucht Objekte. Und soweit es dabei um Menschen geht, müssen die gerade zu Hause bleiben.“

Von Lilly von Consbruch