Mittwoch , 30. September 2020
Christian Krüger (l.) und Thomas Fischer haben bei ihren Kontrollen in der Innenstadt fast nur Gutes gesehen. Auch im Kurpark verhielten sich die Bürger vorbildlich. (Foto: t&w)

Prüfende Blicke aus der Seitenstraße

Lüneburg. Die Frau hinter dem Tresen ist aufgewühlt: Was denn die Polizei schon wieder wolle, möchte sie wissen. Eigentlich nur ein Schild, auf dem steht, dass die Kunden ihres Eisladens nicht auf der Bank vor der Tür, sondern nur mit mindestens 50 Metern Abstand zum Betrieb ihr Eis verköstigen dürfen. Doch die Dame scheint das zu überhören: „Wir kämpfen darum, wenigstens die Betriebskosten decken zu können“, erklärt sie dem Kontaktbeamten Thomas Fischer. Der hat Verständnis, will aber trotzdem ein Schild. Verärgert knickt ihr Kollege ein und reißt ein Plakat vom Fenster, um es neu zu beschreiben. Es ist der holprige Beginn eines ansonsten stolperfreien Kontrollgangs durch die Lüneburger Innenstadt.

Das Ordnungsamt der Hansestadt prüfte am Donnerstag zusammen mit der Polizei, ob die Vorschriften von Bund und Land gegen die Ausbreitung des Coronavirus in den Lüneburger Geschäften und Grünanlagen eingehalten werden. Nicht zum ersten Mal steht Piotr Mieczkowski im Kreise der zehnköpfigen Mannschaft, um noch eine letzte Ansage zu machen: „Wir wollen heute nur auf die Leute zugehen und Präsenz zeigen“, erklärt der Mitarbeiter vom Ordnungsamt, und dass jedes Geschäft die Hygienemaßnahmen erfüllen müsse. „Wenn nicht: Frist bis morgen setzen!“ Eifriges Nicken im Raum.

Regelkonforme Kreativität

Thomas Fischer zieht zusammen mit Christian Krüger vom Ordnungsamt los. Der hat sich schon so einiges anhören müssen bei seinen Kontrollgängen: „Was wollt ihr eigentlich? Ihr seid doch nur für die Autos da.“ Darüber kann er nur mit dem Kopf schütteln. Unterstützung von der Polizei bekommen Krüger und seine Kollegen, weil das für Respekt sorgt – und vier Augen meistens mehr sehen als zwei. Gestern Vormittag sehen sie vor allem Gutes: Geschäfte mit fetten Abstandsmarkierungen am Boden, mit Hinweisen zur Personenbegrenzung an der Tür und kreativen Ideen: Manch einer drückt seinen Kunden Plastikeimer in die Hand, um die Übersicht über die Zahl der Menschen im Laden zu behalten, andere vergeben Spielfiguren oder Schuhanzieher. Das gefällt Thomas Fischer. Kreativität im Rahmen des Gesetzes sei schließlich nicht verboten.

Krüger und Fischer arbeiten sich durch die Einkaufsstraßen, werfen prüfende Blicke durch Schaufensterscheiben und beobachten das Treiben vor den Geschäften hin und wieder auch gut versteckt aus einer Seitenstraße. Gezielt steuern sie Betriebe an, die schon einmal auffällig geworden sind. Doch Grund zum Meckern gibt es für die Beamten gestern Vormittag kaum: Nicht eine Verwarnung müssen sie aussprechen und auch Bußgelder wurden nicht verhängt. Betriebliche Verstöße können teuer werden: Strafen zwischen 150 und 25 000 Euro seien möglich, weiß Fischer. Das sei bei den Kontrollen in Lüneburg aber noch nicht einmal zum Tragen gekommen. Man dürfe jetzt nicht zu streng sein, findet Piotr Mieczkowski, die Regeln seien schließlich für alle neu. Und wer es nicht besser weiß, wird von den Beamten belehrt. Ändert sich dann bis zum Folgetag nichts, macht Krüger eine klare Ansage: „Halbe Stunde Zeit, sonst Laden dicht!“ Wie vor wenigen Wochen, als mehrfach Gäste in einem Imbiss speisten. „Der Chef hat dann zugemacht, von sich aus.“

Wie berichtet, gilt ab Montag in Geschäften die Maskenpflicht. Bei ihren Stippvisiten bitten die Ordnungshüter schon mal vorsorglich darum, entsprechende Hinweisschilder anzufertigen. Die Ladenbetreiber reagieren freundlich, viele Kunden dagegen irritiert. Ob sie denn nun in den Laden dürften, fragen sie den Polizisten – einfach nur, weil er Polizist ist und in der Tür steht. Manchmal müssen er und Krüger auch ein paar Minuten länger im Laden verweilen, um die Verkaufsfläche zu schätzen. Denn davon ist abhängig, ob und für wie viele Kunden gleichzeitig geöffnet werden darf. Im Zweifel hilft ein Blick auf den Grundriss. Am Nachmittag geht‘s weiter in den Parks und Grünanlagen. Noch einmal Präsenz zeigen vor dem Wochenende – an Kreidebergsee, Kurpark und Liebesgrund. Im Kurpark ist gestern zwar ordentlich was los, aber nichts, was verboten wäre. Unter einem Baum sitzt eine größere Gruppe junger Menschen, doch von der hat Fischer schon gehört: eine Hausgemeinschaft der Lebenshilfe. Auf den Rasenflächen dösen vereinzelt junge Leute in der Sonne. Das war‘s dann auch schon. „Ich bin zufrieden“, sagt Fischer. Allerdings: „Ich sehe nicht das, was am Abend passiert.“ Von unerlaubten Fußballspielen und Partys weiß er nur aus Berichten der Nachtschicht.

Von Anna Petersen