Mittwoch , 28. Oktober 2020
Zurzeit verbringen Sonja Jetschin und ihre beiden Söhne Luca Leon (l.) und Ian Elias die meiste Zeit zu dritt in der Wohnung. (Foto: t&w)

Single-Eltern während des Corona-Ausnahmezustandes: Allein in der Krise

Lüneburg. Corona stellt uns alle vor große Herausforderungen. Doch für Alleinerziehende sind die Verbreitung des Coronavirus und die damit verbundenen Schulschließungen mehr als das. Sie sind existenzbedrohend. In fast jeder vierten Familie in Niedersachsen werden Kinder nur von einem Elternteil, in 85 Prozent von der Mutter, großgezogen. Auch die Lüneburgerin Sonja Jetschin kümmert sich alleine um ihre zehn- und sechsjährigen Söhne Luca Leon und Ian Elias. Schwer sei es immer, erzählt sie, doch momentan stoße sie an ihre Grenzen. Erst am 1. März hatte die 31-Jährige einen neuen Job als Servicekraft angefangen, den sie zwei Wochen später wegen der Corona-Krise prompt wieder verlor. Nun bleib ihr das Kindergeld, Unterhalt und Unterhaltsvorschuss:

„Ich habe mich dann gleich beim Arbeitsamt gemeldet, kein Durchkommen. Mein Online-Antrag wurde abgelehnt, weil ich ja gerade erst angefangen hatte“, berichtet Jetschin. Sie konnte ihre Situation erklären, erhält ab diesem Monat Arbeitslosengeld. Doch um ihre Miete zu bezahlen, wird es nicht reichen. „Ich habe keine Rücklagen. Momentan kann ich nur hoffen, dass mein Vermieter mir entgegenkommt und ich die Miete stückchenweise zahlen kann.“ Ihre finanzielle Situation belastet sie sehr: „Ich bin jetzt schon viel am Rechnen. Es muss ja irgendwie funktionieren. Man muss eben schauen, was man kauft, wieviel man kauft, so kochen, dass man zwei Tage davon essen kann.“

Kein Licht am Ende des Tunnels

Erschwerend kommt für Sonja Jetschin hinzu, dass vorerst keine Besserung in Sicht ist. „Das Schlimmste in Sachen Corona haben wir hoffentlich bald überstanden. Aber dann stehe ich immer noch ohne Job da, natürlich macht mir das Sorgen. Gerade brauche ich mich ja auch nirgendwo zu bewerben.“ Sonja Jetschin lebt mit ihren Jungs in einer kleinen Dreizimmer-Wohnung am Bockelsberg, mehr und mehr fällt ihnen die Decke auf den Kopf. Einen Spielplatz hat das Dreier-Gespann vor der Nase- versehen mit dem Schild „Zutritt verboten“.

„Luca und Ian vermissen die Schule und den Kindergarten sehr. Langsam drehen sie hier richtig auf, zum Leidwesen der Nachbarn natürlich. Es wird immer schwerer, sie zu bändigen“ Damit ihre Kinder nicht allzuviel durch die Wohnung toben, spielt Sonja Jetschin viele Spiele mit ihnen, liest Geschichten vor. So oft es geht fährt sie mit den Jungs in den Wald, wo sie sich austoben können. „Meine Mutter kann mich leider gerade nicht entlasten, sie gehört zur Risikogruppe, ist gesundheitlich nicht auf der Höhe. Auch ihre Väter sehen die Kinder im Moment nicht.“ Sonja Jetschin versucht, den Alltag weitestgehend aufrechtzuerhalten, ist froh über die Videos, die der Kindergarten für seine Schützlinge gedreht hat. „Mein Kleiner freut sich sehr, die Erzieher so wenigstens ein bisschen bei sich zu haben.“

„Alleinerziehende sind am meisten von Armut betroffen“

Jetschins Tage sind lang. „Ich muss irgendwie versuchen sie rumzukriegen, für die Kinder stark sein, um nicht in einem Loch zu landen, sagt sie. Schlafen die Kinder, setzt sie sich erschöpft vor den Fernseher, Kraft tanken für den nächsten Tag.

„Alleinerziehende sind am meisten von Armut betroffen“, weiß Daniela Jaspers vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter. „Oft reicht es gerade so. Zu der finanziellen Belastung kommt dann oft noch die psychische hinzu. Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung, das ist für eine Person einfach zuviel. Und viele Alleinerziehende haben ja nicht einmal die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten, haben aber auch keinen Anspruch auf Notbetreuung, weil sie nicht in einem sogenannten „systemrelevanten“ Beruf arbeiten.“ Immerhin: Die Notbetreuung wird jetzt (Stand: 17. April) nach einem Beschluss des Landes auch auf Alleinerziehende ausgeweitet.

Hinzu komme aber außerdem die Isolation durch das Social Distancing. „Alleinerziehende haben niemanden anderes, mit dem sie sich während des Lockdowns emotional stützen und einander Halt geben können. Schon in normalen Zeiten müssen sie alle Dinge des Lebens allein regeln. Mit der aktuellen existentiellen Gefährdung ihrer Familien steigt der Druck ins Unerträgliche,“ sagt Sybille Möller, Vorsitzende der Initiative für Alleinerziehende Mütter.

Alleinerziehende in Not können in der Corona-Krise staatliche Unterstützung erhalten, zum Beispiel den Notfallkinderzuschlag. Außerdem können momentan unter erleichterten
29 Bedingungen SGB-II-Leistungen beantragt werden. Daniela Jaspers aber zweifelt: „Die Anträge sind leider zeitaufwendig und kompliziert, auch wenn die Vermögensprüfung ausnahmsweise wegfällt. Nicht gerade das, was man braucht, wenn man ohnehin schon am Limit ist.“

Von Lea Schulze