Freitag , 25. September 2020
Gepflanzt werden sollen Bäume, die als Ausgleichsmaßnahmen beispielsweise für Neubaugebiete im Lüneburger Stadtgebiet vorgeschrieben sind. (Foto: phs)

Ein Wald von den Bürgern

Lüneburg. Bei allem Schrecken, ein Gutes hat die Corona-Krise: Deutschland wird wegen der dramatischen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie seine für dieses Jahr angekündigten Klimaziele – 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß als 1990 – wohl doch noch erreichen, wie vom Umweltbundesamt kürzlich zu hören war. Auf die Krise allein will Lüneburg sich aber anscheinend nicht verlassen, wenn es darum geht, das Klima zu verbessern. Sie will mit einem Bürgerwald nachhelfen.

„Wir sind aktuell dabei, mögliche Flächen in der Stadt in den Blick zu nehmen und zu bewerten, wie geeignet sie sind. Hier legen wir den Fokus vorerst auf Flächen, die sich bereits im Eigentum der Stadt befinden“, erklärte Stadtpressesprecherin Ann-Kristin Jenckel. In Betracht für einen Bürgerwald kämen etwa eine Parkplatzfläche an der Willy-Brandt-Straße oder der ehemalige Hockeyplatz am Heidkamp, außerdem eine Fläche zwischen Meisterweg und Kloster-Lüne-Weg, die die Stadt kürzlich vom Land Niedersachsen erworben hat.

Eine Lösung auch für Ausgleichsmaßnahmen

Die Idee hinter dem Bürgerwald: Lüneburger sollen die Möglichkeit bekommen, Bäume zu spenden und diese – wenn gewünscht – bei gemeinsamen Pflanzaktionen selbst zu pflanzen, als aktiver Beitrag vor Ort für den Klimaschutz. Gepflanzt werden sollen Bäume, die von der städtischen Abwasser, Grün und Lüneburger Service GmbH (AGL) als Ausgleichsmaßnahmen beispielsweise für Neubaugebiete im Stadtgebiet vorgeschrieben sind, die aber im Straßenraum nicht untergebracht werden können. Ebenso Bäume, die von der Stadt als Ausgleich für Dienstreisen oder den städtischen Fuhrpark vorgesehen sind, wie Jenckel erläutert.

„Wir wollen gemeinsam mit den Einwohnerinnen und Einwohnern aktiv an der Verbesserung unserer Luft, des Grundwassers und des Klimas insgesamt arbeiten und damit natürlich auch das Bewusstsein für das Thema Klimaschutz schärfen.“

Die Stadt knüpft damit an ein Projekt an, das die Landezeitung schon seit Jahren praktiziert: der LZ-Blätterwald. Auch hier engagieren sich Lüneburger mit persönlichem Einsatz und pflanzen Jahr für Jahr Bäume in ausgewählten Gebieten der Region. Seit 2007 sind bislang insgesamt 93 000 Laubbäume gepflanzt worden.

Keine Pflanzungen in Kaltluftschneisen

Beteiligen kann sich jeder, der mitmachen möchte, betont Jenckel. Eingeladen sind alle Akteure der Stadtgesellschaft, neben Bürgern also auch Vereine, Organisationen, Firmen und andere.
Zusätzlich sollen 20 Hektar aufgeforstet werden.

Allein mit dem Bürgerwald will es die Stadt aber nicht bewenden lassen. So sollen in den kommenden fünf Jahren zusätzlich mindestens 20 Hektar Wald in Lüneburg und in angrenzenden Gebieten aufgeforstet werden. Dafür sollen ausschließlich landwirtschaftliche Flächen genutzt werden. „Hier wird es natürlich im Einzelfall Abwägungen geben müssen zwischen allen Belangen. Auch müssen wir die Flächen unter klimatischen Gesichtspunkten betrachten.“ Dort, wo wichtige Kaltluftschneisen sind, sollen keine Bäume gepflanzt werden.

Da Lüneburg die anvisierte Fläche von 20 Hektar nicht allein stemmen kann, findet die Suche nach geeigneten Flächen in Absprache mit den Gemeinden und dem Landkreis statt.
50 000 Euro stehen im laufenden Jahr für das Projekt aus dem städtischen Haushalt zur Verfügung, danach jährlich 100 000 Euro. Darüber hinaus hofft die Stadt auf Spenden der Bevölkerung.
Ziel bislang war, im Herbst mit der ersten Pflanzaktion zu starten. Ob dies angesichts der Corona-Krise noch machbar ist, soll im nächsten Umweltausschuss behandelt werden. Aber auch da ist ja bekanntlich offen, wann der wieder tagen darf.

Klimaretter Wald

Die Aufforstung von Flächen gilt als eine der wirkungsvollsten natürlichen Klimaschutzmöglichkeiten: Bäume binden CO₂, wodurch der CO₂-Gehalt in der Atmosphäre sinkt und die Erderwärmung verringert wird. Bäume halten außerdem den Wasserhaushalt der Natur im Gleichgewicht. Auch beeinflusst Wald – Mischwälder im Besonderen – das Mikroklima des Umfeldes positiv.

Der Boden wird trotz Verdunstung durch die Blätter feucht gehalten, die Verdunstung kühlt das Waldinnen- und das Außenklima merklich ab. Darüber hinaus wirkt Wald wie ein Filter für die Luft – bedeutsam in der Nähe zu urbanen Strukturen mit den dort üblichen Immissionen. Nicht zuletzt bieten Wälder vielen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum und sind damit unverzichtbar für den Erhalt der biologischen Vielfalt.

Von Ulf Stüwe