Donnerstag , 22. Oktober 2020
Clara Hoffmann war 13, als sie mit der Diagnose MS konfrontiert wurde. Über die Krankheit und ihren Alltag damit schreibt sie Gedichte. (Foto: Privat)

Eine Krankheit, nicht das Leben

Lüneburg. Dass sie in Zeiten der Corona-Pandemie zu einer Risikogruppe gehört, sieht man Clara Hoffmann auf den ersten Blick nicht unbedingt an. Die 21 Jahre alte Lüneburgerin ist an Multipler Sklerose erkrankt, bei ihr äußert sich MS aber vor allem durch Störungen in der Wahrnehmung, weniger in der Bewegung. Aber eine besondere Rücksichtnahme auf sich fordert sie nicht ein. „Jeder, ob Risikopatient oder nicht, sollte seine Kontakte jetzt einschränken“, findet sie. „Ich setze meine Maske zum Schutz anderer auf, nicht für mich selbst.“

Multiple Sklerose kann nicht geheilt werden. Medikamente können nur dafür sorgen, dass die Auswirkungen gedämpft und die nächsten Schübe reduziert werden. „Man kann nie zu 100 Prozent wissen, wie sich das Immunsystem durch die Medikation verändert“, erklärt die Lüneburgerin. Sicherheit geht aber auch bei ihr vor: Sie wohnt an sich in einer Wohngemeinschaft zusammen mit zwei Studentinnen, schlüpfte aber vorerst bei den Eltern im Hamburger Norden unter.

Über Monate war ihr ständig schwindelig

Schon vor neun Jahren hat Clara Hoffmann die Diagnose MS erhalten: „Über Monate war mir damals sehr schwindlig, mit 13 hatte ich meinen ersten Schub.“ Ihre Eltern nahmen sehr bald Kontakt zur Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) auf, deren örtliche Beratungsstelle von Waltraut Heus geleitet wird.

Dass sie schon im jugendlichen Alter erkrankte, ist eher untypisch, wobei von bis zu 200 Neuerkrankten pro Jahr im Kindes- und Jugendalter gesprochen wird. MS gilt ohnehin als Krankheit der 1000 Gesichter, da die Symptome sehr vielfältig sein können. Im Fall von Clara Hoffmann zeigten und zeigen sie sich vor allem im kognitiven Bereich: „Wenn zu viele Menschen gleichzeitig reden, habe ich Probleme, die wichtigen Stimmen herauszufiltern.“

Sie verarbeitete MS in Gedichten. „Du bist eine Krankheit und nicht mein Leben“, heißt eine Zeile, die auch ihr Lebensmotto sein könnte. Waltraut Heus holte die junge Betroffene bei einem MS-Forum vor mehr als 100 Leuten einfach auf die Bühne. „Viele Betroffene haben mich damals angesprochen, dass sie sich in meinen Zeilen wiederfinden“, erinnert sich Clara Hoffmann.
Sie will ihre Gedicht nicht gedruckt sehen, sondern vortragen. Und sie lernte Waltraut Heus‘ Tochter Henriette kennen, Gründerin des Lüneburger Kurzfilmfestivals „ImKasten“. Die Idee zu einem gemeinsamen Projekt entstand, Laura Ney und Lennard Schmitt halfen mit.

An Glühwürmchen fühlte sich Clara Hoffmann erinnert, als sie zum ersten Mal die MS-typischen Entzündungsherde auf ihren MRT-Bildern sah. „Glühwürmchen“ heißt jetzt auch das Werk, das bei der Harzmovienale in Quedlinburg am 4. April seine Uraufführung erleben und im Wettbewerb stehen sollte. Corona kam dazwischen – vielleicht wird das Filmfest im Herbst nachgeholt.

Die DMSG stellte Komparsen für das Werk, hatte die junge Lüneburgerin zuvor schon unterstützt, „gerade in den schwierigen Phasen meines Lebens“. Zwei Tage Urlaub an der See, erstmals in Eigenverantwortung, ein Flug nach Kanada mit Aufenthalt bei der dortigen MS-Gemeinschaft als Hauptgewinn einer Verlosung des DMSG Bundesverbandes – das alles hatte Clara Hoffmann der Gesellschaft zu verdanken. Aus dem Filmprojekt entstand die Idee für eine Ausbildung zur Mediengestalterin in einem Lüneburger Tonstudio, die sie im vergangenen August begonnen hat.
Nun heißt es für sie Homeoffice in Hamburg. Clara Hoffmann ist ein positiver Mensch, lässt sich von MS nicht unterkriegen und will sich auch der Angst vor Corona nicht lähmen lassen. „Es macht mir sehr viel Hoffnung“, sagt sie, „dass alles trotzdem irgendwie funktioniert.“

Waltraut Heus von der DMSG-Beratungsstelle Winsen/Lüneburg steht Ratsuchenden zu Fragen rund ums Thema MS zur Verfügung und ist ab 20. April wieder telefonisch erreichbar unter (04171) 62924.

Von Andreas Safft