Freitag , 25. September 2020
Der Vorstand des Vereins der Stadtführer (v.l.), Conny Siebert, Verena Fiedler und Klaus Niclas, betonen: Da gehen Tausende Euro weg für die Stadtführer. (Foto: ca)

Stadtführer ohne Führung

Lüneburg. Zu seiner letzten Stadtführung ist Klaus Niclas am 13. März aufgebrochen. Seitdem kommt kein Geld mehr rein: „Null.“ Sozusagen Corona lebensgefährlich. Unter anderem als Claas der Nachtwächter erklärt er sonst Besuchern das Leben im alten Lüneburg. Die Rundgänge lassen sonst die Scheine in seinem Geldbeutel knistern: „Ich habe ein paar Reserven und kann ein paar Wochen durchhalten, doch wie es dann weitergeht, weiß ich nicht.“ Der Stadterklärer fällt in die Kategorie Solo-Selbstständiger. Das heißt, er kann sich nicht arbeitslos melden und muss seine Krankenversicherung weiterzahlen. Er will Fördermittel bei der NBank beantragen und mit dem Finanzamt aushandeln, dass es ihm die Umsatzsteuerzahlung stundet. Pragmatischer Optimismus: „Andere Kollegen sind schlimmer dran.“

Niclas ist Vorsitzender des rund 40 Mitglieder zählenden Stadtführervereins. Es gibt daneben weitere Anbieter. Eine Handvoll Kollegen lebt so wie Niklas nur oder zum großen Teil von den Führungen. Manche verdienen einen Teil des Einkommens als Künstler und Schauspieler. Auch dort brächen die Einkommen weg: „Die stehen vor dem Nichts.“

Aber Verena Fiedler geht es ähnlich wie Niclas, auch sie lebt von und für die Führungen. „Mein großes Glück ist es, verheiratet zu sein“, sagt sie. Nicht nur als Herzensangelegenheit, sondern weil sie über ihren Mann abgesichert ist. Allerdings gehört dazu auch, dass sie vermutlich keinen Anspruch auf Grundsicherung habe: „Ich würde nichts bekommen.“ Ein Kollege habe Stütze beantragt: „Der käme sonst nicht zurecht, er hat einen Sohn, der studiert.“

Ende der Misere nicht absehbar

Bei der Tourist-Info, von dort kommen die Aufträge, gehen lauter Stornierungen ein. Das trifft die Abteilung des Stadtmarketings, weil Provisionen nicht fließen, aber vor allem die „Guides“. Verena Fiedler sagt: „Wenn wir das umrechnen, gehen da Tausende von Euro verloren.“ Und ein Ende sei nicht absehbar.

Doch es sei nicht nur das Geld, was fehle: „Da bricht ein Stück Leben weg.“ Der Kontakt zu den Gästen, das Gespräch mit Kollegen. Aber auch Projekte seien in Gefahr. Verena Fiedler und andere wollten zum Museumstag am 17. Mai ein Theaterstück aufführen: „Proben können wir nicht.“ Auch andere Vorhaben stünden auf der Kippe. Die Ausbildung neuer Kollegen glimme auf Sparflamme: „Vor Ort gucken können wir nicht, die müssen jetzt zu Hause Texte lernen.“

Trotzdem bleiben Verena Fiedler und Klaus Niclas optimistisch. Sie hoffen, dass sie im nächsten Monat wieder Gäste durch Lüneburg führen können. Und so lange kommen sie über die Runden.

Von Carlo Eggeling