Wieder wurden illegal Altreifen im Wald bei Barendorf abgeladen. Die Polizei ermittelt. Foto: kre

150 Altreifen im Wald entsorgt

Barendorf. Wie dreist und rücksichtslos müssen Müllsünder sein, die ihren Unrat illegal im Wald verklappen? Diese Frage stellt sich Holger Kapell in jüngster Zeit oft. „Viel zu oft“, findet der Barendorfer Revierförster. Denn erst vor wenigen Tagen wurden wieder mehr als 150 Altreifen illegal in seinem Revier abgekippt. Die erste Fuhre zwischen Lüneburg und Barendorf an der Landwehr, die nächste zwei Tage später an der Landesstraße 221 in Richtung Bleckede, in der Nähe des Elbe-Seitenkanals. Die Täter sind erneut unerkannt entkommen. Kapell hat trotzdem Anzeige erstattet, die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Die Reifen-Mafia scheint das aber nicht zu stören, denn illegale Altreifen-Deponien finden sich mittlerweile bundesweit. Ein echtes Ärgernis für Umwelt, Förster und Ermittlungsbehörden. So hatten beispielsweise in Thüringen Unbekannte gleich 600 Altreifen in der Natur entsorgt. Über 200 ausrangierte Pneus in Wald und Flur ärgert sich das Ordnungsamt im hessischen Offenbach. Und im niedersächsischen Bückeburg fahnden die Ermittler nach den Tätern, die 230 alte Reifen illegal im Schaumburger Wald abgeladen haben. Es sind nur einige wenige bekannte Fälle aus jüngster Zeit.

Dass so manche Zeitgenossen allzu sorglos gefährliche Abfälle im Wald entsorgen, beobachtet Holger Kapell immer wieder: Am vergangenen Freitag entdeckte der Förster in seinem Revier im Vastorfer Holz eine kleine Plastikflasche, die achtlos weggeworfen worden war. Dass es sich bei dem Inhalt nicht um harmloses Mundwasser handelt, zeigte schon der Totenkopf, der mit schwarzen Filzstift auf der Rückseite aufgemalt worden war.

„So etwas ist eine absolute Umweltsauerei“

Revierförster Holger Kapell hat Anzeige erstattet. Foto: t&w

Ursprünglich hatte sich in dem Fläschchen das Fungizid „Talius“ befunden, das in der Landwirtschaft zur Bekämpfung von Mehltau benutzt wird. Der Hinweis auf das Fungizid wurde aber durchgestrichen, stattdessen per Hand „Dimethoat“ auf das Etikett geschrieben. „Ein Insektizid, ein Nervengift“, warnt Kapell, der die kleine, noch halb gefüllte Flasche nur durch einen Zufall im Wald entdeckt hatte. Für den Förster wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Flüssigkeit ausgelaufen, im Waldboden versickert und somit letztlich auch im Grundwasser gelandet wäre. „So etwas ist eine absolute Umweltsauerei“, ärgert sich Kapell.

Er hat auch diesen Fall zur Anzeige gebracht und hofft nun, dass anhand der Handschrift der Verursacher bald ermittelt wird. Bei manchen ist es Gedankenlosigkeit, die sie zu Umweltfrevlern werden lässt, bei anderen dagegen zählt nur der finanzielle Profit – selbst auf Kosten von Natur und Umwelt: Denn vor allem das Geschäft mit den alten Reifen scheint sich zu lohnen. Schließlich fallen jedes Jahr knapp 600 000 Tonnen Altreifen an: Nimmt man ein Durchschnittsgewicht von zehn Kilogramm pro Reifen an, sind das 60 Millionen Reifen, die entsorgt werden müssen. Zu den Altreifen gehören nicht nur Pkw- und Lkw-Reifen, sondern auch Motorrad-, Vollgummi- und Ackerschlepper-Reifen. Das europaweite Altreifenaufkommen beträgt rund 3,4 Millionen Tonnen.

Strafen von bis zu 25.000 Euro

„Müllentsorgung im Wald ist alles andere als ein Kavaliersdelikt“, stellt Kapell klar und zählt auf, gegen welche Gesetze die Müllsünder verstoßen: „Gegen das Naturschutzrecht, gegen das Abfallbeseitigungsgesetz und auch gegen das Landschaftsschutzgesetz.“ Mit anderen Worten: Wer erwischt wird, für den kann es richtig teuer werden. Wie teuer, rechnete Knut Sierk, regionaler Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten, bereits vor einem Jahr vor: „Solche Verstöße werden nach dem Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz geahndet“, berichtete er damals. Das Bußgeld setze die Untere Abfallbehörde fest. Werden mehr als fünf Reifen illegal entsorgt, sehe der Bußgeldkatalog bereits Strafen von 1000 Euro bis 25.000 Euro vor.

Um den dubiosen Geschäftemachern das Handwerk zu legen, sind die Behörden auf die Mithilfe von Bürgern angewiesen. Werden verdächtige Fahrzeuge, insbesondere Lkw, Klein-Lkw, Transporter aber auch Pkw mit Anhänger, die eindeutig nicht einer forstwirtschaftlichen Tätigkeit nachgehen in bzw. an einem Waldgebiet beobachtet, bitte umgehend die Polizei informieren. „Unbedingt auch zur Nachtzeit!, sagt Antje Freudenberg von der Polizei – „am besten mit Nennung des Kennzeichens. Wenn es ‚falscher Alarm‘ ist, ist es nicht schlimm. Eine umgehende Meldung ermöglicht eine Kontrolle des Fahrzeugs und der Insassen und erhöht die Chance der Aufklärung der Taten erheblich.“

Von Klaus Reschke