Horst Homburg ist Bildungspate für (v.l.) Annika, Lotta und Sofie, die als leistungsstarke Schülerinnen hin und wieder besondere Herausforderungen brauchen. Hier zeigen die Erstklässlerinnen der Lüneburger Igelschule ihr selbst erstelltes Buch. (Foto: t&w)

Der Talentförderer

Lüneburg. Wenn Lotta erstmal ins Erzählen kommt, ist sie kaum zu bremsen. Die Siebenjährige sprüht vor Elan, will jetzt loswerden, welche Abenteuer die Ratte und ihre Freunde so alle erleben. Dazu blättert sie immer wieder in einem Buch, das vor ihr auf dem Tisch liegt und das ein ganz besonderes Exemplar ist: Lotta hat es zusammen mit Sofie und Annika selbst erstellt. Die drei Mädchen haben sich die Geschichte ausgedacht, aufgeschrieben und mit vielen Bildern angereichert. Eine überaus beachtliche Leistung für Erstklässlerinnen, findet auch ihre Klassenlehrerin Jana Vrielmann.

Im normalen Unterricht gelegentlich unterfordert

Das Buch ist das Ergebnis einer besonderen Förderung an der Lüneburger Igelschule. Zwei Stunden pro Woche erhalten jene Kinder, die ein bisschen schneller lernen als andere und sich im regulären Unterricht womöglich hin und wieder unterfordert fühlen, quasi ein Extra-Angebot. So wie Lotta, Sofie und Annika: „Sie wollen richtig gefordert werden, und sie müssen auch richtig ran“, sagt Horst Homburg. Der pensionierte Lehrer und frühere Schulleiter der Herderschule kümmert sich in den beiden Stunden um das Trio – als ihr Bildungspate.

Vor neun Jahren hatte Homburg das Projekt Bildungspaten für Kinder initiiert. Die Grundidee: Ehrenamtliche schenken den Kindern ihre Zeit. Sie kommen in die Schulen und helfen den Kindern beim Lernen. Doch es sollen nicht nur jene Kinder Unterstützung bekommen, die Probleme haben, zum Beispiel weil es mit dem Dativ einfach nicht klappen will oder das Dividieren in Mathe zur scheinbar unüberwindbaren Herausforderung wird.

Für Homburg war irgendwann klar: „Wir müssen auch die leistungsstarken Kinder fördern.“ Denn sie sind die Leidtragenden, wenn es im Unterricht nicht recht vorwärts geht, weil ihre Lehrer ein ums andere Mal den Lernstoff wiederholen müssen, bis auch der letzte Schüler kapiert hat, was sie selbst schon beim ersten Mal verstanden haben. Jana Vrielmann verrät: „Wir müssen im Unterricht viel differenzieren, da bleiben die guten Schüler eher auf der Strecke. Es kommt dann immer mal wieder vor, dass sich die leistungsstarken Kinder beschweren.“ Lotta bestätigt das: „Wir wiederholen viel, das ist langweilig.“

Sprudelnden Ideen und Gedanken ordnen

Herausforderung statt Langeweile – das ist dann die Devise für den Bildungspaten Homburg. Er hat aus den talentierten Schülerinnen eine ganze Geschichte herausgekitzelt, ihnen geholfen, ihre sprudelnden Ideen und Gedanken zu ordnen und in vollständigen Sätzen zu formulieren, die erdachten Abenteuer ihrer Hauptfigur in Kapiteln zu strukturieren. Herausgekommen ist eben jenes Buch. „Das ist schon eine tolle Leistung“, lobt der Bildungspate seine Schützlinge. Und Lehrerin Vrielmann ordnet ein: „Normalerweise sind Schüler am Ende der 1. Klasse auf dem Stand, dass sie lautgetreu schreiben, Klein- und Großschreibung oder langes I kommt eigentlich erst später.“ Die drei Mädchen hingegen schreiben schon nahezu fehlerfrei, wissen, wann sie einen Doppelpunkt setzen und was eine wörtliche Rede ist. Selbstbewusst sagt Lotta: „Wir sind in allen Fächern gut.“

Sieben der 20 Schüler aus der 1a haben im abgelaufenen Schuljahr die besondere Förderung bekommen. Homburg übt mit ihnen immer auch, sich in andere hineinzuversetzen. Sie sollen nicht alles erzählen, was sie zu einem Thema wissen, sondern das erzählen, was die Zuhörer wissen wollen. Was sie in der Extra-Förderung erarbeitet wird, sollen die Kinder immer auch im Anschluss vor der Klasse präsentieren, das darf dann durchaus ein eigenes Lieblingsthema sein. Homburg berichtet: „Ein Schüler hat beispielsweise ein Referat über Eishockey gehalten, eine Schülerin über Pferde. Eine andere Schülerin hat nur anhand eines Zettels, auf dem sie sich Piktogramme notiert hat, eine ganze Stunde mit einem Referat gefüllt, das war schon schön zu sehen.“

Grundschule hofft auf weitere Ehrenamtliche

Homburg kommt zwei Tage pro Woche für jeweils vier Stunden in die Schule, als Bildungspate hat er viele Mitstreiter, um die leistungsstarken Kinder kümmert er sich bislang allein. Er und Schulleiter Henning Torp wünschen sich deshalb Verstärkung. Homburg sagt: „Ein bisschen Zeit, Experimentierfreude und Liebe zu Kindern – mehr braucht man dafür eigentlich nicht.“

Über das Projekt infomiert eine Veranstaltung am Dienstag, 20. August, 15.15 Uhr in der Igelschule in Neu-Hagen. Wer Interesse hat, wird gebeten, sich unter (04131) 59346 oder per E-Mail an homburghorst@gmail.com anzumelden.

Von Alexander Hempelmann