Sonntag , 1. November 2020
Zum 1. Mai geht es wieder durch die Innenstadt: Hunderte Gewerkschafter demonstrieren für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn. (Foto: t&w)

Es gärt in den Betrieben

Lüneburg. Die Europa-Wahl und das überall diskutierte Thema Wohnen sind für die Gewerkschaften zwei zentrale Themen am Tag der Arbeit, dem 1. Mai. Motto: „Europa. Jetzt aber richtig!“ Der Lüneburger DGB- Vorsitzende Matthias Richter-Steinke sagt: „Wir setzen uns für die Chancengleichheit von Männern und Frauen ein, für faire Bedingungen in der Handelspolitik.“ Eben diese Positionen sieht der Gewerkschafter durch Rechtspopulisten gefährdet, sie erzielen in vielen Staaten der Europäischen Union Zulauf: „Die haben sich den Sozialabbau auf die Fahnen geschrieben.“ Um der in größeren niedersächsischen Städten grassierenden Wohnungsknappheit entgegenzutreten, fordert der Gewerkschaftsbund eine Landeswohnungsbaugesellschaft, die bezahlbare Bleiben schafft.

Arbeitgeber steigen aus Tarifverträgen aus

In einem Gespräch mit der LZ zum 1. Mai nehmen Vertreter der Arbeitnehmervertretungen zur Lage in der Region Stellung. Richter-Steinke beobachtet, dass Chefs aus Arbeitgeberverbänden aussteigen oder auf tariflose Mitgliedschaften setzen. Das bedeute in der Regel für die Belegschaften, dass sie schlechter verdienen. Haustarifverträge regeln oftmals die Modalitäten.

Robert Kirschner ist bei ver.di für den Bereich Soziales zuständig. Er kritisiert Bedingungen in der Pflege, darauf aufmerksam machen soll ein Aktionstag am 10. Mai von 12 Uhr an auf dem Markt. Bei einigen Themen ziehe man mit den Arbeitgebern an einem Strang. So wolle man mehr Personal gewinnen und es besser bezahlen. Neue gesetzliche Vorgaben aus Berlin seien dabei nicht zielführend gewesen. Ein Problem sei auch, dass Heimbewohner an steigenden Lohnkosten der Mitarbeiter beteiligt werden sollen. Mancher Senior könne das Geld kaum aufbringen. Mit einem „Olympischen Brief“, Unterschriftenlisten, die durchs Land getragen werden, will ver.di Gesundheitsminister Jens Spahn auf Missstände aufmerksam machen.

Etwas tun müsse sich auch für Erzieherinnen. Die erhalten während der schulischen Ausbildung kein Geld. Ein positives Beispiel sei Stade: Dort bekommen angehende Erzieher monatlich 800 Euro Unterstützung. Wer das Angebot nutze, müsse sich verpflichten, nach der Ausbildung zwei Jahre weiterhin im Kreis Stade zu arbeiten.

Insgesamt seien die Mitgliederzahlen bei ver.di konstant beziehungsweise je nach Fachbereich steigend. Eine Ausnahme sei die Druckbranche, die mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpft.

Lehrer fordern mehr Unterstützung

Urte Gräper ist Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die GEW -Frau fordert mehr Geld für ihre Kollegen. Grund-, Haupt- und Realschullehrer sollten einen Sprung auf die Stufe A 13 machen. Auch müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Ganztagsschulen bedeuteten auch, dass „Aufgaben des Elternhauses verlagert werden“. Weitere Stichworte seien Inklusion und Zuwanderung. So seien „multiprofessionelle Teams“ in den Schulen sinnvoll. Will sagen: Ein Lehrer pro Klasse sei oftmals zu wenig, es brauche unter anderem zusätzliche Sonderpädagogen.

Mehr Lehrer, mehr Fortbildung, ein anderer Umgang mit der Digitalisierung müssten her. Auch würden in der Wahrnehmung der Eltern andere Schulformen gegenüber dem Gymnasium abgehängt. Es müsse etwas in Sachen Ausstattung und Lehrer passieren.

Für die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie sagt ihr Hamburger Sekretär Hans-Werner Svensson, dass die BCE aktuell die Kollegen beim Autozulieferer Yanfeng unterstütze. Die Beschäftigten sollen bekanntlich Gehaltseinbußen hinnehmen, zudem fürchten sie, dass der Standort Lüneburg in Gefahr ist. Die Gewerkschaft hat angekündigt, dass sie Hunderte Mitglieder in Verfahren vor dem Arbeitsgericht begleiten werde. Wegen der angespannten Situation und aus Gründen des Rechtsschutzes freut sich die Gewerkschaft über Zulauf im Betrieb.

Herausforderung Digitalisierung 

Für die IG Metall nennt Rainer Näbsch die Digitalisierung als ein Feld, dass man beackere: „Arbeit wird übermorgen ganz anders aussehen als heute.“ Das ist nicht neu, doch wie schulen Betriebe ihre Mitarbeiter, um auf die Herausforderungen zu reagieren? Und wie gelingt der Prozess für ältere Beschäftigte? Eine weitere Frage sei das Arbeiten von zu Hause aus, Stichworte seien etwa Arbeitszeiten und Arbeitsschutz. Im VW-Land Niedersachsen mit seinen Zulieferbetrieben sei der Ein- und Umstieg in Sachen Elektromobilität ein großes Thema. Es werden weniger Komponenten benötigt als bei Verbrennungsmotoren, Getriebe sind ein Beispiel: „Da weiß niemand, wo die Reise hingeht.“ Auch Fragen um die Absicherung im Alter werden in den Betrieben diskutiert. Mancher fürchte sich vor möglicher Altersarmut.

Mit der Mitgliederentwicklung ist IG-Metaller Näbsch halbwegs zufrieden: Das Minus, etwa durch Kollegen, die in Rente gehen oder gar versterben, könne man durch Neuzugänge ausgleichen. Gleichwohl bleibt für alle Gewerkschafter die Nachwuchsgewinnung ein Thema – nicht nur als Mitglieder, sondern eben auch darüber hinaus als Betriebsrat oder innerhalb der Organisation.

Auf die Straße

DGB engagiert sich für Europa

Die Arbeitnehmervertreter rufen zur Mai-Kundgebung auf. Am Mittwoch, 1. Mai, treffen sich die Teilnehmer um 10 Uhr am Theater und ziehen durch die Stadt zum Lambertiplatz. Dort beginnt gegen 10.30 Uhr die Kundgebung, die Hauptrede hält Dierk Hirschel, er verantwortet beim ver.di-Bundesvorstand die Abteilung Wirtschaftspolitik. Drumherum präsentieren sich verschiedene Gruppen, für Kinder wird ein Programm geboten. Musik macht die Band Stew ‚n‘ Haggis.

Christdemokraten setzen sich ein

Wirtschaft braucht ein starkes Europa

Tag der Arbeit
Dierk Hirschel ist Hauptredner der Kundgebung. (Foto: A/DGB)

Der Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit, bessere Gesundheitssysteme, eine gemeinsame Kulturpflege über Grenzen hinweg – dafür steht Europa aus Sicht der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft.

Der Lüneburger CDA-Vorsitzende Wolfgang-Peter Paul und seine 20 Mitstreiter engagieren sich ebenfalls am 1. Mai. Es sei wichtig, sogenannten „Wutbürgern“ und Hasspredigern Paroli zu bieten. Paul betont zudem eine der Kernaussagen der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft: „Wer den Sozialstaat ausbauen will, braucht eine florierende Wirtschaft. Wirtschaftliches Wachstum gibt es nur mit der Europäischen Union – nicht ohne sie.“

Von Carlo Eggeling