Mittwoch , 30. September 2020
Die Angeklagte mit ihrem Verteidiger Ulrich Albers. Die 1. große Strafkammer wird ihr Urteil am Freitag verkünden. (Foto: phs)

Gestört, aber nicht therapierbar

Lüneburg. „Es ist eine solch unfassbare Tat, dass einem die Worte fehlen. Kein klares Motiv, das ein Mordmerkmal begründet“, sieht allerdings Staatsanwalt Frank Padberg bei der 25-Jährigen, die ihre vier Monate alte Tochter Maya Ende Dezember 2016 in ihrer Soltauer Wohnung erstickte und dem toten Baby danach mit einem Messer den Kopf abtrennte. Daher plädierte er gestern vor der 1. großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg auf Totschlag, fordert für die aus Eri­trea stammende Frau zwölf Jahre und zehn Monate Haft. Anwältin Annette Günther, die den syrischen Kindsvater als Nebenkläger vertritt, will die 15 Jahre als Höchststrafe für Totschlag ausgesprochen hören.

Angeklagte legte im zweiten Prozess Geständnis ab

„Sie ist eine gestörte Persönlichkeit“, äußerte Verteidiger Ulrich Albers: „Sie ist vor ihrem sprachlichen und kulturellen Hintergrund aber nicht therapierbar, in einer psychiatrischen Klinik würde sie nur verwahrt werden.“ Daher geht Albers von einem minder schweren Fall des Totschlags aus, für den es ein Strafmaß von einem bis zu zehn Jahren gibt. In dem Fall sehen die Richter laut ihrem Vorsitzenden Axel Knaack für ihr Urteil „erheblichen Beratungsbedarf“, verkünden ihre Entscheidung am Freitag, 1. März.

Wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen hatte die 4. große Strafkammer die Frau bereits im Januar 2018 zu lebenslänglich verurteilt. Der Bundesgerichtshof sah den objektiven Sachverhalt zwar als gegeben an, wollte aber Fragen nach dem Motiv und der Schuldfähigkeit geklärt haben. Und die muss nun die 1. Kammer beantworten. So gab es im neuen Verfahren zwei völlig unterschiedliche psychiatrische Gutachten. Der eine Gutachter attestierte der Frau volle Schuldfähigkeit, der andere eine schwere Persönlichkeitsstörung.

Staatsanwalt zweifelt an der Aussage der Angeklagten

„Sie hat sich für ihr Leben lang selbst bestraft“, äußerte Staatsanwalt Padberg und sagte: „Ich kann wenig verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass sie so etwas Kleines, Schönes, das sie selbst zur Welt brachte, umbrachte.“ Im ersten Prozess hatte die Angeklagte geschwiegen, in der Neuauflage die Tötung von Maya gestanden. Das Motiv: Sie habe sich und ihr Baby – weil ihre Vorstellungen vom Leben nicht erfüllt worden seien – töten wollen, sich selbst mit der linken Hand ein Handykabel um den Hals gelegt, mit der rechten Hand mit einem Kissen Maya erstickt.

Am geplanten „Auslöschen beider Leben“ hat Padberg Zweifel: „Das klingt schon sehr naiv.“ Warum habe sie, als das Baby tot war, ihr Suizid-Vorhaben nicht weiter umzusetzen versucht? Er ist auch von der Schuldfähigkeit überzeugt: „Sie hatte bis dahin trotz widriger Umstände ein völlig normales, unauffälliges Leben geführt.“ Im ersten Prozess hatte er noch 14 Jahre wegen Totschlags gefordert, nun plädiert er aufgrund ihres Geständnisses auf die zwölf Jahre und zehn Monate.

Gutachter sieht mehrere mögliche Tatmotive

Der Psychiater, der die Schuldfähigkeit attestierte, nannte mehrere mögliche Tatmotive, darunter den erweiterten Suizid, Überforderung und den Wunsch, ein neues Leben anzufangen. Vielleicht habe sie sich auch am Vater des Kindes rächen wollen, weil er sie allein ließ. Verteidiger Albers geht von dem geplanten erweiterten Selbstmord aus, seine Mandantin habe schon früher versucht, sich umzubringen, habe sich etwa nach dem ersten Urteil in einem Haftraum erhängen wollen. Am Tatabend habe sie das Baby mit in den Tod nehmen wollen, „um das Kind nicht alleine und schutzlos ohne sie zurückzulassen“.

Zum Abschluss des gestrigen Verhandlungstages sagte die 25-Jährige unter Tränen: „Ich bin zutiefst traurig, dass ich meine Tochter umgebracht habe. Bis ans Ende meines Lebens werde ich darunter leiden müssen.“

Von Rainer Schubert