Dienstag , 20. Oktober 2020
Die strahlenden, glücklichen Kinder bei der Einweihung des Spielplatzes sind für den Lüneburger Henning J. Claassen (l.) ein großes Geschenk. Dank Spenden seiner Initiative „Schützt die Opfer“ konnte das Projekt umgesetzt werden. Foto: Claassen

Helfen ist für ihn ein Stück Glück

Lüneburg. Es ist das Glück der anderen, das große Momente des Glücks beschweren kann. Henning J. Claassen, erfolgreicher Unternehmer aus Lüneburg, hat vor einigen Wochen in der indischen Region Guntur einen solchen Moment erlebt.

Dort weihte er einen Spielplatz neben einem Kinderheim ein, in dem schwerstbehinderte Kinder aus bitterarmen Familien leben. „Als sie die Spielgeräte stürmten, strahlten und lachten, war das für mich ein bewegender Moment. Es war ein Eintauchen in das Glück von Kindern, deren Freude aufgrund von Kleinigkeiten unglaublich ist.“ Realisiert werden konnte das Projekt dank der Initiative „Schützt die Opfer“, die Claassen vor 21 Jahren ins Leben gerufen hat. Im Fokus steht dabei die Hilfe für bedürftige Frauen und Kinder, inzwischen ist ein Schwerpunkt die Unterstützung der Ärmsten der Armen in Südindien.

Eine der ärmsten Regionen des Landes

Die LZ hatte bereits im Frühjahr über Claassens Engagement im Distrikt Guntur berichtet, der zu den ärmsten Regionen in Indien zählt. Aufmerksam geworden auf die Not war er durch Medienberichte, wonach die Selbstmordrate bei Bauern aufgrund von schlechten Ernten hoch war. ­Übrig blieben die Witwen mit ihren Kindern, die in Südindien immer noch als unberührbar gelten und von der Bevölkerung isoliert in ihren Hütten dahin vegetieren. Weitere Gruppen der Ärmsten sind an Polio erkrankte, geistig und körperlich Behinderte sowie Kinder der niedersten Kaste, die keine Chance auf Ausbildung und damit Teilhabe an der Gesellschaft haben.

Hilfe zur Selbsthilfe

Nach Kontaktaufnahme mit der katholischen Organisation „Society for the poor“, die sich die Hilfe zur Selbsthilfe zur Aufgabe gemacht hat, legte Claassen Projekte auf. Seine Initiative finanzierte zum Beispiel die Anschaffung von Milchkühen für Witwen, mittels dessen diese zum einen ihre Kinder ernähren konnten, zum anderen ermöglicht der Verkauf der Milch den Frauen aber auch ein kleines, regelmäßiges Einkommen. Geld floss auch in die Anschaffung von Nähmaschinen und -kurse, so dass Frauen darüber einen Lebensunterhalt für sich und die Kinder erwerben können. Und er ließ ein Haus für obdachlose Frauen bauen. Bei einer Rundreise im Frühjahr verschaffte sich Claassen einen Eindruck von der Situation vor Ort. Ziel war damals auch ein Kinderheim für schwerstbehinderte Kinder. Vor dem Gebäude war ein Geröllfeld vom Ausmaß eines Fußballfeldes, kein Platz zum Spielen für die Kinder. Claassen war tief schockiert und beschloss den Bau eines Spielplatzes. Die Kosten, laut erstem Angebot, ein fünfstelliger Betrag. „Dass wir das Projekt realisieren konnten, ist der Spendenbereitschaft auch vieler Lüneburger zu verdanken“, sagt er in seinem Lüneburger Büro sitzend und ein Lächeln geht über sein Gesicht, als er an die Einweihung denkt.

Aber die Tage davor waren für ihn nur schwer erträglich, denn erneut war er bei einer Rundreise durch 20 Dörfer in der Region mit Armut und Leid konfrontiert. In Begleitung von Rayadu Reddy von der katholischen Organisation lernte er wieder Witwen kennen, „die in ärmlichsten Verhältnissen in erbärmlichen Hütten leben und nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen“. Claassen ermöglichte weitere Hilfe über das Milchkuh-Projekt. Er entscheidet, dass ein an Polio erkrankter junger Mann einen Dreirad-Scooter erhält, den auch schon andere von Lähmung Betroffene erhalten haben. Er besucht sogenannte Micro-Shops, eine Art Tante-Emma-Laden, mittels derer Polio-Erkrankte ihr Überleben sichern können – ebenfalls finanziert von seiner Initiative. Lauter „kleine Maßnahmen“, die ihm am Herzen liegen – aber Claassen ist sich bewusst: Es braucht mehr.

Ausbildung steht an erster Stelle

In seinem Büro zeigt er auf ein Holzkästchen mit der Aufschrift „The secret of sucess…“ (zu deutsch: Das Geheimnis des Erfolgs). Klappt man es auf, ist da zu lesen „work“ (Arbeit). „Doch um ein erfolgreiches Leben durch Arbeit zu ermöglichen, bedarf es einer Ausbildung. Und diese ist den Witwen in der Region nicht möglich, da sie aufgrund von Frühverheiratungen keine Schulbildung erhalten haben. Das Gleiche gilt für mehr als 1000 Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer körperlichen oder geistigen Behinderung keine ordentliche Schule besuchen können und damit auch keine Ausbildung erhalten. Für sie alle bleibt nur ein kärgliches Leben.“ Die Organisation „Society for the poor“ habe sich auch zur Aufgabe gemacht, Schulgeld zu übernehmen. Claassens Verein unterstützt das. Aber er hat noch ein größeres Projekt vor Augen: Für Kinder und Jugendliche, die von Behinderung betroffen sind, brauche es etwas vergleichbar zu dem, was die Lebenshilfe in Deutschland mit Wohnheimen und Werkstätten anbietet. „Die Fürsorge der Witwen für ihre behinderten Kinder ist unglaublich und bewundernswert. Umso mehr verdienen sie unsere Unterstützung“, sagt er nachdrücklich.

Zweimal pro Jahr wird der Lüneburger auch künftig die Region Guntur besuchen und schauen, „was positiv wirkt und was noch getan werden muss“. Da ist zum Beispiel das dreijährige taubstumme Mädchen, das die Eltern ins Kinderheim brachten. „Sie schaut emotionslos, lacht nicht.“ Durch eine Operation am Innenohr könnte sie wieder hören, hat Claassen in Erfahrung gebracht. Voraussetzung dafür, dass sie schreiben und lesen lernt, Fundament für eine Ausbildung.

Doch die Eltern wollen der Operation nicht zustimmen. „Ich hoffe, dass sie sich noch anders entscheiden, ich würde die Kosten für die OP übernehmen.“ Helfen bedeutet ihm viel – und kann ein Stück Glück sein.

Von Antje Schäfer

Zur Person

Ehrenbürger

Der Lüneburger Unternehmer Henning J. Claassen steht unter anderem dafür, dass das Wasserviertel zu einem Juwel wurde. Dafür und für sein soziales Engagement wurde er 2017 mit der Ehrenbürgerwürde der Hanstadt Lüneburg ausgezeichnet. Er ist unter anderem Förderer junger Unternehmensgründer und junger Talente im kulturellen Bereich sowie langjähriger Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung St. Nicolai.

Im November 1997 gründete er die Initiative „Schützt die Opfer“, die seither viele Projekte vor Ort finanziell unterstützt hat. Inzwischen ist ein Schwerpunkt der Arbeit, den Ärmsten der Armen in Südindien dabei zu helfen, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Das gilt insbesondere für Witwen mit kleinen Kindern.

Weitere Infos unter www.schuetztdieopfer.de