Sonntag , 27. September 2020
Ulrich Mädge fordert weniger Güterverkehr auf der Bahnstrecke durch Lüneburg, aber mehr Nahverkehr und einen Fernverkehr, wie er mit dem Deutschland-Takt vorgesehen ist. Foto: t&w

„Alpha-E war ein politischer Schnellschuss“

Lüneburg. Die Diskussion um den geplanten Schienenausbau in der Region bewegt die Gemüter. In anderen Teilen Norddeutschlands wird für die Umsetzung des Milliar den Euro schweren Eisenbahnprojektes „optimiertes Alpha-E + Bremen“ bereits an den ersten Streckenabschnitten bei Bremen, Rotenburg oder Uelzen geplant, teilweise sogar schon gebaut. Derweil herrscht in Lüneburg immer noch Unklarkeit, ob die Strecke Lüneburg-Uelzen dreigleisig ausgebaut wird oder Ortsumfahrungen in die Landschaft gesetzt werden. Jüngst beteiligte sich auch Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge an einer Protestaktion von Kommunen und Bürgerinitiativen an Gleis 1 am Bahnhof Lüneburg. Im LZ-Interview spricht er nun über seine Kritik am Schienenprojekt und macht Gegenvorschläge.

Herr Mädge, bei Ihrer Protestaktion am Gleis konnte man den Eindruck gewinnen, dass Lüneburg lange nicht mehr so deutlich seine Kritik an Alpha-E geäußert hat. Warum war es die Jahre vorher so still?
Ulrich Mädge: Es war nicht still: 2015 haben wir im Verwaltungsausschuss beschlossen, genau diese Position zu vertreten, dass Alpha-E als Lösung mit dem Schienenausbau durch Lüneburg nicht funktioniert. Baulich ist die Hansestadt ein Nadelöhr. Wir können uns nicht vorstellen, dass noch mehr Güterzüge durch die Stadt rollen, als es beim Bau des dritten Gleises zwischen Stelle und Lüneburg vereinbart wurde. Wir können doch die Stadt nicht von Osten her mit acht Meter hohen Lärmschutzwänden einhausen. Das haben wir schon 2015 gesagt. Und das haben wir jetzt wiederholt, weil wir anscheinend immer wieder alles wiederholen müssen, weil Politik im Land und im Bund entweder nicht zuhört oder es nicht wahrhaben will. Diese Lösung Alpha-E war ein politischer Schnellschuss, um über die Landtags- und Bundestagswahl zu kommen.

Welche Lösung schlagen Sie vor?
Nochmal: Sollte es einen höheren Bedarf geben für mehr Güterverkehre, dann muss eine alternative Gleistrasse entlang der A7 untersucht werden. Und eine Umleitung in Hamburgs Osten über Büchen durch Mecklenburg-Vorpommern. Und vor allem muss endlich mal die Entlastungswirkung durch den Elbeseitenkanal für Gütertransporte miteinberechnet werden, wenn die neue Schleuse da ist. Und dann werden wahrscheinlich unter dem Strich immer noch 250 bis 300 Güterzüge pro Tag durch Lüneburg rollen. Denn auch die Lübecker Bahn soll mittelfristig ertüchtigt werden. Von dort kommt dann der nächste Schwung rüber. Das geht einfach nicht.

Auch die Erschütterungen sind ein massives Problem für die historischen Bauwerke. Wir haben an der Strecke zum Beispiel die St. Johanniskirche und die Klosterkirche Lüne stehen. Wenn man allein in Lüne sitzt, merkt man die Erschütterungen, die da reingehen, wenn ein Güterzug vorbeifährt. Dann weiß man, was das bedeutet, wenn noch mehr Güterverkehre fahren sollen. Das geht einfach nicht! Wir sind doch nicht im Wilden Westen, wo man für die Eisenbahn Städte verlegen konnte. Außerdem sprechen wir heute von Dimensionen im Bahnverkehr, an die man beim Bau der Strecke 1848 nicht einmal gedacht hat. Die Strecke hat ihre Grenze erreicht.

Das betrifft auch den Nahverkehr. Deswegen hat jüngst die Metronom Eisenbahngesellschaft in einer Infrastruktur-Initiative angeregt, perspektivisch zwei eigene Gleise nur für den Nahverkehr bereitzustellen. Also wie in Alpha-E vorgeschlagen dreigleisiger Ausbau von Lüneburg-Uelzen sowie darüberhinaus ein viertes Gleis zwischen Lüneburg und Hamburg.
Für ein viertes Gleis müssten Wohnhäuser und Bahnhöfe fallen, das ist unverfroren, so etwas zu fordern. Gut, Metronom wird ja auch beeinflusst von Landes- und Bundespolitik. Wir haben schon lange Jahre mit der Realisierung des dritten Gleises zwischen Stelle und Lüneburg gerungen: In der Goseburg zum Beispiel sind die Wohnhäuser nur noch fünf Meter von den Gleisen entfernt. Da müssten sie für ein zusätzliches Gleis nach Osten hin die halbe Goseburg abreißen. Das ist doch alles unrealistisch, was da ein paar politische Planer äußern.

Es ist aber richtig: Wir brauchen den Metronom, der die Menschen von Lüneburg nach Hamburg und zurück bringt. Das ist existenziell, darauf haben wir in der Metropolregion 20 Jahre gemeinsam hingearbeitet. Und deswegen fordern wir nicht mehr Güterverkehre, sondern weniger. Und die freien Kapazitäten sollen für mehr Personenverkehr genutzt werden. Und beim Nahverkehr nach Hamburg gibt es doch zur Zeit eher die Probleme mit Stellwerken, Weichen oder den zu geringen Kapazitäten des Hamburger Hauptbahnhofs. Diese Probleme müssen beseitigt werden, dann kommt es auch dort zu weiteren Verbesserungen.

Wir sind auch sehr erfreut, dass im geplanten Deutschland-Takt jeder zweite Halt ein ICE-Halt sein soll. Allerdings kommt da noch hinzu, dass die Deutsche Bahn das Ziel verfolgt, dass künftig jeder zweite ICE zwischen Hamburg und Hannover elf Minuten schneller sein soll. Diesen Zeitgewinn wird man aber mit einer ausgebauten Strecke durch Lüneburg nicht erreichen können.

Vielleicht wäre das auch über eine A7-Trasse realistischer. Womöglich kommt das Verkehrsministerium in Hannover auch deshalb zu einer anderen Einschätzung, was den Verlagerungseffekt betrifft. Demnach könnte eine A7-Trasse dazu führen, vor allem den Fernverkehr auf der Schiene von Lüneburg wegzuverlagern. Dann könnte ohne Ausbau, aber auch ohne Lärmvorsorge auf der Bestandsstrecke durch Lüneburg noch mehr Güterverkehr fahren. Dann würden Sie mit Ihrer A7-Forderung doch genau das Gegenteil erreichen.
Nein! Was da aufgebaut wird, ist doch nur eine Drohkulisse. Die Damen und Herren in den Zentralen in Hannover und Berlin sind jetzt erwischt worden. Denn sie müssen jetzt beweisen, dass eine A7-Trasse als Alternative nicht funktioniert. Wir reden hier ja über eine mögliche Umleitungsstrecke. Die Ortsumfahrungen von Lüneburg und Deutsch Evern stehen als Option auch im Bundesverkehrswegeplan anstelle des Ausbaus der Bestandsstrecke. Doch Ortsumfahrungen kann man nicht rechtwinklig um Lüneburg herumlegen, sondern das muss in einem weiträumigen Verlauf passieren. Ich kann nur dringend Land und Bund dazu auffordern, das Problem in einem Raumordnungsverfahren zu klären, so wie beim Bau der A39.

Sprechen wir dann nicht auch wieder über Jahrzehnte, bis es soweit ist?
Ja, natürlich.

Und in der Zwischenzeit ersäuft die Bestandsstrecke im steigenden Güterverkehr.
Ja, aber dafür bin doch nicht ich verantwortlich. Sondern die politisch Verantwortlichen in Land und Bund, die seit den 90er-Jahren die Y-Trasse über Walsrode und Soltau nicht umgesetzt haben.

Ein anderes beherrschendes Thema ist der geforderte übergesetzliche Lärmschutz an der Bestandsstrecke. Doch auf einen erhöhten Schutz könnten Sie erst pochen, wenn die Strecke ausgebaut wird. Würden Sie sich mit einer A7-Trasse diese Möglichkeit nicht verbauen?
Wenn weniger Güterverkehre durch Lüneburg fahren, brauchen wir auch weniger Lärmschutz. Außerdem sollen die Züge auch leiser werden. Und wir haben mit unserem Wohnbaugebiet Wittenberger Bahn (Besser bekannt als „Ilmenaugarten“ / Anm. d. Red.) einen Level festgesetzt, was Lärmschutz anbetrifft. Das muss auch auf der Ostseite aufgebaut werden, unabhängig von Alpha-E.

Sie bezeichnen immer wieder das Dialogforum Schiene Nord 2015 als undemokratisch. Die Stadt hat aber monatelang in dem Gremium mitgearbeitet. Wie passt das zusammen?
Wenn das Land uns zu einem Informationsforum einlädt, gehen wir da natürlich hin. Wir haben zugehört, unsere Argumente eingebracht, und haben am Ende dem Ergebnis nicht zugestimmt, weil es uns zu einseitig dominiert war von Kommunen und Bürgerinitiativen, die die alte Y-Trasse verhindert haben.

Das Ergebnis war „optimiertes Alpha-E + Bremen“. Die Umsetzung begleitet der regionale Projektbeirat, in dem die Stadt Lüneburg auch Mitglied ist, vertreten durch ihren Nachhaltigkeitsbeauftragten …
Ja, natürlich gehen wir da hin, um das Schlimmste zu verhindern! Wir setzen immer noch darauf, dass unsere Sachargumente gehört werden.

Welchen Einfluss hat denn der städtische Vertreter?
Es geht nicht um Einfluss. Es geht darum, dass protokolliert wird, was wir sagen und die politischen Entscheider hören, dass es nicht geht. Und wenn wir politisch nicht durchkommen, dann gibt es einen Rechtsweg. Und da kann jeder Bürger klagen und die Stadt Lüneburg wird sie dabei unterstützen mit Gutachten und rechtlichem Beistand.

Von Dennis Thomas

Mehr dazu:

https://www.landeszeitung.de/a/30547-die-naechste-resolution-zu-alpha-e

 

Gespräche zur Alpha-E-Variante in Hannover

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Getrennte Rechnungen, bitte

Protest am Rande von Gleis 1

Klare Absage an ein viertes Gleis