Dienstag , 22. September 2020
Die mit dem Integrationspreis Ausgezeichneten stehen im Vordergrund, hinten die Nominierten. Amin Aslan (vorne links) nahm den Preis für Moritz Reinbach entgegen, neben ihm Birgit Wölki vom Internationalen Frauentreff Kaltenmoor und Ingrid Dziuba-Busch, die Vorsitzende des Integrationsbeirates. Foto: t&w

Gelebte Vielfalt

Lüneburg. Integration. So unterschiedlich dieses Wort verstanden wird, so vielfältig war das Publikum am Dienstagnachmittag im Glockenhaus: Erstmals verlieh der Integrationsbeirat von Stadt und Landkreis Lüneburg einen Preis für die Vorbilder der Gesellschaft, zollte damit Anerkennung für deren ehrenamtlichen Einsatz. „Wenn ich den Blick durch den Saal schweifen lassen, sehe ich alles bunt“, meinte Moderatorin Katarzyna Rollert begeistert.

Initiativen stärken den Zusammenhalt

Zwölf Einzelpersonen und acht Projekte waren nominiert. „Alle diese Persönlichkeiten und Initiativen engagieren sich in einem ganz besonderen Maße für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Miteinander von Menschen verschiedener Kulturen und Nationalitäten in der Region Lüneburg“, erklärte Ingrid Dziuba-Busch, Vorsitzende des Integrationsbeirates, „mit unserer Auszeichnung wollen wir die vielfältige und positive Arbeit dieser Menschen sichtbar machen.“

Respekt, Toleranz und Vertrauen seien die Basis für das produktive Engagement der Nominierten, die zum Teil selber als Migranten nach Deutschland gekommen waren. „Die Erfahrung hat sie stark gemacht, und das geben sie heute weiter“, so Ingrid Dziuba-Busch. Doch auch die vielen Bürger mit Wurzeln in der Region, die uneigennützig und aufopferungsvoll die Migranten aufgenommen hätten, sie bis heute unterstützen und begleiten, hätten Enormes zu einem besseren Miteinander beigetragen. „Alle haben diesen Preis verdient“, meinte sie.

Mitbegründer der „no border academy“

Letztlich kürte der Integrationsbeirat aber doch zwei „Sieger“: Gewonnen in der Kategorie Einzelperson hat Moritz Reinbach, der persönlich nicht anwesend sein konnte, da er seit Kurzem an der Uni Kopenhagen immatrikuliert ist. Reinbach, der 2013 sein Politikstudium an der Leuphana begonnen hatte, ist Mitbegründer der „no border academy“, die Menschen mit akademischem Hintergrund zurück in den wissenschaftlichen Raum bringt, sowie des „welcome und learning centers“. Zudem ist er Mitarbeiter im „mosaique – Haus der Kulturen“ und in der Willkommensinitiative, organisierte darüber hinaus Demos, um Zugewanderten eine Stimme zu geben. Er erhielt einen silbernen Giebel.

Den Preis in der Kategorie „Projekte“ ging an den Internationalen Frauentreff Kaltenmoor unter Leitung von Birgit Wölki. Seit nunmehr elf Jahren setzt diese sich für Migrantinnen in Lüneburgs Osten ein. Zwei Mal pro Woche kommen einheimische und ausländische Bürgerinnen zusammen, frühstücken gemeinsam, feiern zusammen und tauschen sich aus, es gibt Näh- und Beratungskurse, Unterstützung bei Behördengängen und in der deutschen Sprache, Tanz und Yoga sowie themenbezogene Angebote – „hier entstehen Freundschaften, hier gibt es gelebte Nachbarschaftshilfe“, so die Begründung. Einen Scheck in Höhe von 1000 Euro, gestiftet durch die niedersächsische Lotto-Sport-Stiftung, wird die engagierte Arbeit weiter fördern.

Syrer Fahed Chughri singt auf Platt

Ergänzt wurde der abwechslungsreiche und vielfältige Nachmittag durch die Premiere des Musikvideos „Zusammen in Vielfalt – Euer Song für Lüneburg“: Musikbegeisterte Kinder und Jugendliche hatten in den Herbstferien unter Anleitung von Tonkünstlern und Choreografen ein Video produziert. Zudem hatte Fahed Chughri mit seiner Gitarre für anregende Unterhaltung gesorgt – und für große Anerkennung: Auf Platt gab der gebürtige Syrer „An de Eck steiht `n Jung mit `n Tüdelband“ zum Besten. „Dafür musste ich lange üben“, erklärte er amüsiert.

Von Ute Lühr

Die Nominierten

Einzelpersonen

Halina Oblochi: Die gebürtige Polin initiiert Aktivitäten im Café International der katholischen Gemeinde St. Marien.
Jan Baylon: Der Lüneburger Maler initiiert Aktionen zur Völkerverständigung mit zugewanderten Künstlern.
Jens Niemann: Er organisiert Sportveranstaltungen wie das 4players Fußballturnier und bildet Migranten zu Trainern aus.
Margot Kley: Die Bleckederin organisiert Aktivitäten in der Elbestadt, wie Deutschunterricht für Frauen mit Kinderbetreuung, Schwimmkurse oder Handarbeitstreffen.
Dietlind und Konrad Kemmler: Gründer der Flüchtlingshilfe in der Kirchengemeinde Bardowick. Das Ehepaar organisiert Deutschunterricht mit Kinderbetreuung, ein Café International und führt „Lydias Haus“, einen Ort der Begegnung.
Klaus Georg Basting: Sucht und findet ehrenamtliche Begleiter für derzeit knapp 50 Menschen, denen Schule und Ausbildung schwerfällt. Zudem vermittelt er Zugewanderte in Betriebe.
Tanja Früchtnicht-Truxius: Sie ist seit einem Jahr Vorsitzende der Amikeko-Willkommensinitiative, organisiert Freizeitangebote und Interkulturelles.
Meike Basting-Neumann: Kümmert sich seit Jahren um eine jesidische Familie, hat die allein geflüchtete Mutter während der Trennung von ihrer Familie begleitet und bei der Familienzusammenführung geholfen.
Karin Rose: Ist Anker für die Bewohner der Unterkunft in Scharnebeck. Sie baut Kontakt zu Kindern und Müttern auf.
Hubert Bodenstedt: Gibt Deutschunterricht in der Unterkunft in Scharnebeck.
Moritz Reinbach: Mitbegründer der „no border academy“ und des „welcome und learning centers“.

Projekte

Workit: Studenten geben Bewerbungstrainings und Coachings.
Café International: Hier treffen sich an jedem 1. und 3. Samstag im Monat von 14 bis 16 Uhr Lüneburger und Asylbewerber.
Sprachpaten: Rund 30 Ehrenamtliche unterstützen im Geschwister-Scholl-Haus Migranten im sprachlichen Bereich.
Mosaique: Das „Haus der Kulturen“ bietet eine Stätte der Begegnung und der Kultur.
Krass e.V.: Der Verein kommt mit einem mobilen Atelier in Flüchtlingsunterkünfte, um künstlerisch mit Kindern und Jugendlichen zu werken.
Kulturgarten: Hier wird mit Asylsuchenden gegärtnert.
Speakers Corner: Die Speakers‘ Corner Lüneburg ist ein Ort für spontanen Meinungsaustausch unter freiem Himmel.
Internationaler Frauentreff Kaltenmoor: Zwei Mal pro Woche kommen hier Migrantinnen und Lüneburgerinnen zusammen, um sich auszutauschen. ul