Samstag , 26. September 2020
Laura Pooth, niedersächsische Landesvorsitzende der GEW, war am Dienstag zu Besuch beim GEW-Bezirksverband Lüneburg. Foto: hof

„Lehrer müssen entlastet werden“

Lüneburg. Seit einem Jahr mischt Laura Pooth ganz oben in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit. Die 40-jährige Lehrerin war zehn Jahre lang an Real- und Hauptschulen tätig, während sie sich als Kreisvorsitzende bei der GEW Rotenburg/Wümme engagierte. Im September 2017 wurde sie dann zur Landesvorsitzenden gewählt. In diesem Monat erst rief sie unter dem Motto „Es reicht“ zu einer Demonstration in Hannover auf, um für höhere Bildungsinvestitionen zu kämpfen. Jetzt war die Oldenburgerin nach Lüneburg gekommen, um beim hiesigen Bezirksverband über aktuelle bildungspolitische Themen zu diskutieren. Die LZ hat mit ihr gesprochen

Frau Pooth, gerade erst sind Lehrer in Hannover für mehr Gehalt auf die Straße gegangen. Dabei gelten sie doch nicht unbedingt als Geringverdiener…
Laura Pooth: Wir haben nicht einfach „Mehr Geld für alle“ gesagt. Es gibt eine Ungerechtigkeit im Bezahlsystem: Obwohl das Lehramtsstudium für Grund-, Haupt- und Realschulen inzwischen genauso lang und genauso viel wert ist wie das für Gymnasiallehrer, bekommen diese nur die Besoldung A12. Mehrere Rechtsgutachten haben erwiesen: Alle haben ein Recht auf A13. Außerdem bekommt jeder mit, dass Lehrer Schülern durch die hohe Arbeitsbelastung nicht mehr gerecht werden können. Lehrer müssten weniger Unterrichtsverpflichtung haben, um die anderen Dinge erledigen zu können.

Interview

Stichwort Arbeitsbelastung. Lehrer haben enorm viele Ferien und müssen am Wochenende nie ran. Da hält sich bei vielen das Mitleid in Grenzen…
Ja, dieses Vorurteil gibt es. So werden und wurden Lehrer in der Öffentlichkeit wahrgenommen, wobei ich das Gefühl habe, dass sich das gerade verändert. Wir haben als GEW durch Arbeitszeitstudien für Aufklärung gesorgt. Dabei ist herausgekommen, dass Lehrer auch am Wochenende, nachts und an Feiertagen arbeiten. So kommen sie auf eine sehr hohe Stundenzahl. Aber auch Lautstärke, der hohe Zeitdruck, die Zusatzbelastungen durch Inklusion, durch Ganztagsunterricht und durch Zuwanderung beanspruchen die Lehrer sehr. Seit mehr als 20 Jahren sind immer mehr Aufgaben hinzugekommen, aber es wird nichts gemacht, damit Lehrkräfte ihre zusätzlichen Aufgaben auch erledigen zu können.

Die Inklusion ist für Lehrer eine zusätzliche Belastung. Wäre es dann nicht einfacher, die Förderschulen Lernen zu behalten?
Das ist ein zweischneidiges Thema, weil wir als GEW finden, dass alle Schüler das Recht haben müssen, in einer Schule beschult zu werden. Das Aussortieren ist eigentlich nicht der richtige Weg. Aber wenn die Landesregierung nicht die nötigen Mittel zur Verfügung stellt, kann das nicht funktionieren. Lehrer dürfen in der Klasse nicht allein gelassen werden. Sie müssten immer zu zweit sein, und die Klassen müssten viel kleiner sein. Was wir als GEW schon immer behauptet haben, wurde nun auch vom Landesrechnungshof bestätigt: Wenn man das Doppelsystem, also die allgemeinen Schulen und auch noch die Förderschulen behält, dann verschärft sich der Fachkräftemangel. Für die Schüler ist es auch nicht gut. Die Hauptschüler fühlen sich schon abgehängt, aber Gott sei Dank, da gibt es noch welche, die sind noch niedriger als ich – in der Förderschule. Und jetzt werden die Förderschüler hauptsächlich in die Hauptschulklassen gesteckt. Wo die sich so schon abgehängt fühlen, rutschen sie noch eine Stufe tiefer weiter nach unten. Damit Inklusion gelingt, müsste die Landesregierung viel mehr Dinge in die Hand nehmen. Macht sie aber nicht, weil manche Schüler angeblich in Förderschulen besser aufgehoben wären. Ich habe als Lehrerin selbst erlebt, wie viele Eltern, die ihre Kinder in Förderschulen hatten, zu mir kamen und gebettelt haben, um ihr Kind auf eine Regelschule zu bekommen.

Die Schulen müssen unbestritten eine Menge bei der Integration leisten. Viele geflüchtete Kinder sprechen so gut wie gar kein Deutsch und sollen trotzdem mit anderen Mathe und Bio lernen. Funktioniert das denn?
2015 war eine große Flüchtlingsbewegung. Die Schulen haben da die Möglichkeit bekommen, Sprachlernklassen einzurichten. Die Kinder ein Jahr in eine Sprachlernklasse zu stecken, um sie überhaupt so weit fit zu machen, dass sie im Unterricht mitkommen, reicht aber nicht. Die müssten eigentlich im Unterricht noch viel mehr begleitende Unterstützung bekommen. Aber auch da wird wieder an allen Ecken und Enden gespart.

Die Sprachförderung wurde in die Kitas verlagert. Ein richtiger Schritt?
Wir haben immer gesagt: Eigentlich wäre es sinnvoll, wenn Erzieher das machen. Das müssen nicht unbedingt Lehrer machen. Deshalb ist es ein richtiger Schritt, den die Landesregierung da gemacht hat. Allerdings fehlt es auch an Erzieherinnen und Erziehern in der Kita. Und viele sagen, dass nicht geklärt ist, wie das jetzt laufen soll. Es geht nur, wenn dafür dann auch ein Konzept vorliegt.

Während die Lehrer dadurch entlastet werden, kommt auf die Erzieher/Innen eine weitere Aufgabe zu. Müssten Sie da nicht eher für die mehr Gehalt fordern?
Genau, das kommt noch hinzu, dass Erzieher/Innen in Kitas natürlich auch viel zu schlecht bezahlt sind und wenig Fortbildungen bekommen.

Wo sehen Sie die größten Bildungsbaustellen der nächsten zwei Jahre?
Das eine ist natürlich der massive Fachkräftemangel. Da muss etwas passieren hinsichtlich Arbeitszeit und Bezahlung. Das andere ist, dass ich im Moment nicht sehe, was die Landesregierung dafür tut, dass endlich Chancengleichheit herrscht. Dass wir nicht weiterhin eine Gruppe von Kindern, die wenig Möglichkeiten der Teilhabe haben, permanent abhängen. Da muss mehr passieren. Was uns so wütend macht, ist die Tatsache, dass die Landesregierung sagt: Wir sehen alle Eure Forderungen und die sind auch alle richtig, aber wir haben kein Geld. Dass da nicht der Wille da ist, das Geld zur Verfügung zu stellen, damit die Probleme endlich angegangen werden.

Von Anna Hoffmann