Sonntag , 25. Oktober 2020
Helmut Lodwig möchte weiterhin Auto fahren. Doch es gibt Zweifel daran, ob er dazu auch in der Lage ist. Foto: us

Plötzlich ist der Führerschein weg

Lüneburg. Helmut Lodwig hat Mühe beim Sprechen. Auch das Gehen fällt ihm schwer, seit er vor anderthalb Jahren einen Schlaganfall hatte. Es war sein dritter. Weil die Polizei auf ihn aufmerksam wurde, droht ihm jetzt der Entzug des Führerscheins. Der 65-Jährige kann das nicht nachvollziehen und kämpft darum, die Fahrerlaubnis behalten zu können – auch aus Sorge um seine Zukunft.

„Ich bin nach dem Schlaganfall schon viele Tausend Kilometer gefahren – problemlos“, sagt Helmut Lodwig. Doch seit dem 12. Februar ist alles anders. An dem Tag musste der Häcklinger bei der Führerscheinstelle des Landkreises vorsprechen, die hatte Zweifel an seiner Fahrtauglichkeit geäußert und zog vorläufig den Führerschein ein. Grund war eine Meldung der Polizei, die ausgerechnet auf einen Hinweis von Helmut Lodwig selbst zu seinem Haus in Häcklingen gekommen war, weil Baufahrzeuge so unglücklich vor seiner Einfahrt parkten, dass er glaubte, nicht mehr mit Auto und Anhänger herausfahren zu können.

Auch Ärzte melden Fahruntüchtigkeit

Den beiden Polizistinnen kam das Verhalten von Helmut Lodwig so auffällig vor, dass sie die Führerscheinstelle benachrichtigten. Die trug ihm auf, ein verkehrsmedizinisches Gutachten über seine Tauglichkeit zum Fahren eines Pkw vorzulegen. Zwar konnte der Gutachter keine gesundheitlichen Einschränkungen erkennen, empfahl aber eine Fahrprüfung. Doch trotz einiger Fahrstunden fiel er bei der Prüfung durch, die TÜV-Prüfer hatten mehrere Fehler moniert.

Dass ihm „ohne Grund“ der Führerscheinentzug droht, ist für ihn unverständlich: „Dann müsste ihn ja jeder, der einen Schlaganfall hatte, abgeben.“ Die Empfehlung seines Arztes, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus zwei Monate aufs Autofahren zu verzichten, habe er berücksichtigt. Darüber würden auch Ärzte des Lüneburger Klinikums stets aufklären und es sich auch schriftlich bestätigen lassen, erklärt Klinikum-Sprecherin Angela Wilhelm. Gibt es zudem konkrete Hinweise, dass der Patient sich trotz drohender Eigen- oder Fremdgefährdung nicht daran hält, „wird die medizinische Einschätzung der Fahruntüchtigkeit der zuständigen Stelle des Landkreises gemeldet.“

Von Polizei und Landkreis fühlt sich Helmut Lodwig unfair behandelt: „Für meine Behinderung kann ich nichts. Ich bin noch nicht so alt, dass ich nichts mehr mitbekomme.“ Doch die sehen sich an Gesetze gebunden. So seien die Ordnungshüter gehalten, entsprechende Auffälligkeiten zu melden. „Was die Polizei uns meldet, nehmen wir als Grundlage für eine weitere Prüfung“, sagt Katrin Holzmann, Pressesprecherin beim Kreis. Wird erkennbar, dass der Fahrer nicht mehr zum Fahren eines Autos in der Lage ist, wird der Führerschein gleich einbehalten, ansonsten wird das Ergebnis eines Gutachtens abgewartet.

Verkehrswacht empfiehlt generellen Gesundheits-Check

Auch die Polizei selbst kann aktiv werden, die Autoschlüssel einziehen oder die Weiterfahrt untersagen, erläutert Kai Richter, Pressesprecher der Polizeiinspektion Lüneburg. Ob von Senioren grundsätzlich eine höhere Unfallgefahr ausgehe, könne er mangels entsprechender Zahlen nicht sagen, wohl aber, dass zuletzt mehr ältere Autofahrer in Unfälle involviert waren. So lag die Anzahl der über 65-Jährigen, die im Bereich der Inspektion an einem Unfall beteiligt waren, im Jahr 2017 bei 786 Personen, im Jahr davor bei 745. „Hier muss man aber auch den demographischen Wandel berücksichtigen“, sagt Richter, sprich: Weil es immer mehr Ältere gibt, steige auch deren Unfall-Beteiligung.

Dass Senioren sich grundsätzlich einer Überprüfung ihrer Fahrtauglichkeit unterziehen sollten, wie immer wieder diskutiert wird, dazu will sich Richter nicht äußern: „Das ist Aufgabe der Politik“. Auch der Kreis hält sich bedeckt, gleichwohl sagt Katrin Holzmann vielsagend: „Deutschland gehört zu den wenigen EU-Ländern, die keine Gesundheits-Prüfungen wie Sehtests verlangen.“ Gerhard Stiwich von der Verkehrswacht Lüneburg empfiehlt für Senioren ab 65 Jahren eine Praxis wie bei Lkw- oder Taxifahrern: „Die müssen alle fünf Jahre zum Gesundheits-Check.“ Zumindest aber sollte regelmäßig ein Sehtest gemacht werden.

Helmut Lodwig will nun einen zweiten Anlauf für die Fahrprüfung nehmen, er hofft, dass es dieses Mal klappt. „Ohne Auto bin ich aufgeschmissen. Dann müsste ich auch mein Haus verkaufen und in die Stadt ziehen. Aber wie soll ich von meiner kleinen Rente künftig die Miete bezahlen?“

Von Ulf Stüwe

Hintergrund

Im Alter auf dem Laufenden bleiben

Spezielle Kurse für Senioren bietet unter anderem die Verkehrswacht Lüneburg an. Dabei werden technische Zusammenhänge erläutert, es gibt eine verkehrstheoretische Unterweisung durch die Polizei und es werden praktische Übungen gemacht. Eine abschließende Prüfung findet nicht statt.