Sonntag , 20. September 2020
Jannick Petersmann ist in Duisburg geboren und in Lüneburg aufgewachsen. Sprüche aufgrund seiner Hautfarbe gehören zu seinem Leben, seit sich der 24-Jährige erinnern kann. Foto: t&w

Wie Rassismus sich anfühlt

Lüneburg. Jannik Petersmann ist in Duisburg geboren, hat in Lüneburg die Waldorfschule besucht und ist schwarz. Fremde Menschen rufen ihm auf der Straße manchmal „Hey, du N…“ hinterher. Im Zug hat eine Reisende ihn und seine weiße Ex-Freundin mal „Milchschnitte“ genannt. Seit sich der 24 Jahre alte Deutsche erinnern kann, gehört Rassismus zu seinem Leben. „Früher hat mich das wütend gemacht“, sagt er, „heute ist es mir egal. Meistens zumindest.“

Der hauptberufliche Musiker sitzt an einem runden Tisch im Café, er lächelt nervös, schaut auf seine Finger. Er hat erst abgelehnt, als die Interviewanfrage kam. „Ich wollte da nicht so’n riesen Ding draus machen“, sagt er. Die paar Sprüche, die paar Beleidigungen. „Was wirklich Schlimmes ist mir ja noch nie passiert.“ Warum er doch noch zugesagt hat? Er zuckt mit den Achseln, „irgendwie dachte ich dann, wieso sollte man nicht drüber reden, was passiert?“ Jetzt sitzt er da und es fühle sich trotzdem komisch an. Vielleicht, weil Rassismus privater ist als gedacht. Vielleicht, weil es auch für dieses Interview nur einen Grund gibt: seine Hautfarbe.

Was er erlebt, erzählt er nur selten

Jannik Petersmann ist kein Aktivist, nicht übermäßig politisch, er besucht keine Demos gegen Rassismus und darüber, was er als Schwarzer in Deutschland erlebt, spricht er nur hin und wieder mit guten Freunden. Wie neulich, nachdem ihn am Bahnhof zwei Mittvierziger von der Seite anquatschten, in einer Mischung aus Deutsch und Englisch fragten: „It’s cold hier, oder?“ (Es ist kalt hier, oder?). „Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was die eigentlich meinen“, sagt er. „Doch was soll ich dazu sagen? Ich bin hier geboren? Ich bin mit Winterjacken groß geworden?“ Er entschied, sich umzudrehen und nichts dazu zu sagen. „Idioten halt“, sagt er. Und trotzdem: Sie haben ihn vermutlich schneller vergessen als er sie.

Wissenschaftlich ist bewiesen: Es gibt keine Menschenrassen. Trotzdem ist Rassismus nach wie vor in vielen Köpfen verankert, gehört die Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe noch immer zum Alltag vieler Menschen. Die Folgen für die Betroffenen reichen von Angstzuständen über Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörungen bis zu schweren körperlichen Leiden. Die Ärzteorganisation „IPPNW“ fasst es in einer Stellungnahme zusammen: Rassismus macht krank.“ Registriert werden offiziell allerdings ausschließlich rassistische Straftaten, 2015 gab es ein Drittel mehr als 2014. Mindestens 13.846 Vorfälle findet man in den 2015er-Akten der Sicherheitsbehörden.

Was sich in keiner offiziellen Statistik findet, sind Erlebnisse wie die von Jannik Petersmann. Oder von der 23 Jahre alten Rayan M.* aus Lüneburg. Ende 2013 ist die junge Frau aus Syrien geflohen und über Umwege nach Lüneburg gekommen. „Ich bin froh, hier zu sein“, sagt sie, „ich mag die Stadt, es gibt viele sehr nette Menschen.“ Doch als Muslimin mit Kopftuch erlebt sie in Deutschland auch immer häufiger Ausgrenzung, zuletzt sogar Handgreiflichkeiten.

„Ich war in Hamburg mit meinen Freundinnen unterwegs, da hat mir ein mann im Vorbeigehen mitten auf der Straße einfach seinen Ellenbogen in die Seite grammt.“ – Rayan M. aus Syrien

„Ich war in Hamburg mit Freundinnen unterwegs“, erzählt sie, „da hat mir ein Mann im Vorbeigehen mitten auf der Straße einfach seinen Ellbogen in die Seite gerammt.“ Sie sei so geschockt gewesen, dass sie erst gar nichts machen konnte. „Dann habe ich ihn auf die Schulter gehauen und gefragt, warum er das getan hat.“ Ohne ein Wort zu sagen, sei er auf sie losgegangen. „Aber eine Frau hat geschrien: ,Nicht anfassen‘“, sagt Rayan M., „dann hat er mich in Ruhe gelassen.“ Für die 23-Jährige war das der bisher schlimmste Vorfall in Deutschland. Was sie als Frau mit Kopftuch sonst noch als Rassismus erlebt hat, deckt sich mit dem, was die Äthiopierin Mare L.* erzählt.

Die junge Frau hat ihren deutschen Mann in Äthiopien kennengelernt, ist Ende 2012 mit ihm und ihrer kleinen Tochter nach Lüneburg gezogen. Sie ist schwarz – deswegen stehen hier manche Menschen lieber im Bus, als sich neben sie zu setzen. Deswegen, glaubt sie, lassen auch manche Verkäuferinnen sie im Geschäft keine Sekunde lang aus den Augen. „Außerdem gibt es viele Momente, in denen niemand etwas sagt oder tut, ich aber sehr genau merke, dass ich als Schwarze nicht dazu gehöre.“ Sie will das nicht bewerten, „zumal mein Mann ähnliches als Weißer in Äthiopien erlebt hat“. Sie will nur erzählen wie es tatsächlich ist – mit einer anderen Hautfarbe hier zu leben.

Gedankenlos oder rassistisch?

Jannik Petersmann lehnt im Caféstuhl, er hat von seiner Wohnungssuche in Hamburg erzählt und den Momenten, die er als Weißer in Deutschland vermutlich nie erlebt hätte. „Manches“, sagt er, „ist dann einfach nur Gedankenlosigkeit.“ Wie die Frage, ob er einen Personal- oder Asylausweis dabei habe. Oder die Schlussfolgerung, dass die einzige schwarze Frau unter den Interessenten seine Freundin sein muss. Anderes sei eindeutig rassistisch. Wie die Aussage eines Vermieters: „Wenn ich Sie und Ihre Freundin reinlasse, dann kommen plötzlich immer mehr von euch!“

Schon als Grundschüler hat Petersmann die ersten Sprüche wegen seiner Hautfarbe zu hören bekommen, „seitdem gehört das ganz einfach zu meinem Leben dazu“, sagt er. Der 24-Jährige hat sich damit abgefunden – und versucht, Feindseligkeit, Ignoranz und Gemeinheiten an sich abprallen zu lassen. Das gelingt ihm mal besser, „in letzter Zeit aber leider wieder schlechter“, gesteht er. Denn auch wenn er nicht das Gefühl hat, dass die Stimmung in der Gesellschaft kippt, spürt er deutlich: Der Ton wird rauer. „Früher haben Leute bestimmte Sachen nur gedacht“, sagt er, „heute trauen sich immer mehr, es auch offen zu sagen.“

*Namen von der Redaktion geändert

von Anna Sprockhoff